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Anna Zacharoff

Die Tiefseetaucherin

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Kvikk Lunsj, 2014, Öl und Farbstoff auf Leinwand (courtesy: die Künstlerin & Standard (OSLO))

Kvikk Lunsj, 2014, Öl und Farbstoff auf Leinwand (courtesy: die Künstlerin & Standard (OSLO))

Muscheln, Schildkröten und Fische in zartem Aquarell, Öl und Pastell: Auf den Leinwänden von Anna Zacharoff findet sich allerlei Meeresgetier. Auf Kvikk Lunsj (2014) beispielweise bringen teils verwa­schene, teils energische Pinselstriche im steten Umschwung von Zaghaftigkeit und Impulsivität die Umrisskonturen einer Schildkröte hervor: Der Panzer bleibt schemenhaft, der seitlich geneigte Kopf aber ist präzise ausgearbeitet. Das große Schildkrötenauge blickt den Betrachter direkt an. Fast freigestellt wirkt das Tier. Allein ver­einzelte Farbspuren am Rande betten es ein wenig auf der ansonsten leeren, ungrun­dierten Leinwand ein. Auf den zweiten Blick aber erscheint diese Leere der Leinwand als perfektes Substitut für die endlose Weite des Ozeans. Ein Hauch von melancholischer Erhabenheit liegt über dem Bild, die Idee einer romantisch verklärten Einsamkeit im großen weiten Meer; der Welt entrückt, für uns unerreichbar.

Zacharoff, die in Frankfurt am Main lebt und arbeitet, lässt den Betrachter darüber im Dunkeln, welche skurrilen Referenzen ihre Charaktere insgeheim formen. Im Gespräch aber erzählt sie von biologischen Studien über hirnlose, aber scheinbar niesende Wasserschwämme, aufgespürt in Büchern wie Ellen Pragers Sex, Drugs, and Sea Slime: The Ocean‘s Oddest Creatures (2012), Literatur wie Hans Christian Andersens Kleine Meerjungfrau (1837) oder schlicht persönliche Erfahrungen, die Tatsache beispielsweise, dass sie selbst früher den Spitznamen „Lobster“ verpasst bekommen hatte. Auf der Leinwand selbst bleiben nur die illus­trativen, cartoon-artigen Motive: aufs Wesentliche reduziert und wie zoologische Exponate einzeln konserviert – freigege­ben für den prüfenden Blick des Betrachters.

In der gemeinsam mit George Rippon realisierten Ausstellung Harmonie Grunge, die im März 2015 in der Galerie Svetlana in New York zu sehen war, wurde diese Isolation durch Rippons installative Eingriffe aufgebrochen. Während auf den Bildern Zacharoffs eine Fechterschnecke mit majestätischen Zacken auf einem angedeuteten gelb-leuchtenden Grund thront oder ein Einsiedlerkrebs im Wasser zu treiben scheint (beide Arbeiten: with or without you, 2015), findet sich auf dem Boden des Ausstellungsraums Rippons Fish in the Dark (2015), eine Arbeit, die mit ihren auf einer Keramik­gussplatte arrangierten getrockneten Blüten, einem Textfragment, Aktenkoffer tragen­den Miniaturfiguren sowie einem Foto von gestapelten Bargläsern von etwas sehr viel Konkreterem erzählt: dem städtischen Verdrängungstumult in Metropolen wie Frankfurt am Main oder New York. Ein Plüsch-Husky legt seine Pfote besitzergreifend über die Platte. Einige von Rippons Miniaturfiguren erklimmen gar Zacharoffs Leinwände oder haben es sich auf derem oberem Rahmen bequem gemacht.

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Diver, 2014, Muscheln und Gips

Diver, 2014, Muscheln und Gips

Zacharoffs eigene Skulpturen nehmen hingegen die Meeres-Thematik auf: Schaumstoffschildkröten mit plumpen Gliedmaßen (Turtle # 1 Maggie, 2014), die so aussehen, als würden sie sich – in Zacharoffs 2014er-Ausstellung in der Kopenhagener Galerie Bianca d’Allesandro – mühevoll über den Boden schleppen (dabei lassen sie unweigerlich an die stoisch-poppigen Gestalten einer Cosima von Bonin denken); Gipsabgüsse von flossenartigen Füßen (Diver (foot), 2014), die 2014 als mit Muscheln überwucherte Überreste versunkener Statuen den Aus­stellungsraum von Vilma Gold in London in den Grund des Meeres zu verwandeln schienen. In ihrer nächsten Solopräsentation im September 2015 bei Neue Alte Brücke in Frankfurt am Main (mit dem Titel Happy new Christmas) plant Zacharoff, die Verschränkung von Malerei und Skulptur auf ein neues Level zu heben. Für eine neue Arbeit wird die Leinwand selbst zu einer Skulptur, die das Spiel mit den maritimen Klischees auf die Spitze treibt: Ein Leinentuch mit Krabbenbild wird horizontal über eine dreibeinige Holzstruktur gespannt und formt einen Schemel, von dem ein leeres Fischernetz herunterbaumelt. Im Kreuzungspunkt der Holzbeine hängt zudem ein weißes kleines Handtuch mit typisch blauen Marinestreifen.

Zacharoffs Objekte befreien die erhabenen Kreaturen ihrer Malerei aus ihrem Einzelgängertum, rauben diesen aber mit ihrer oft tapsigen und leicht unbehol­fenen Erscheinung zugleich ein Stück der anmutigen Aura. Über die süße neo-roman­tische Weltflucht in entrückte Unter­was­sertiefen legt sich ein bedächtiger Humor, der sich jedoch nie zu einer griffigen Pointe verdichtet. Diese Art der Slapstick-Komik kitzelt aus der Wiederholung der immer gleichen Unterwassermotive eine gewisse Absurdität heraus, sie schimmert in der Stagnation der selbst schon immer ein wenig strauchelnden Tiere durch wie ein sich ständig wiederholender Witz. Etwa der Aal auf Eel (2014), der mit seinen auf­gerissenen Augen und dem geöffneten Maul wie in der Bewegung erstarrt und hilflos in einer Pose gefangen wirkt.

Ob auf der Leinwand arretiert oder scheinbar schlapp über den Fußboden kriechend: Zacharoffs Geschöpfe bieten sich förmlich dazu an, mit einer Art niedlichem Mitleid betrachtet zu werden – solange, bis man den Eindruck hat, dass sie zurück blicken. Was beispielsweise mit dem stummen Starren eines Löwenfisches beginnt (Lionfish #2, 2014), verwandelt sich zu dem, was T. J. Clark als wechselseitigen Aus­tausch von Blicken beschreibt: die Vorstellung des Betrachters, sich in den Blicken der Porträtierten reflektiert zu finden. Und so scheint es schließlich, als hielten uns Zacharoffs Geschöpfe einen Spiegel vor, in denen wir uns letztlich selbst als ausgespähte Narren erkennen können. Der Löwenfisch grinst derweil still und wissend in sich hinein.

Elisa R. Linn is a writer and curator who lives in Berlin and Frankfurt. 

Ausgabe 20

First published in Ausgabe 20

Juni - August 2015
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