Düsseldorf

Mehr als eine Generation nach den legendären 1970er und 80er Jahren ist die Kunstszene Düsseldorfs reif für eine kleine Renaissance

The extension to the Julia Stoschek Foundation, Düsseldorf, designed by architects Kuehn Malvezzi, 2007 (courtesy: Julia Stoschek Collection, Düsseldorf; photograph: Ulrich Schwarz)

In den 1970er Jahren war Düsseldorf ein hübsches Städtchen am Rhein – und wurde als Heimat von Joseph Beuys, Jörg Immendorff und Gerhard Richter ein weltweit maßgebliches Kunstzentrum. In den 1980er Jahren zogen dann auch Thomas Ruff, Katharina Fritsch, Reinhard Mucha, Thomas Schütte und Andreas Gursky dorthin. In dieser Stadt entstand die polemische deutsche Postmoderne – manche sprechen auch von einer „Macho-Postmoderne“ –, und das Vermächtnis der genannten Künstler stellt sicher, dass die Kunst der kritischen Dekonstruktion für alle Zeiten mit dem Namen Düsseldorf verbunden sein wird.

Doch dann kam der Fall der Berliner Mauer. Galerien, Künstler, Kritiker, ja sogar einige Sammler zogen nach Berlin, angelockt von billigen Mieten und unerschlossenen Möglichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt war die privilegierte Stellung des westlichen, weißen, männlichen Künstlers schon nicht mehr zu halten. Künstlerinnen machten nun einen erheblichen Teil des Kanons aus, ebenso wurden nicht-westliche Sichtweisen zunehmend wichtiger. Die Düsseldorfer Kunstszene pflegte mit keiner dieser beiden Gruppen eine besondere Verbindung, was die Abwanderung zusätzlich beförderte. Jahrelang hatte man den Eindruck, die Stadt sei dazu verdammt, zu verkümmern, als Marginalie der Kunstgeschichte. Ungeachtet einer erneuerten Kunstakademie, expandierender Institutionen, wohlhabender Sammler und einer wunderbaren Infrastruktur wurde die Stadt letztlich doch von der Elite der internationalen Kunstszene links liegen gelassen.

Kunstakademie Düsseldorf (Fotografie: Wiegels)

In den letzten Jahren hat sich aber einiges bewegt. Die Institutionen stellten neue Kuratoren ein (Gregor Jansen an der Kunsthalle, Marion Ackermann an der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen); die Kunst­akademie gab ihre traditionalistische, auf die Malerei zentrierte Haltung auf und bezog Fotografie und Videokunst stärker mit ein; Sammler wie Julia Stoschek öffneten ihre Türen; etablierte Galerien kehrten zurück; und neue Projekträume traten auf den Plan, etwa Volker Bradtke oder Single Club. In einigen internationalen Kunstzeitschriften erschienen erste Berichte. Die Stadt macht langsam wieder von sich reden, erzeugt einen buzz, wie man das heute nennt – noch etwas bedächtig, Schritt für Schritt, doch sie macht eben wieder von sich reden.

Dabei ist schwer zu sagen, was genau da eigentlich vor sich geht, auch wenn man einmal die Runde durch einige Düsseldorfer Galerien und Museen gemacht hat. Alle Beteiligten haben offensichtlich das Gefühl, dass in der Stadt etwas im Gange ist, aber es scheint schwer zu fallen, dieses vage Gefühl in Worte zu fassen. Während die Berliner Kunstszene eine besondere Vorliebe für das Postironische hat, und während in Amsterdam Künstler wie Yael Bartana oder Pilvi Takala für ihr dezidiert politisches Engagement bekannt sind, vermittelt Düsseldorf nicht den Eindruck, für eine bestimmte Ausrichtung zu stehen. Ganz im Gegenteil: „Was die Düsseldorfer Szene im Augenblick so interessant macht“, meint Sammlerin Julia Stoschek, „ist gerade ihre Vielfältigkeit“. Arne Reimann, Direktor der Galerie Rupert Pfab, sieht das ähnlich: „Momentan gibt es hier die unterschiedlichsten Arten künstlerischen Arbeitens. Einige gehören in die von Mucha begründete Tradition, andere haben eher mit Fritsch zu tun, wieder andere machen ganz etwas anderes.“ Thomas Rieger von der Galerie Konrad Fischer beschreibt dies als einen kulinarischen Vorgang: „Da köchelt etwas, es brodelt. Was nachher genau auf dem Tisch stehen wird, ist aber schwer zu sagen. Das macht es gerade so spannend: Es könnte alles Mögliche sein.“

