Braucht Berlin eine neue Kunstakademie?

Eine Umfrage mit Antworten und Skizzen von 30 KünstlerInnen, AutorInnen und ArchitektInnen

Design for ‘the Local School’ by Studio Miessen, 2013

Design for ‘the Local School’ by Studio Miessen, 2013

Berlin hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zur internationalen Kunstmetropole entwickelt; viele der im Zuge dessen Zugezogenen unterrichten Kunst – allerdings meist nicht in Berlin. Die beiden Institute, die in der Stadt eine volle Ausbildung in Bildender Kunst anbieten, taten dies auch schon vor 1989: die Universität der Künste (UdK) und die Kunsthochschule Berlin Weißensee.

Spätestens seit 2006 flammten immer wieder Diskussionen um die Besetzungspolitik der UdK auf, unter anderem, nachdem Stan Douglas und Daniel Richter ihre Professuren niedergelegt hatten (ein Streit, den man vor allem mit prominenten Berufungen wie der Olafur Eliassons zu befrieden suchte, dessen Engagement allerdings zum März 2014 endet). In Weißensee scheint man sich auf Gastprofessuren und Lehraufträge zu verlegen, während ehemalige, international profilierte Professorinnen nun an anderen Orten unterrichten (Karin Sander seit 2007 in Zürich, Katharina Grosse seit 2010 in Düsseldorf).

Aber auch unabhängig von einer Diskussion um Reputation und Reformierbarkeit der beiden Kunsthochschulen lässt sich die Frage stellen, ob Berlin angesichts seiner vielfältigen internationalen Kunstszene nicht neue Modelle und Impulse in der Kunstausbildung braucht. Zuletzt hatte 2006–7 das einjährige und von Anton Vidokle initiierte Projekt unitednationsplaza deutlich gemacht, dass der Bedarf für eine informelle Kunstschule, die dem internationalisierten Kunstdiskurs der Stadt einen Ort gibt, sehr groß ist.

Genügt also der Status Quo? Oder gerade nicht? Wenn nicht, wie sähe eine neue Institution am besten aus? frieze d/e hat Monica BONVICINI, Helmut DRAXLER, Tom HOLERT und Robert KUDIELKA gebeten, ausführlicher zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Eine Reihe weiterer KünstlerInnen und TheoretikerInnen äußern sich mit kürzeren Statements.

Darüberhinaus haben wir sechs KünstlerInnen bzw. ArchitektInnen – Roger BUNDSCHUH, Eva GRUBINGER, Sabine HORNIG, Michelle HOWARD, KUEHN MALVEZZI, sowie Studio MIESSEN – gebeten, Entwürfe für Gestaltung und Struktur einer neuen Kunstakademie zu entwickeln.

Robert KUDIELKA

Geschichten vom Niedergang beginnen meist mit einer heroischen Legende. Als der erste Direktor der Hochschule für bildende Künste nach dem Krieg, Karl Hofer, eines Morgens die Nachricht der Senatsverwaltung, dass man der HfbK den Hochschulstatus aberkennen wolle, auf seinem Schreibtisch vorfand, bat er um Hut und Mantel, ließ ein Taxi rufen und stürmte ohne Anmeldung in das Zimmer des zuständigen Beamten, dem er zur Einführung erst einmal einen gläsernen Aschenbecher über den Kopf schlug. Das genügte. Der Vorgang wurde ad acta gelegt, von einem Disziplinarverfahren ist nichts bekannt.

Heute gibt es keine Aschenbecher in Dienstzimmern mehr, keine Sekretärinnen, die einem in den Mantel helfen, und die HfbK war schon 1978, als ich berufen wurde, zur Hochschule der Künste (HdK) geworden. Doch die Schwierigkeit, gegen die Vorgaben der Ministerialbürokratie die tatsächlichen Belange eines Kunststudiums geltend zu machen, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eher noch verschärft. Dass die mittlerweile zur „Universität“ hochtitulierte Kunsthochschule in der bildenden Kunst auf ein Mittelmaß zurückgefallen ist, liegt nicht in erster Linie an der Berufungspolitik der zuständigen Gremien, sondern an zwei formal und zeitlich scheinbar entgegengesetzten politischen Reformbestrebungen: der institutionellen Expansion der Hochschule in den 1980er Jahren – und der rigorosen inhaltlichen Komprimierung im darauffolgenden Jahrzehnt. Von heute aus gesehen haben sich diese beiden Strategien auf fatale Weise ergänzt.

