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Désertieren

Kunstpavillon

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„Désertieren”, Ausstellungsansicht, 2011

„Désertieren”, Ausstellungsansicht, 2011

Im prächtigen Hofgarten Innsbrucks gelegen, in dem manche Gewächse noch von Kaiserin Maria Theresia persönlich gepflanzt worden sind, lud der Kunstpavillon, eine der drei Produktionsstätten der Tiroler Künstlerschaft, ein zu desertieren. Als Möglichkeit des aktiven Ausscherens, des bewussten Verlassens einer eingefahrenen Situation stellte das Kuratoren-Duo Anne Faucheret und Sebastian Stein diesen Begriff zur Diskussion, gemeinsam mit einer Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern (Lisa Erb, Michael Dobrindt „nach Marcel Hiller“, Kathi Hofer, Friedrich Kunath und Panos Mylonas). Dafür wurde die Arbeitsteilung von Künstler und Kurator zugunsten des Kollektivs aufgegeben. Man las gemeinsam Texte von Paolo Virno, Jacques Rancière, Henri Laborit und Henry Miller, während man die Ausstellung als Zwischenergebnis und Produktionsraum verstand. Obwohl einzelne Sprechweisen sichtbar blieben, setzten sich die Beteiligten stärker den ästhetischen Übergriffen des Kollektivs aus, als dies ein Begriff vom autonomen Kunstwerk normalerweise zuließe. Dies blieb nicht ohne Auswirkung auf den „emanzipierten“ Betrachter, der sich weniger animiert sah, nach den sinnstiftenden Verbindungslinien der verschiedenen Narrationen zu suchen, als darauf gefasst zu sein, dass es „Szenen des Dissenses (gibt), die überall und immer auftauchen können“ – so charakterisiert Rancière jene Ordnung des Sinnlichen, in der es nicht nur eine Möglichkeit der Darstellung gibt.

Buchstäblich vor den Kopf gestoßen wurde der Betrachter durch einen räumlichen Eingriff von Michael Dobrindt, der in Vertretung von Marcel Hiller – auch die Stellvertretung wurde als Ausdruck des Desertierens verstanden – Türrahmen zwischen den beiden Ausstellungsräumen auf 1,50 Meter herabsetzte und so die Besucher zwang, sich der Architektur zu beugen. Dieser dogmatisch erscheinenden Dramaturgie des Unausweichlichen wurde jedoch durch lose Akkumulationen von Objekten widersprochen, die zum Teil aus dem Keller des Kunstpavillon geborgen wurden: Teppichreste, Folien, Handtücher oder Abdeckplatten, die wie beiläufig im Raum verteilt erschienen. Selbstverständlich ist nichts beiläufig und schon gar nicht zufällig, und so begann die für den Betrachter anregende Arbeit, die sinnlichen Qualitäten des Ausstellungsmobiliars, der Objekte, Bilder und Materialien zu entdecken. Für Kathi Hofer bedeutet diese Form der Archäologie der Frage nachzugehen, wie unsere Wahrnehmung von historischen Bedingungen und Bildern geprägt ist. In ihrer Beschäftigung mit dem Corporate Design des berühmten grünen Bleistifts von Faber Castell schürfte sie nach Motiven, die der ästhetischen Erfahrung zugrunde liegen. Auf einen dieser hässlichen Stehtische, ohne die die Ereigniskultur nicht auszukommen scheint und der Teil der Ausstellung war, stellte sie ein Glas mit einem Bündel an Faber Castell Buntstiften. Demselben Motiv begegnete man später in der Ausstellung wieder, dieses Mal in einer Schwarzweißfotografie. Mit den standardisierten Graustufen der Fotografie, die viele Jahrzehnte die Reproduktionen der bildenden Kunst geprägt haben, zeichnet Hofer eine Rezeptionsgeschichte nach, in der Übersetzung zu einer Allegorie für Gewinn und Verlust wird.

Als „Fund von Kirkenes“ – das nordnorwegische Städtchen liegt am arktischen Ozean –  bezeichnet Panos Mylonas einen kopfartigen Metallguss, anhand dessen er die Geschichte der Polarexpedition Adolphus Greelys im 19. Jahrhundert rekonstruiert. Die Kopfschale dient ihm dabei als MacGuffin, als leeres auslösendes Objekt für die Forschungen der von ihm gegründeten „reprälithischen Gesellschaft“, der es darum geht, stets neue Thesen im Grenzbereich von Realität und Projektion zu entwickeln.

„Désertieren“ empfahl sich als Entwurf einer streitbaren Kultur des Loslassens und des Erringens von Neuem. Das Projekt folgte so weniger dem vielfach zitierten „I prefer not to“ des Schreibers Bartleby aus Herman Melvilles Erzählung als vielmehr einem Aufruf, welchen sie dem komplett aus Zitaten bestehenden Begleittext zur Ausstellung voranstellte. Er stammt von Jazz-Raumfahrer Sun Ra: „If you find earth boring, just the same old same thing, come on and sign up with outer spaceways incorporated” (Wenn Du die Erde langweilig findest, immer nur das gleiche, alte Ding, komm’ schon und heuer an bei outer spaceways incorporated).

Ausgabe 3

First published in Ausgabe 3

Winter 2011–12
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