Andrzej Steinbach

ASPN, Leipzig, Germany

 

Eine unbetitelte, unzugängliche Fotografie von Andrzej Steinbach von 2013: Gänzlich unprätentiös findet sich ein Schallplattenspieler im Bildzentrum, den Plexiglasdeckel abgegriffen und zerkratzt; daneben eine Lonsdale-Jacke, Zigaretten und allerhand Krimskrams. 2016 bildet diese Aufnahme die Klammer für Steinbachs Show „The Parallax View“ bei ASPN, bestehend aus fünfzehn Farbfotografien und drei Soundarbeiten auf Vinyl. Sämtliche Fotoarbeiten, jeder Auratisierung vorbeugend schmucklos an die Wand gepinnt, kultivieren eine verrauschte, verschlossene Ästhetik. Wie geologische Studienobjekte sind Pflastersteine und Ziegelbruchstücke ins Bild gerückt, platziert vor graustichigen Tapeten oder auf Glasplatten, wo sie Dreck und Kratzspuren hinterlassen haben. Auch zwei Aufnahmen von Streetwear-Jacken, drapiert in einem kahlen Interieur, entziehen sich ersten Leseversuchen erfolgreich, als ob in den Fotografien Codes niedergelegt wären, die ausschließlich für Eingeweihte zu entschlüsseln sind. Ganz wie bei der bereits erwähnten Fotografie, deren militantes Potential sich erst mit dem Wissen erschließt, dass es ein Plattenspieler war, der Andreas Baaders im Gefängnis in Stammheim als Waffenversteck diente.

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Andrzej Steinbach, Untitled (Pose I), 2016, Fine Art Print, 60 x 40 cm. Courtesy: ASPN Gallery, Leipzig

Andrzej Steinbach, Untitled (Pose I), 2016, Fine Art Print, 60 x 40 cm. Courtesy: ASPN Gallery, Leipzig

Knacken lässt sich die Serie ausgehend von den sechs Fotos, auf denen – vollständig oder teilweise – menschliche Figuren abgebildet sind: In Untitled (pose I) (2016) posiert eine junge Frau mit Kurzhaarschnitt und schwarzer Base-Cap unter der Kapuze ihres ebenfalls schwarzen Mantels. Feindselig blickt sie aus tiefberingten Augen, die Hände in schwarzen Lederhandschuhen zu Fäusten geballt. Am Bildrand dieses deutlich an das Register der Modefotografie angelehnten  Bildes findet sich ein Umzugskarton, auf den in fünf Sprachen das Wort „Achtung“ gedruckt ist. Ein anderes, stark flächiges Foto zeigt in Nahaufnahme Kleidungsfetzen über zerkratzter Haut, die der Titel Untitled (activist) (2016) als Rückstände einer politisch imprägnierten handgreiflichen Auseinandersetzung ausweist. Auf der Aufnahme Untitled (reading) (2016) wiederum liest die Figur mit der Base-Cap in einem Buch des autonomen situationistischen Kollektivs Comité invisible, bekannt für ihren Text Der kommende Aufstand (2009). Über eindeutigere Codes wie solche Literaturreferenzen und Szenekleidung gelingt es zunehmend, die Serie zu dechiffrieren, einen Subtext der Revolte freizulegen. Im Verbund damit liest man die Steine plötzlich als Wurfgeschosse und den abweisenden Gestus der Fotografien als programmatisch in seiner wehrhaften Abneigung gegenüber einem allgegenwärtigen gouvernementalen Blicks, der ästhetisch normierte und eindeutige Inhalte fordert. In diesem Zusammenhang verwundert nicht, dass der Ausstellungstitel mit Parallaxen die scheinbare Verschiebung von Objekten bei gleichzeitiger Veränderung des Beobachtungsstandpunkts benennt, nebenbei aber auch auf ein Buch Slavoj Žižeks gleichen Titels von 2004 verweist.
 

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Andrzej Steinbach, 'The Parallax View', installation view, ASPN, Leipzig

Andrzej Steinbach, 'The Parallax View', installation view, ASPN, Leipzig

Etwas weniger implizit arbeiten die Soundarbeiten dieses revoltierende Moment heraus. Auf einer der Audiospuren, der Installation, Liste (2015), verliest eine Sprecherin sämtliche Namen der RAF-Mitglieder, wobei über ihren französisch-westafrikanischen Akzent eine starke Verfremdung stattfindet. Wie schon bei den Fotografien findet dabei eine Form misstrauenden, verklausulierten Sprechens statt, die sich Uneingeweihten kaum bis gar nicht erschließen will. Ähnlich verfremdend geht Steinbach bei Talkshow (2015) vor, eine weitere auf Vinyl gepresste Soundarbeit. Ein über YouTube zum Klassiker avancierter Fernsehtalk aus den Siebzigern, an dessen Ende Ton-Steine- Scherben-Sänger Nikel Pallat einen Tisch zertrümmert, wird hier dramatisch verdichtet nachgesprochen. Abzüglich des Geschreis und Durcheinanders des Fernsehmitschnitts rückt in diesem aufgeräumten Hördrama der Grund für Pallats Ausraster in den Vordergrund: Die Vereinnahmung linksalternativer Künste durch den „marktwirtschaftlichen Wettbewerb“. Ein Vorwurf, denn man auch gegen Steinbach wenden könnte. Sein Ansatz funktioniert aber genau umgekehrt: Ihm geht es um die Frage, wie nach dem umfänglichen Siegeszug eines glatten Warenpiktorialismus Uneindeutigkeit und politischer Nonkonformismus wieder bildnerisch transportiert werden können. Dabei setzt Steinbach – motivisch wie ästhetisch – auf implizite Abweisung. Und im Unterschied zu Pallats harter Frontstellung katapultiert sich diese eben gerade nicht in ein diskursives Außen.

Moritz Scheper is a writer and curator based in Essen, Germany, where he works as artistic director at Neuer Essener Kunstverein.

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