Zugegeben, ich habe das Konzept einer „Hochschule der Künste“ zu Anfang durchaus positiv gesehen und als Fachbereichsprecher vertreten. Aufgrund des politischen Zwangs zu einer Art Flurbereinigung hatten sich die West-Berliner Kunstausbildungsstätten unter der Ägide der Hochschulen für Bildende Kunst und Musik 1975 nach einigem Zögern entschlossen, eine gemeinsame Kunsthochschule zu gründen, um nicht den bestehenden Universitäten angeschlossen zu werden. Karl-Horst Hödicke hat diese Vereinigung gerne als „sozialdemokratisches Gesamtkunstwerk“ bezeichnet, weil sie eine Zusammengehörigkeit unter dem Begriff „Kunst“ suggerierte, die in der Praxis so nicht existiert. So liegen z. B. die persönlichen, strukturellen und finanziellen Anforderungen der Studiengänge Bildende Kunst und Musik dermaßen weit auseinander, dass die Diskussion in den gemeinsamen Kommissionen eher zu freundlicher Abgrenzung als zu gegenseitigem Verständnis tendiert. Erst in der Akademie der Künste habe ich später gelernt, wie fruchtbar der Austausch über die Grenzen der Sektionen und Disziplinen hinweg sein kann. Eine Ausbildungsinstitution ist mit diesem Anspruch schlicht überfordert.

Der kritische Punkt der Expansion wurde in den 1980er Jahren durch die Integration der Pädagogischen Hochschule erreicht. Alle bestehenden Fachbereiche haben sich damals gegen diese Integration gewandt – und das nicht etwa aus Geringschätzung der Kunsterziehung, sondern weil die Balance zwischen den freien und den pädagogischen Studiengängen innerhalb der HdK zu kippen drohte. Vergeblich. Die Zentrale Hochschulverwaltung hat sich im Verein mit den politischen Autoritäten durchgesetzt, gemäß der administrativen Logik, dass eine größere Institution eben eine bedeutendere ist … Die Rache für diese Aufblähung kam 1989, als mit dem Fall der Mauer auf einmal die extreme Komprimierung der Bestände angesagt war, da die finanzielle Unterstützung der Insel West-Berlin durch den Bund entfiel.

Ein letztes Aufflackern des Wachstumswahns konnte der Fachbereich Bildende Kunst 1990 erfolgreich abwehren, indem er die „Abwicklung“ der Lehrkräfte der Kunsthochschule Weißensee strikt zurückwies: Eine Stadt wie Berlin muss sich mehr als nur eine Kunsthochschule leisten können. Ärmere Metropolen können das auch. Aber angesichts des Würgegriffs der Ökonomie, der die Fusion aller künstlerischen und kunstpädagogischen Studiengänge in einer einzigen „Fakultät“ erzwang, waren wir machtlos. Anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Akademie der Künste im Jahre 1996 veröffentlichten die Hochschullehrer des Fachbereichs Bildende Kunst eine Stellungnahme im Tagesspiegel, die unter der polemischen Überschrift „Tut nicht so feierlich! 300 Jahre sind noch keine Zukunft“ klarstellte, dass die mit Begriffen wie „Synergie“ schöngeredete Fusion nichts anderes als den Abbau der Lehrangebote und der Studentenzahlen intendierte. Die Resonanz war gleich Null. Im Nachhinein beweist ein Blick auf die Veränderung der Anzahl der künstlerischen Hoch-schullehrer (Emeriti, Gäste und sog. Theoretiker nicht mitgerechnet), dass die Polemik vollauf berechtigt war. Im Vorlesungsverzeichnis des SS 1978 sind im Fachbereich 1 Bildende Kunst 25 Professuren, im Fachbereich 6 Kunsterziehung und Kunstwissenschaft 14 Professuren registriert; das ergab zusammen 39 Lehrende. Die Internet-Recherche für die integrierten Studiengänge Freie Kunst, Studienrat und die übrigen Lehrämter ergibt im WS 2012/13 in summa 16 Positionen. Das heißt, fast zwei Drittel der festen Professorenstellen sind eingespart worden.

