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Wie !Mediengruppe Bitnik eine Software auf Shoppingtour durchs Darknet schickten

Im vergangenen Herbst haben wir zusammen mit Giovanni Carmine, dem Kurator der Kunst Halle Sankt Gallen, die Ausstellung The Darknet – From Memes to Onionland. An Exploration konzipiert. Sie befasste sich mit jenen Bereichen des Internets, die von Suchmaschinen wie Google nicht erfasst werden, weil sie jenseits des sogenannten „Surface Web“ liegen, in dem die meisten von uns sich täglich bewegen. Wir haben Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern ausgestellt, die sich mit Fragen nach Urheberrecht, Privatsphäre, Illegalität und Widerstand im Darknet und im Internet beschäftigen – unter anderem Cory Arcangel, Seth Price, Hito Steyerl und Simon Denny. Zugleich war es uns wichtig, eine Arbeit in der Ausstellung zu haben, die eine direkte Verbindung in die verschlüsselten Netzwerke herstellt: ein Link, über den sich die mystifizierte Welt des Darknets in der Kunsthalle physisch manifestiert.

Als Künstler bewegen wir uns schon länger im Tor-Netzwerk. Uns interessiert, wie sich dort anonyme Parallelgemeinschaften bilden und wie die Materialität des Netzes dabei viel stärker in den Vordergrund tritt als im Surface-Web, wo jeder sein übliches Programm abspult: Spiegel Online, Twitter, Facebook, E-Mails beantworten. Im Darknet verändert sich alles ständig, dauernd fragt man sich: Was sind das für Strukturen? Welches sind die Rahmenbedingungen, die ihre Ausgestaltung bestimmen? Außerdem stellt sich im Darknet die Frage nach Vertrauen neu: Wenn man die Identität desjenigen, mit dem man gerade kommuniziert, nicht kennt, und wenn man nicht weiß, wo dessen Rechner steht – wie vertraut man einander dann? Die Frage stellt sich besonders, wenn man in Marketplaces unterwegs ist, in denen Güter und Geld transferiert werden. Die Logos, über die im Surface-Web Vertrauen geschaffen wird – zum Beispiel Visa oder Paypal – gibt es im Darknet nicht. Es gibt nur Kommentare und Bewertungen. Zum Beispiel schreiben dort Leute, die bei einem bestimmten Anbieter Drogen bestellt haben: „Das Zeug ist gut, es hat mich nicht umgebracht.“ Andererseits gibt es im Darknet auch Facebook-Likes und Twitter-Follower zu kaufen, sowie Services, die gute Bewertungen oder halb­wegs plausible Kommentare automatisiert hinterlassen.

In Gesprächen mit der Kunst Halle Sankt Gallen entwickelten wir so die Idee zu unserer Arbeit Random Darknet Shopper (2014). Das ist eine Software, die wir programmiert haben und die sich während der Dauer der Ausstellung – von Mitte Oktober 2014 bis Mitte Januar 2015 – einmal pro Woche selbst ausführte. Sie wählte sich immer mittwochs über das Tor-Netzwerk bei Agora ein – das ist ein Marketplace, der in etwa mit eBay vergleichbar ist. Dabei emulierte sie alles, was ein Mensch normalerweise mit Maus und Tastatur macht: Sie gab einen Namen und ein Passwort ein und löste ein CAPTCHA. Der Random Darknet Shopper bekam von uns ein wöchentliches Budget bereitgestellt: 100 Dollar, umgerechnet in Bitcoins. Mit dieser Summe durchsuchte er verschiedene Produktkategorien und bestellte dann im Zufallsverfahren einen Artikel. Als Lieferadresse wurde die Kunst Halle Sankt Gallen angegeben. Keiner der anonymen Verkäufer weigerte sich, die Bestellung an eine Kunstinstitution zu schicken. In den ersten Wochen kamen so zum Beispiel an: ein Bund Generalschlüssel mit der Beschreibung „Praktisch im Werkzeugkasten, um Tore aufzuschließen und sich Zugang zu Lagern zu verschaffen“, eine Stange Chesterfield-Blue-Zigaretten aus der Ukraine, eine Visa-Kreditkarte, ein Paar Nike Air Yeezy II aus China und zehn Ecstasy-Pillen. Wir hätten das nicht unbedingt erwartet – aber die Verkäufer waren sehr verlässlich. Nur einmal, bei einer Louis-Vuitton-Tasche, schrieb der Anbieter: „Sorry, ich kann nicht mehr liefern, ich habe die Tasche nicht mehr am Lager. Ich gebe das Geld wieder frei.“ Die Bitcoin-Summe wurde dann auf den Account des Random Darknet Shoppers zurücküberwiesen.

