Bettina Allamoda

Kunsthaus Erfurt

Bettina Allamoda, Pazuzu, 2010, 3D Pop-up Relief, Archiv Digitaldruck auf Wellpappe, 70 × 100 × 7 cm

Als sich der US-amerikanische Militäroffizier Nik Guran 2004 während eines Nord­irak-Einsatzes William Friedkins Film Der Exorzist (1973) anschaute, bemerkte er, dass die Eröffnungsszene des Films in genau denselben Ruinen gefilmt worden war, in denen er selbst stationiert war. Das brachte ihn auf die Idee, in der Nähe der Ruinen des antiken Sonnentempels in Hatra, unweit von Mosul, einen Exorzisten-Themenpark zu eröffnen, den er „Exorcist Experience“ taufen wollte. Die Idee wurde finanziell durch das Pentagon gefördert und erntete Lob und Unterstützung, auch von Friedkin.

Diese Geschichte, die die Künstlerin Bettina Allamoda bereits 2008 als Ausgangspunkt für eine Ausstellung in Berlin verwendete, wird nun in ihrer Ausstellung No Go – The Exorcist Revisited / Brick Security erneut belebt. Der Alternativtitel Brick Security verweist auf den Namen einer multinatio­nalen Einheit, die während des Irakkrieges zur Bewachung archäologischer Stätten abgestellt war – Ausdruck der starken Verbindung zwischen Archäologie und Macht. Die Vielschichtigkeit des Materials sowie Allamodas Entscheidung, sich ihrer eigenen Ausstellungsarchäologie zuzuwenden, erlaubt, dass die versteckten Bedeutungen offengelegt und herausgekitzelt werden.

Gerüst Mix (2010) zeigt Stahlbarrikaden und Käfigtänzerinnen in Nachtclubs. Barrikaden erinnern zwangsläufig an Grenzen und Kontrolle, genauso wie Pink und Glitzer proletenhafte Weiblichkeitsstereotype aufrufen. Allamoda erfreut sich der Manipulation anachronistischer Themen und Klischees, wobei die Art, in der sie Bilder und Stoffe anordnet, an Fashion-Moodboards denken lässt – zum Beispiel in der bunten Collage-Reihe Sahara (2013), Los Angeles (2013) und Matamba (2013). In letzterer Collage ist das Foto Phallus-förmiger archäologischer Ruinen mit einem Stück fuchsienfarbenen Stoffs dekoriert.

Allamodas Werk hält mehr Details und Überraschungen bereit. In dem 3D-Papiermodell Exorcist/Hatra (2010), das die Schwebeszene aus Der Exorzist zeigt, versteckt sich jemand hinter der Tür, als ob er gleich eintreten wolle – womöglich ist es Offizier Guran selbst?

Wie Jörg Heiser in seiner Besprechung der Allamoda-Schau von 2008 bemerkte, könnte man Spannung als einen der zentralen Aspekte für das Werk der Künstlerin betrachten. Die Spannung zwischen Duali­täten, die Torsion, die beim Ziehen und Drücken, Dehnen und Drehen entsteht, sind für sie ein Spiel – sowohl im Hinblick auf Inhalte als auch auf Materialien. Da ist beispielsweise das verzinkte Stahlrohr, das in Hammerblow #2 (2013) mit einem schimmernden, bläulichen Polyesterstoff umwickelt ist und übermäßig sexualisierte Begriffe von Männlichkeit und Weiblichkeit bis in die Karikatur treibt. Durch das Aus­einanderziehen wird der Stoff ganz hart. Die Drapierungen von Spandex und PVC-Glitzernetzen in Truppenbetreuung (2010) und Truppenbetreuung #2 (2011) vermitteln dafür eine andere Art von Zugkraft.

Selbst wenn der Galerieraum nicht besonders ansprechend genutzt wird, erscheinen Allamodas Arbeiten energisch und unheimlich. Aus der Archäologie einer Geschichte und ihrer eigenen Arbeit gräbt sie typisch phallische Motive und koloniale Konnotationen hervor: weiblich-männlich, Ost-West. Doch ihre gleichsam scharfe und verspielte Kritik sollte man schon ernst nehmen. Anstatt bloß zurückzuverfolgen, nimmt Allamoda Vorstellungen, Körper und Länder auseinander. So wie es – in ganz anderem Sinne – auch Armeen und Regierungen tun.
Übersetzt von Anna-Sophie Springer

Ausgabe 12

First published in Ausgabe 12

Dezember 2013 - Februar 2014

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