Die Zahlen belegen deutlicher als alle Klagen die gegenwärtige Knebelung des Kunststudiums an der UdK durch zu viele Lehraufgaben, die in zu enger Verbindung von zu wenig Lehrkräften bewältigt werden müssen. Da von der Hochschulpolitik nicht zu erwarten ist, dass sie die geschaffenen Fakten in ab-sehbarer Zeit zu korrigieren willens und imstande ist, kann eine Verbesserung der Studiensituation nur von außen kommen. Eine „neue Kunsthochschule“ müsste aus der Vergangenheit folgende Lehren ziehen:

1. Die kleine, spezifische Organisationseinheit, die mit einem Minimum an Verwaltung auskommt und den direkten Kontakt unter Lehrern und Studenten begünstigt, ist die effektivere. Zeitgenössische Kunst ist aufgrund der neuen Medientechnologien und der performativen Darstellungsformen in sich bereits so vielfältig, dass sie die Fiktion des institutionellen „Gesamtkunstwerks“ ge­trost entbehren kann.

2. Die Trennung der freien und der lehramtsorientierten Studiengänge ist unerlässlich, zum Wohle beider. Genauso, wie Studenten der Kunsterziehung Anspruch auf ein vernünftig gegliedertes künstlerisch-wissenschaftliches Studium haben, muss denjenigen der angeleiteten künstlerischen Selbstfindung das Recht auf unorthodoxe Lehrer, zweifelhafte Lernprozesse und Auszeiten der Frustration zugestanden werden.

Die Finanzierung eines solchen Gegenentwurfs ist ungewiss. Aber selbst wenn diese Voraussetzung gegeben wäre, bliebe die entscheidende Frage an die Künstler selber: Wie könnte künstlerische Lehre heute aussehen? Dabei geht es nicht um fertige Antworten, Idealvorstellungen oder utopische Konzepte, sondern einzig und allein um eine gewisse Gemeinsamkeit in der Beunruhigung durch diese Frage. Nur so könnte die größte Blockade der Kunsthochschulen heute, die Gleichsetzung von Toleranz mit Gleichgültigkeit in der Beurteilung der Studienergebnisse, überwunden werden. Andernfalls wäre es richtiger, alle Kunsthochschulen für, sagen wir, zehn Jahre zu schließen, um herauszufinden, ob sie überhaupt noch benötigt werden.

Robert Kudielka ist Kunstwissenschaftler und Publizist. Von 1978 bis 2010 war er Professor für Ästhetik und Theorie der Kunst an der HdK/UdK Berlin. Seit 1997 ist er Mitglied der Berliner Akademie der Künste, von 2003 bis 2012 als Direktor der Sektion Bildende Kunst.

Studio MIESSEN

von Studio Miessen

von Studio Miessen

Studio Miessen (Markus Miessen, Diogo Passarinho, Yulia Startsev, Martin Pohl) ist eine kollaborative Agentur für Architektur und Raumstrategie mit Sitz in Berlin. Jüngste Projekte für Hito Steyerl (2012), die Kosovo National Gallery (2013), den Estnischen Pavillon, Venedig (2013) und Bergen Assembly (2013). Ihr bislang größtes Projekt ist die Entwicklung eines strategischen Rahmens und eines neuen Kunsthallegebäudes auf dem Gelände eines ehemaligen NATO-Munitionslagers in Montabaur, Deutschland (seit 2012) . 2008 gründete Markus Miessen die Winter School Middle East (Dubai/Kuwait). Er ist Gastprofessor für Critical Spatial Practice an der Städelschule in Frankfurt sowie Gastprofessor an der USC Los Angeles. www.studiomiessen.com

Julieta Aranda

Reden wir von einer gebührenfreien neuen Kunsthochschule? Jeden Monat, wenn ich die obligatorische Rate meines Studiendarlehens zurückzahle, habe ich Gelegenheit, über die Kunstausbildung nachzudenken (und das nicht gerade mit Freude). Wünsche ich anderen diesen Moment der Reflektion? Nein. Bin ich der Ansicht, Berlin brauche eine Kunsthochschule mit Studien­gebühren? Nein. Weder Berlin noch der Mond noch irgendwo sonst.

In der Kunst scheint es eine künstliche Entsprechung zwischen experimentellen Räumen und Ausbildungsräumen zu geben. Und dies geht einher mit der Annahme, Künstler sollten an Hochschulen in erster Linie hervorgebracht, ausgebildet und gezähmt werden. Aber glauben wir ernsthaft, dass eine von Stundenplänen und Anwesenheitslisten, Studiengebühren, Arbeitsauf­gaben und Noten geprägte Situation bahnbrechenden künstlerischen Praktiken Raum bieten und diese vorantreiben kann? Wie sollen denn bloß ein angespannter Haushalt und ein präskriptiver Rahmen als Nährboden einer neuen Künstlergeneration fungieren?