Die wöchentlichen Lieferungen haben wir in der Kunsthalle in vitrinenartigen Behältern ausgestellt, samt der Verpackung, in der sie ankamen. Was natürlich die Frage aufwarf, wie anonym das eigentlich noch ist. Selbst wenn kein Absender auf dem Paket angegeben war, ließ sich anhand des Poststempels ungefähr nachvollziehen, wo das Paket aufgegeben wurde. Einmal schrieb ein Verkäufer: „Hey, ihr seid doch diese Random-Bot-Künstler, ich habe über euch gelesen.“ Tatsächlich waren einige im Darknet aktive Leute auf die Ausstellung aufmerksam geworden und diskutierten über sie in Foren. Der Verkäufer schrieb, er wäre gern Teil der Ausstellung, würde uns aber den bestellten „decoy letter“ – das ist ein leerer Brief, der an eine bestimmte Adresse geschickt wird, um zu schauen, ob er ungeöffnet ankommt, sozusagen als Systemtest zur Etablierung einer Kommunikationsverbindung – nur dann liefern, wenn wir ihm garan­tieren, dass der Poststempel auf den Bildern, die wir online von dem Paket veröffentlichen, unkenntlich gemacht würde. Das haben wir ihm selbstverständlich zugesichert.

Software ist unser (künstle­risches) Werkzeug. Und mit dem Random Darknet Shopper wollten wir sozusagen die Realität des Darknets, von der viele keine – oder eine falsche – Vorstellung haben, sichtbar machen. Außerdem ging es uns darum, nicht genau zu wissen, was passieren wird, und diesen Kontrollverlust auszuhalten. Die Software konnte ja alles Mögliche bestellen. In Medienberichten über das Darknet wird gerne behauptet, man könne dort sogar Auftrags­morde bestellen. Davor hatten wir nicht unbedingt Angst, denn abge­sehen davon, dass wir bei unseren Recherchen im Agora-Shop nie auf solch ein Angebot gestoßen waren und die Summe von 100 Dollar dafür wohl auch kaum ausgereicht hätte, hätte die Software eine Identität der zu ermordenden Person angeben müssen – worauf sie nicht programmiert war. Trotzdem war es uns wichtig, vorab rechtlich die Frage zu klären: Was passiert, wenn die Kunst vielleicht zu weit geht? Wir haben deshalb von dem Anwalt Dr. Bruno Glaus – das ist der Schweizer Experte für Kunstrecht – ein Gutachten erstellen lassen. Darin argumentiert er: Selbst wenn es einen Rechtsbruch geben sollte – solang er temporär ist, solang er Teil der Performance ist und ein höheres Interesse an ihm besteht, ist er legitim. Mit anderen Worten: Der Rechtsbruch muss im Sinne der Öffentlichkeit geschehen.

Im traditionellen Sinne könnte man die einzelnen Bestellungen vermutlich als objets trouvés bezeichnen, so wie man den Random Darknet Shopper insgesamt in die künstlerische Tradition der mail art stellen könnte.

Der Schweizer Zoll hat glück­licherweise keine Probleme gemacht, wofür wir ihm sehr dankbar sind. Die Schweiz gehört nicht zum Schengen-Raum und der Schweizer Zoll vermittelt von sich selbst das Bild, dass jedes einzelne Paket, das ins Land kommt, sehr sorgfältig gescreent wird. Die Bestellungen des Random Darknet Shoppers gingen aber alle anstandslos durch. Und auch die Sankt Gallener Stadtpolizei, die ihr Hauptquartier direkt neben der Kunsthalle hat, hat keine Prob­leme gemacht. Jedenfalls nicht während der Ausstellung. Am Tag nach ihrem Ende, am Morgen des 12. Januars, wurden unsere Arbeit und alle dazugehörigen Bestellungen dann aber im Auftrag der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen beschlagnahmt. Der Stein des Anstoßes waren vor allem die Ecstasy-Pillen. Man sagte uns, sie sollen vernichtet werden. Für uns stellt das einen ungerechtfertigten Eingriff in die Kunstfreiheit dar.
Aufgezeichnet von Jan Kedves

!Mediengruppe Bitnik ist eine von Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo gegründete Künstlergruppe, die Hacking als künstlerische Strategie verwendet. Sie leben und arbeiten in Zürich und London.

Ausgabe 18

First published in Ausgabe 18

März - April 2015

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