Tendenz: Malerei

Painting Forever! in Berlin

In diesem Jahr funktionierte der Berliner Kunstherbst wie das Schachtelprinzip russischer Matrjoschkas: Alles ließ sich vom ganz Großen bis ins Kleinste herunterbrechen. Hinter der Berlin Art Week verbarg sich Painting Forever!. Hinter Painting Forever! verbargen sich vier Berliner Institutionen, in welchen wiederum zumeist in Berlin lebende Maler und Malerinnen ihre Werke präsentierten. Auf einer zweiten Ebene spiegelte das gemeinsame Ausstellungs­projekt – gewollt oder ungewollt – auch die tatsächlichen oder vermeintlichen Hierarchien auf dem Kunstmarkt wider: Die etablierten (durchweg männlichen) Positionen präsentierten sich räumlich ausgreifend (Franz Ackermann in der Berlinischen Galerie) oder großformatig-museal (Martin Eder, Michael Kunze, Anselm Reyle und Thomas Scheibitz für BubeDameKönigAss in der Neuen Nationalgalerie), während sich die „anderen“ entweder in der Petersburger Hängung in den KW (Keilrahmen, über 70 Künstler) drängelten oder sich in der noch um Profil ringenden Deutsche Bank KunstHalle wiederfanden. Die dort von Eva Scharrer kuratierte Schau To Paint Is To Love Again mit den Werken von vier Malerinnen erschien als eine Art gefühliger all-female_-Gegenpol zur auftrumpfenden Herrenrunde in der Nationalgalerie. So wurden wieder einmal alte Geschlechter-Stereotypen aufgerufen, und Udo Kittelmann konnte im _Tagesspiegel_-Interview sogar erklären, _Painting Forever! sei eine ausgewogene Sache: „Ich betrachte Painting Forever! als Ganzes, durch die vier Künstlerinnen in der DB Kunsthalle gleicht sich das aus.“ Keilrahmen, die von Ellen Blumenstein kuratierte Gruppenschau, hingegen wirkte, als sei jemand zunächst mit dem großen Kescher durch die Ateliers der Hauptstadt gegangen, um Arbeiten einzusammeln, die sich in Salonmanier möglichst passgerecht an eine große Wand anbringen ließen. (Damit erinnerte Keilrahmen fatal an Macht Kunst, eine populistische Kunstaktion, die im Frühjahr in der KunstHalle stattgefunden hatte.) Hinter all dem rumorte die Frage, ob das heute noch geht: die Malerei selbst zum Thema einer Art Mini-Biennale zu machen?

In der Art, wie sich das Projekt über solche virulenten Grundsatzfragen hinwegsetzt und Kritik an sich abperlen lässt, manifestiert sich sowohl das planlose Agieren der Berliner Kulturpolitik und als auch die inhaltliche Schwäche der Institutionen. Denn im Fall von Painting Forever! exekutieren die Institutionen einen Plan der Berliner Lokalpolitik, die im Gegenzug bereit war, das Gesamtunternehmen mit einer halben Million Euro und überregionalem Marketing zu unterstützen. Das Kalkül: Weil es in Berlin seit der Einstellung des Art Forum Berlin 2011 keine zugkräftige, szenenübergreifende Messe mehr gibt, sollen Blockbusterausstellungen wie Painting Forever! dem Berliner Kunstherbst Relevanz verleihen und möglichst viele auswärtige Besucher in die Stadt locken. So betrachtet, lässt sich die inhärente Ausstellungsthese von der „unbeachteten Malerei“, die es nun gelte, endlich ins Zentrum zu rücken, vom Kopf auf die Füße stellen: Es ist gerade ihre Popularität, die die Malerei für eine derartige Großausstellung prädestiniert. Rätselhaft bleibt dennoch, warum sich alle vier Ausstellungen auf in Berlin lebende Künstler konzentrieren. Sollte hier vielleicht so etwas wie eine „Berliner Schule“ konstruiert werden?

Dabei geht der Diskurs in eine andere Richtung. Malerei ist längst aus ihren Rahmen befreit und nimmt auf vielfältige Weise auf die Kontexte Bezug, in denen sie flottiert, sei es der Markt, seien es die Galerien- und Museumsräume, in denen sie gezeigt wird, seien es die unterschiedlichen sozialen Netzwerke, in denen sie kursiert. Spürbar wird das im Grunde genommen nur in den Beiträgen von Ackermann, der für Hügel und Zweifel in der Berlinischen Galerie die Wände der großen Eingangshalle mit einem riesigen abstrakten, als Landschaft lesbaren Wandgemälde überzieht, sowie in Antje Majewskis Arbeiten in der KunstHalle. Majewskis Werke werden dort, ebenso wie die von Katrin Plavčak und Giovanna Sarti, mit späten Bildern der wenig bekannten Berliner Künstlerin Jeanne Mammen (1890–1976) zusammengebracht. Mammen arbei­tete in den 1960er Jahren kleine Stanniol-Papiere von Pralinen-Verpackungen in ihre abstrakt-figurativen Kompositionen ein. Das Weiterleiten des Alltags in die eigene Produktion findet bei den anderen Künstlerinnen unterschiedlich statt: Bei Plavčak tauchen etwa Nachrichtenbilder des Whistle­blowers Bradley Manning auf; Majewski malt „wertlose“ Fundstücke wie Muscheln oder integriert kleine Stapel von Abbruch-Ziegelsteinen in ihren Ausstellungsaufbau.

Indem aber sowohl Keilrahmen wie auch BubeDameKönigAss das Malen auf die gerahmte Leinwand beschränken, setzen sie dagegen einen überholten, konservativen Formatbegriff auf die Tagesordnung. Doch gerade der ist es, der keine Aussicht auf Ewigkeit hat. Painting Forever! zeigt deshalb vor allem dies: Die Malerei ist lebendig wie lange nicht mehr, scheitern aber muss dagegen ein Umgang mit ihr, der ihre Pluralität und Vernetztheit aufgrund ganz anderer Motive zu ignorieren sucht.

Kito Nedo arbeitet als freier Journalist für verschiedene Magazine und Tageszeitungen. Er lebt in Berlin.

Ausgabe 12

First published in Ausgabe 12

Dezember 2013 - Februar 2014

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