Flexible, ideenreiche Räume für Austausch, Erkundungen, Kommunikation und Lernen werden immer gebraucht. Das gilt für Berlin genauso wie für jeden anderen Ort auf der Welt. Ich persönlich glaube allerdings, dass diese Orte von den Künstlern selbst geschaffen werden müssen, wenn sie Wirkung zeigen sollen. Die Räume, die ich mir vorstelle, sollten keine finanzielle Belastung für junge Künstler darstellen und den aktuellen Bedürfnissen – und nicht denen des Bologna-Prozesses – entsprechen. Das beste Motto einer neuen Kunsthochschule wäre vielleicht: Each one teach one.
Übers. CK

Julieta Aranda ist Künstlerin und lebt und arbeitet zwischen Berlin und New York. Zusammen mit Anton Vidokle leitet sie e-flux. Zu ihren Projekten zählt Time/Bank, das auf der dOCUMENTA (13) zu sehen war.

Roger BUNDSCHUH mit Leon Kahane & Eric Winkler

Roger Bundschuh mit Leon Kahane & Eric Winkler, Independent Hotbed

Roger Bundschuh mit Leon Kahane & Eric Winkler, Independent Hotbed

Roger Bundschuh, geboren 1966 in Paris, ist Architekt. Er lebt und arbeitet in Berlin. Leon Kahane, geboren 1985 in Berlin, studiert Bildende Kunst an der UdK als Student der Klasse Hito Steyerl. Eric Winkler ist Meisterschüler im klassenlosen Verbund des Fachgebiets Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee.

André Schmitz

Als Staatssekretär eines nicht für die Universitäten und Hochschulen zuständigen Ressorts kann und möchte ich zu Fragen der Hochschulpolitik des Landes keine Stellung nehmen. Aus Sicht des Kulturpolitikers stelle ich allerdings fest, dass die beiden Kunsthochschulen UdK und Kunsthochschule Berlin Weißensee ein differenziertes Spektrum der Lehre in allen künstlerischen und angewandten Disziplinen abbilden und mit den ihnen eigenen öffentlichen Angeboten, Rundgängen, Veranstaltungen, etc. die Kunstszene der Stadt durchaus beleben. Der Generationswechsel bietet den beiden Kunsthochschulen die große Chance, durch geschickte Berufungspolitik bedeutende und geeignete   Leh­rende zu gewinnen. Damit und mit den öffentlichkeitswirk­samen  Aktivitäten kann die Attraktivität der hiesigen Ausbildungsstätten für Künstlerinnen und Künstler dazu beitragen, die Attraktion der Kunststadt Berlin weiter zu intensivieren.

André Schmitz ist Berliner Staatssekretär für Kultur.

Daniel Richter

Ich verstehe das Anliegen und die daraus resultierenden Fragen. Aber gerade weil ich mit dem Problem konfrontiert war, empfinde ich nur Überdruss und keinerlei Notwendigkeit, zu einer konstruktiven Debatte beizutragen, die in Berlin erfahrungsgemäß schnell im Gegenteil des Beabsichtigten endet: in lähmendem Labern nämlich. Als Trost möchte ich darauf hinweisen, dass die große Stadt New York, mit der sich hier gerne verglichen wird, auch keine prägende Akademie besitzt. 

Daniel Richter ist Künstler lebt und arbeitet in Berlin, Hamburg und Wien. Von 2004 bis 2006 war er Professor für Malerei an der UdK Berlin. Seit 2006 ist Richter Professor für Erweiterten malerischen Raum an der Akademie der bildenden Künste Wien.

Florian Zeyfang

Wie jede große Stadt sollte Berlin durchaus einige Kunstschulen haben. Dies muss gar nicht auf die Geschichte der zwei Deutschlands zurückgeführt werden – Wien, Paris, London, Stockholm, Los Angeles, New York etc. kommen auch ohne eine solche Rechtfertigung aus und haben je zwei, drei, vier und mehr Hochschulen. An verschiedenen Kunsthochschulen kann verschiedenes gelehrt werden; eine solche Wahlmöglichkeit vermittelt schon vor dem Beginn des Studiums die Vielfalt der Formen künstlerischen Arbeitens.

