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Ausdruck eines tieferen Gedankens

Politische Rhetorik aus der Kunsthochschule

„Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.“ Dieser Satz tauchte am 22. Februar in der Rede der Pegida-Frau Tatjana Festerling bei der Dresdner Montagsdemo auf. Und weiter: „Ja, und wenn Worte nichts mehr nützen, äußert sich die Straße.“ Gemeint war dies als Rechtfertigung des hasserfüllten Mobs, der in der sächsischen Gemeinde Clausnitz wenige Tage zuvor einen ankommenden Bus mit Flüchtlingen blockiert hatte. Der Satz mit der „Selbstzerstörung“ stammt aus einem Interview, das Peter Sloterdijk Anfang des Jahres dem Cicero gegeben hat. Es ist der letzte Satz, die Schlusspointe des Gesprächs, mit dem der Philosoph für eine „effiziente gemeinsame Grenzpolitik“ für Europa plädiert. Was er für effizient hält, führt er nicht genau aus, aber es bleibt nur der Schluss, dass die Selbstzerstörung drohe, wenn man – wie in Deutschland – allzu hilfs- und aufnahmebereit ist, und nicht – wie in Ungarn – Wälle aus Nato-Draht aufrichtet. 

Es ließe sich nun sagen: Man kann sich die Leute nicht aussuchen, die einen zitieren. Oder: Wer solche neuen Freunde hat, braucht keine alten Feinde mehr. Oder: Altbekanntes Spiel, der Philosoph provoziert. Aber es bedeutet mehr als bloß ein bisschen Aufregung im Feuilleton, wenn sich die derzeitige Wortführerin von Pegida im Phrasenbaukasten des Peter Sloterdijk bedient. Es bedeutet, dass die Botschaft angekommen ist. Der Philosoph, der zehn Jahre lang im ZDF mit Rüdiger Safranski Das Philosophische Quartett moderierte, der von 2001 bis 2015 Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe war und dort weiterhin eine Professur innehat, darf nun auf absehbare Zeit als Stichwortgeber neurechter Agitatoren gelten. „Lügenpresse“ hat man ja nun oft genug gebrüllt, wie wäre es also jetzt mit Sloterdijks „Lügenäther“? Auch Safranski, Verfasser von Goethe-, Nietzsche- und Heidegger-Monografien gibt sich Mühe, Formulierungsvorschläge zu liefern. „Deutschland wird geflutet“ – ein Slogan, der bei Rechtsradikalen wie dem NPD-Europa-Abgeordneten Udo Voigt oder dem Blogger Karl-Michael Merkle alias „Michael Mannheimer“ seit Längerem kursiert – wird bei dem Bestseller-Autor zu: „Deutschland fluten? Da möchte ich gefragt werden.“

Warum äußern sich die Herren Denker so? Erster Gedanke: Alte Männer haben, emeritiert oder sonst wie sich ausrangiert fühlend und an erotischen Briefromanen schreibend (ein entsprechendes Werk von Sloterdijk ist für Mai bei Suhrkamp angekündigt), Angst vor Geltungsverlust und suchen daher schwadronierend politische Abenteuer. Aber das genügt natürlich nicht als Erklärung. Man versucht also die zugrunde liegende Diskurstrategie zu verstehen. Wie der Historiker und Rechts­extremismusforscher Helmut Kellershohn kürzlich in einem  3sat-Fernsehbeitrag konstatierte, versucht Sloterdijk den Eindruck zu erwecken, seine begrifflichen Abwandlungen längst eingeführter rechter Denkmodelle seien „Ausdruck eines tieferen Gedankens“. Das gilt ebenso für Safranski, der im gleichen Beitrag behauptet, die AfD werde gegenwärtig „unter dem Trommelfeuer der Verleumdung an den Rand gedrückt.“ Er spricht wohlgemerkt von der Partei, deren Bundessprecherin Frauke Petry im Januar den Schusswaffengebrauch an der Grenze  zur Abwehr von Flüchtlingen gefordert hatte; deren thüringischer Fraktionsvorsitzender Björn Höcke vergangenen Oktober bei einer Kund­gebung in Magdeburg unverhohlen von „tausendjähriger Vergangenheit“ und „tausendjähriger Zukunft“ Deutschlands tönte. Wer wird hier bitte von wem an den Rand gedrückt? Safranski bedient sich hier der gleichen rhetorischen Verkehrung, die bei den Neurechten fortwährend im Einsatz ist: Man stilisiert sich einfach selber zum unterdrückten Opfer von Hetze. Etwa, wenn Festerling in der erwähnten Rede davon spricht, Pegida-Aktivisten und rechte Buchautoren würden nicht mit Sloterdijks für Einwanderungswillige vorgesehenen „wohltemperierten Grausamkeit“ behandelt, sondern mit einer Grausamkeit, die „vernichtend,  unerbittlich und voller Härte“ sei, um ihre Existenz gebracht.