Salon des Amateurs, Kunsthalle Düsseldorf (Fotografie: Petra Warrass)

Dass Tony Cragg 2009 zum Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie berufen wurde, hat diese dynamische Vielfalt entscheidend gefördert. „Bei [dem früheren Rektor] Markus Lüpertz ging es immer nur um Malerei“, sagt Stoschek. „Seit Cragg im Amt ist, bekommen die anderen Disziplinen ebenfalls die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die sie verdienen.“ Gregor Jansen, der Direktor der Kunsthalle, geht noch weiter: Cragg habe die Kunstakademie regelrecht befreit. „Unter Lüpertz waren die Klassen sehr restriktiv. Nun, da Cragg Rektor ist, steht es den Professoren frei, die Medien oder Arbeitsweisen zu unterrichten, die sie wollen und wie sie wollen.“ Angelika J. Trojnarski, eine junge Künstlerin, die bei Gursky studiert, obwohl sie sich mehr für Malerei als für Fotografie interessiert, bestätigt diese Einschätzung: „Was mir ungeheuer hilft, ist gerade der Austausch zwischen den Medien – dass wir ermutigt werden, eher zwischen als in den verschiedenen Fächern zu arbeiten.“ Cragg und seine Professorinnen und Professoren – neben Gursky auch Christopher Williams, Rosemarie Trockel und Rita McBride – ist es zudem gelungen, meint Rupert Pfab, den Künstlern den weiteren Kontext bewusst zu machen, in dem die Kunst sich bewegt. „Düsseldorf war immer schon für seine alternativen Ausstellungsmöglichkeiten bekannt. Doch in den letzten Jahren haben die Kunststudenten aktiv die Auseinandersetzung mit den Kunsteinrichtungen und Galerien gesucht.“ Tatsächlich wird seine eigene Galerie regelmäßig von den Klassen der Akademie besucht, und auch bei Konrad Fischer sind Studierende regelmäßig zu Gast.

Venus & Apoll wurde im März 2012 von der Julia Stoschek Foundation e.V. als temporärer Projekraum eröffnet (courtesy: Julia Stoschek Collection; Fotografie: Şirin Şimşek, Cologne)

Es ist interessant, wie sehr dieses Zusammengehörigkeitsgefühl geschätzt wird. „Es geht hier schon sehr um die Gemeinschaft“, erklärt mir Jansen. „Museumsdirektoren, Galeristen, Professoren und Künstler treffen sich immer wieder, um die aktuelle Lage zu besprechen.“ Manchmal verabreden sie sich dazu, aber meistens sieht man sich bei Vernissagen oder im illustren Salon des Amateurs, dem Ort für Projekte und Musik in der Kunsthalle Düsseldorf. Oder einfach auf der Straße. „Weil Düsseldorf in vielerlei Hinsicht genau das ist – ein Dorf“, sagt Jansen, „kennen wir uns eben, und jeder schaut nach dem anderen.“ So empfindet es auch Elodie Evers, die als junge Kuratorin nach Berlin ging, nun aber zurückgekehrt ist, um an der Kunsthalle zu arbeiten: „Das unterscheidet Düsseldorf wirklich von einer Stadt wie Berlin, wo die Szene weniger kommunikativ ist, eher individuell: Jeder lässt sich hier auf jeden ein, in der Stadt selbst und im ganzen Rheinland.“ (Am Rande sei angemerkt: Manche weisen gleich darauf hin, man dürfe diese Solidarität auf keinen Fall mit dem „Kölner Klüngel“ verwechseln, der Kungelei und Vetternwirtschaft, die man gerne mit der benachbarten Domstadt in Verbindung bringt – in Zeiten der Globalisierung eigentlich ein herr­licher Anachronismus).