Als Absolvent der HdK, wie die UdK damals hieß, kann ich bestätigen, dass damals (1987) eine solche produktive Konkurrenz sehr willkommen gewesen wäre. Ich selbst ging nach dem Studium ans Whitney Independent Study Program in New York und konnte dort eine andere Perspektive der Lehre kennenlernen, die in Berlin so nicht vorhanden war. Als die Studierenden der UdK vor ein paar Jahren angesichts ihrer Auseinandersetzung mit den vorhandenen Strukturen ein paar von uns KünstlerInnen zur Beratung einluden, war ich überrascht, wie wenig sich dort seit meinem Abschluss bewegt hatte. Mit den letzten Neuberufungen scheint jedoch Änderung in Sicht … Dennoch wäre eine neue Schule sehr interessant – zusätzlich zu den vorhandenen, nicht als Ersatz – mit weiteren, anderen, innovativen, fordernden Lehransätzen.

Als Dozent in einigen Ländern Skandinaviens und nun als Professor in Schweden habe ich außerdem erfahren, dass Deutschland-typische Diskussionen wie die Quote keine mehr sind, wenn eh alles 50/50 verteilt ist, und dass die Meister(in)klasse nicht der einzige Weg ist, intensiv Kunst zu vermitteln. Und dass Studierende mitbestimmen, immer auch im Kampf mit den Strukturen, aber auch als Teil derselben. Es sei erinnert: Die effektivsten Änderungen in Berlin entstanden nach Initiativen der Studierenden. So brachte der Streik von 1989 die erste Professorin an die HdK (Rebecca Horn), das erste Video­labor sowie das erste Fotolabor für die freien Künste, und eine effiziente, studentisch organisierte Struktur für Produktionsmittel. Aber natürlich sollten wir nicht alles den Studierenden überlassen …

Florian Zeyfang lebt in Berlin, ist Künstler und Videomacher und seit 2006 Professor für Bewegtbild an der Kunsthochschule in Umeå, Schweden. Ausstellungen und Film-­Festivals zuletzt: Artists Space New York, Künstlerhaus Stuttgart, 11. Havanna Biennale, sowie Internationale Berliner Filmfestspiele 2013.

Monica BONVICINI

Tja, was braucht Berlin? Vor ein paar Jahren brauchte Berlin eine Kunsthalle. Schon damals dachte man sich: Wäre es nicht sinnvoller, die schon existierenden Kunstinstitutionen mit mehr Budgets zu unterstützen, damit sie ihre Strukturen und Ausstellungsmöglichkeiten verbessern können? Alle Berliner Kunstinstitutionen sind ja bekanntlich arm, aber nicht immer sexy. Eine unsexy Angelegenheit in eine sexy Angelegenheit zu verwandeln ist viel Arbeit und eigentlich klappt es nie. Aussichtslos. Also ist es manchmal besser, sich etwas Neues zu besorgen. Eine neue Kunsthalle gibt es allerdings nicht.

Nun, die Frage, ob Berlin eine neue Kunsthochschule braucht, ist ein bisschen redundant. Mich lässt sie eher kalt und um ehrlich zu sein, ist die spon­tane Antwort die gleiche, wie bei der Kunsthallenfrage: Warum nicht denen, die schon da sind, einfach ins internationale Rennen verhelfen? Die zweite Antwort ist: Warum nicht?

Man hat ja in Berlin schon zwei Kunsthochschulen, die ja viele gute KünstlerInnen hervorgebracht haben, wie z.B. Maria Eichhorn, Bettina Allamoda, Manfred Pernice, Natascha Sadr Haghighian (und mich), um nur ein paar zu nennen. Weißensee hat zur Zeit auch gute StudentInnen … Trotzdem sind die zwei Institutionen vielleicht nicht so erfolgreich strukturiert.

Braucht man nun wirklich eine dritte, vierte, fünfte Kunsthochschule? Ich habe dazu mal folgendes geschrieben:

„Zuletzt plädiere ich dafür, dass man alle zehn Jahre neue Gebäude für die Akademien baut. Umzüge und unsichere Umstände gehören einfach zu einer guten Ausbildung. Weg mit dem alten Staub. Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass Universitäten/Akademien ruhige und stille Orte der Konzentration sein sollten. Im Gegenteil: Wie schon Foucault kritisierte, sollten Unis/Akademien keine Lager­anlagen für Jugendliche sein. Viele meiner Kollegen – und zwar gar nicht die schlechtesten – haben nie an einer Kunsthochschule studiert. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich mich an einen Philosophieunterricht am CalArts erinnere, der so anfing: Money back guarantee. Das ist der Punkt: eine Garantie. Das kann keine Kunsthochschule/Akademie anbieten. Und das ist gut so.“

In Berlin fehlt es nicht an Fläche. Die Kunsthochschule kann sich am besten auf leer stehende Räume verteilen, die reichlich in der Stadt zu finden sind: die Gemäldegalerie wäre nicht schlecht. Die Räume dort sind immer leer und die Eintrittskarten für Gruppen sind preisgünstiger, als eine Miete zu zahlen. Dort können die Studenten vor Schätzen alter Meister direkt arbeiten. Ein Ausflug in das Kupferstichkabinett ist natürlich ein Pflichtfach.