Vielleicht muss man, wie es der Politikwissenschaftler Herfried Münkler jüngst in einem erhellenden Artikel in der Zeit durchexerzierte, einmal so tun, als ginge es bei Sloterdijk und Safranski nicht um rhetorisch aufgeblähtes Ressentiment, sondern um sach- und handlungsorientierte Politik. Grenze dicht machen? Also gut – was passiert dann? Münkler kommt zu dem Schluss, dass Angela Merkel, der Safranski „Gesinnungsethik“ vorwirft, schlicht klüger agiert. Antizipierend, dass im letzten Sommer eine Grenzschließung in einer Art Kettenreaktion letztlich den Kollaps der südosteuropäischen Staaten hätte bedeuten können, habe sie gewissermaßen auf Zeit statt Raum gesetzt. Merkel habe durch die Entscheidung, die Flüchtlinge aufzunehmen, Zeit gewonnen für den Versuch, Fluchtursachen zu bekämpfen und Regelungen mit anderen Staaten zu finden, anstatt katastrophische Zustände entlang der Balkanroute heraufzubeschwören. Diejenigen hingegen, die ihr Heil im „territorialen Imperativ“ (Sloterdijk) suchen, würden die daraus sich ergebenden Konsequenzen gar nicht erst in Betracht ziehen – womit sich für Münkler die „strategische Unbedarftheit ihres Dahergeredes“ offenbart.

Bei AfD-Politikern werden die Konsequenzen sehr wohl bedacht – und in Kauf genommen, wenn nicht begrüßt. Wenn sie nicht gleich wie Petry den Schusswaffengebrauch fordern, so kündigen sie beispielsweise an, man werde „unschöne Bilder im Fernsehen ertragen“ müssen, wenn die Grenze dicht ist, und auch wenn dann etwa Flüchtlinge in Hungerstreik treten, müsse man „konsequent durch diese Phase, dann werden die Flüchtlingsströme abebben“. Diese Äußerungen, gemacht Ende Januar 2016 bei einer Wahlkampf-Veranstaltung in Bad Dürrheim, stammen von Marc Jongen. Er ist stellvertretender Sprecher und Programmkoordinator der AfD Baden-Württemberg sowie Mitglied in der AfD-Bundes­programmkommission. Jongen ist auch Philosophiedozent an der HfG in Karlsruhe. Dort war er lange Jahre der Assistent des Rektors Sloterdijk.

Jongen schreibt auf seiner Website, er unterscheide peinlich zwischen seinen beiden Rollen: „Mein politisches Engagement erfolgt gänzlich unabhängig von allen meinen akademischen Kontakten und Tätigkeiten.“ Das mag insofern gelten, als er sich nicht die Blöße gibt, in der Kunsthochschule zu agitieren. Umgekehrt operiert er im politischen Feld aber ständig mit dem Leumund akademischer Seriosität und philosophischen Ansehens. Am Ende eines von ihm im Januar 2014 in Cicero veröffentlichten Artikels, der nichts anderes als eine Lobrede auf die AfD und ihre politischen Ziele ist, firmiert er in der Autorenzeile als „Dozent für Philosophie an der HfG Karlsruhe sowie Assistent des Rektors Peter Sloterdijk“, erst dann als „stellvertretender Sprecher sowie Programmkoordinator der AfD Baden-Württemberg“. Dennoch muss man natürlich grundsätzlich hinnehmen, dass Jongen weiterhin seine Tätigkeit an der HfG ausübt, will man nicht die Grundsätze der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit gefährden. Was jedoch legitim erscheint, ist, was Autoren der Buchreihe „HfG Forschung“ in einem offenen Brief gefordert haben (und was  inzwischen auch geschehen ist): deren Herausgeber Jongen von ebendieser herausgeberischen Aufgabe zu entbinden. Wen wundert’s, dass Jongen aufheult, der Architekturwissenschafler Stephan Trüby (einer der Unterzeichner des Briefes) und der Kunsthistoriker Beat Wyss – ebenfalls Lehrender an der HfG – agitierten „in karrierevernichtender Absicht“ gegen ihn. Erinnert ein wenig an die erwähnte Wortwahl von Festerling. Nicht viel zu spüren von dem „wohltemperierten Thymos“, den Jongen in der gleichen Textpassage für sich beansprucht, ein „in sich ruhendes Selbstbewusstsein“.

„Thymos“, ein Lieblingsbegriff Sloterdijks, ist bei Platons gleichnishaftem Seelenwagen eine der drei den Menschen bestimmenden Kräfte: Neben der Vernunft, die den Wagen lenkt, gibt es die beiden geflügelten Pferde, wovon eines die Begierde (epithymetikon) und eines den Mut oder Zorn (thymoeides) darstellt. Laut Platon obliegt es der Vernunft, als Wagenlenker die beiden ziehenden Kräfte in der Balance zu halten. Diese Balance scheint gründlich verloren bei den Beschwörern des „Thymischen“. Ihre haltlosen Behauptungen gilt es zu widerlegen.

Jörg Heiser ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Kunst im Kontext der Universität der Künste, Berlin.

Issue 23

First published in Issue 23

Spring 2016
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