Prof. Tony Cragg und Prof. Markus Lüpertz bei Lüpertz’ Verabschiedungsfeier an der Kunstakademie Düsseldorf, 2009 (Fotografie: Jonas Gerhard)

Es ist ein soziologischer Gemeinplatz, dass eng vernetzte Gemeinschaften, gerade in kleineren Städten, Fluch und Segen zugleich sein können. Das Gute an ihnen ist die Unterstützung, die man aus dem Netzwerk erfährt. Die Leute helfen sich gegenseitig, kümmern sich umeinander. Weniger vorteilhaft sind die Normativität und Exklusivität, die oft mit solchen Strukturen verbunden sind. Max Mayer, ein junger Galerist, der vor zwei Jahren aus Karlsruhe in seine Geburtsstadt Düsseldorf zurückgekehrt ist, um hier eine Galerie zu eröffnen, ist sich dieser Ambivalenz bewusst: „Auf der einen Seite sind die Solidarität und die Unterstützung, die man von der Stadtverwaltung, den Kultureinrichtungen und den anderen Galerien erfährt, etwas Wunderbares. So können sich junge Galeristen wie ich Rat holen, sich umschauen, sich ganz behutsam etablieren. Aber darin liegt auch eine Gefahr. Die meisten, die Macht haben, gehören einer bestimmten Generation an. Sie teilen bestimmte Vorstellungen darüber, was Kunst ist und wie sie sein soll.“ Auch wenn Mayer betont, er selbst habe bislang keine Probleme gehabt, kann er sich doch gut vorstellen, dass es für eine neue Generation von Galeristen und Künstlern schwierig werden könnte, ihre Ideen in der Kunstszene durchzusetzen. „Zwischen den 80er Jahren und heute klafft eine Lücke. Keine absolute, keine fest stehende Kluft, aber doch eine Lücke.“

Und da ist das Stichwort gefallen: der Generationenkonflikt. Immer, wenn in Düsseldorf über Kunst gesprochen wird, spukt der Geist der Vergangenheit herum. Tatsächlich haben, wie Mayer zu Recht feststellt, die meisten Galeristen und Kuratoren, aber auch ein Gutteil der Professoren an der Akademie ihr Renommee in den 80er Jahren erworben. Unter den Namen, die sich aufdrängen, wenn man über die Kunstszene der Stadt spricht, sind fast ausnahmslos Künstler, die mit den 80er und frühen 90er Jahren verbunden sind: Gursky, Fritsch, Mucha, Schütte (eine interessante Ausnahme ist Hans-Peter Feldmann, der eigentlich einer älteren Generation angehört, aber erst später Anerkennung fand). Sehr viel schwerer fällt es, Künstler unter dreißig zu nennen. Das ist die Herausforderung, der Düsseldorf sich in den nächsten Jahren zu stellen hat: einen Ausgleich zu finden zwischen der ruhmreichen, aber einschüchternden Vergangenheit und der Gegenwart. Das soll nicht heißen, der Geist der 80er Jahre müsste unbedingt ausgetrieben werden. Der Mythos muss aber einen Platz finden im aktuellen Leben der Stadt, die Geschichte muss gewissermaßen einen Abschluss finden. Und vielleicht ist es gerade deshalb so wichtig, dass Künstler wie Gursky oder Fritsch, die so viel dazu beigetragen haben, die Stadt in der Vergangenheit erfolgreich zu machen, zurückgekommen sind, um junge Künstler in die Zukunft zu begleiten. Nicht, indem sie ihnen sagen, was sie zu fotografieren oder zu malen hätten, sondern indem sie ihnen helfen, in Möglichkeiten zu denken. Monika Lahrkamp, die als junge Kunsthistorikerin für die Sammlung Julia Stoschek arbeitet, ist jedenfalls optimistisch: „Eigentlich müssen wir nur Geduld haben. Wir müssen warten, bis die Klassen, die jetzt an der Akademie studieren, ihren Abschluss machen.“ Auch Pfab hat das Gefühl, dass es nur eine Frage der Zeit ist: „Das künstlerische Potenzial ist vorhanden. Es gibt jede Menge talentierte junge Künstler – man schaue sich nur die Arbeiten von Christoph Knecht und Diango Hernández an. Die entwickeln gerade eine künstlerische Sprache, einen Kanon.“ Ja, in Düsseldorf köchelt etwas. Aber was auch immer auf dem Menü stehen wird, es wäre an der Zeit, es auf den Tisch zu bringen.
Übersetzt von Michael Müller

Timotheus Vermeulen is associate professor in Media, Culture and Society at the University of Oslo and a regular contributor to frieze. His latest book, Metamodernism: Historicity, Affect and Depth after Postmodernism, co-edited with Robin van den Akker and Alison Gibbons, is published with Rowman and Littlefield.

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First published in Ausgabe 8

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