Das Amtsgericht Wedding ist so riesig, dass ich mich immer frage: Wo sind die vielen Beamten, die man braucht, um so ein neogotisches Gebäude voll zu kriegen? Das ist doch sehr geeignet für Klassentreffen.

Wenn man sich beeilt, ist bis mindestens 2016 auch noch reichlich Platz in der Kommandozentrale des deutschen Geheimdienstes in der Chausseestraße. Gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite ist eine großzügige Wiese; sehr passend für die Wiedererrichtung der Temporären Kunsthalle.

Die neue Kunsthochschule kann mitten in der Stadt liegen, aber zur Abwechslung auch zeitweise dem Modell einer modernen Hochschule am Stadtrand folgen. Dafür eignen sich die schönen, modernen und leeren Hallen des Flughafens Berlin Brandenburg doch wunderbar.

Die Diplome kann man – mit ein bisschen Mühe – in das Programm des Berlin Gallery Weekend mit einbeziehen. Für den Tag der offenen Tür ist natürlich die abc – art berlin contemporary perfekt. In Berlin fehlt es nicht an KünstlerInnen, KuratorInnen und KritikerInnen. Sicherlich wäre es kein Problem, unter ihnen solche mit genügend Unterrichtserfahrung zu finden. Die ehemaligen Berlin-Biennale-KuratorInnen machen ein Semester lang einen Workshop. Und all die weiteren Berliner KuratorInnen gewinnt man für Vorträge und Atelierbesuche. Der Riesenzahl an bekannten und unbekannten KünstlerInnen, die in Berlin leben und arbeiten, wird eine Gastprofessur-Stelle angeboten. Man kann auch ein paar JournalistInnen einladen und einige Rechtsanwälte und Steuerberater wären an einer Professur sicher sehr interessiert. SammlerInnen kuratieren Ausstellungen bei sich zu Hause oder an ihren Sammlungsorten und kaufen billig ein.

Alle Berliner, die wöchentlich mit Air Berlin oder der Bahn pendeln, um irgendwo anders zu unterrichten, könnten dies endlich hier tun. Das wäre ein Schlag für die DB und die Fluggesellschaften, aber gut für die Umwelt.

Ich würde Kasper König als Direktor vorschlagen, der hat ja Erfahrung mit Chaos und damit, Kunst zu unterrichten und vielleicht schafft er es auch, eine neue Kunsthalle aufzubauen.

Also Berlin wäre wirklich ein Traum was Platz und Leute angeht.

Wollen Studenten am Ende des Studiums ein Diplom haben? Oder noch besser einen PhD? Nee, das können sie vergessen. Wer unabhängig bleiben will – so ist Berlin –, der oder die schert sich einen Dreck um Titel.

Es müsste über Facebook oder Twitter eine Art Preis initiiert werden: der „Social Media Art Grant“. So was in der Art von „Deutschland sucht den/ die SuperkünstlerIn“ (an dem Fernsehformat arbeiten doch schon ehrenwerte Berliner Kunstexperten). Erhalte so und so viele Likes und Tweets – und die Werber sponsern somit ein Stipendium für den/die erfolgreichste/n StudentIn der Berliner Kunsthochschule. Der 1. Platz ist eine Woche Brooklyn, der 2. drei Wochen Warschau und der 3. zwei Wochen (mindestens!) Graz.
Das wäre doch was, oder?

Monica Bonvicini lebt und arbeitet in Berlin. Von 1986–93 hat sie an der HdK (jetzt UdK) Berlin studiert. Von 1998–2000 hatte sie Gastlehraufträge am Art Center College of Design in Pasadena und am CalArts, Kalifornien. Seit 2003 ist sie Professorin für performative Kunst und Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Ihre Einzelausstellung in der Galerie Johann König, Berlin wird am 26. April eröffnen, später im Jahr zeigt sie in der Galerie Massimo Minini, Brescia.

Thomas Demand

Die Kunsthochschule, die Berlin fehlt, sollte weder einen festen Ort noch eine Belegschaft haben. Keine Räume für Verwaltung. Keine Senatssitzungen. Keine Politik. Keine Fachbereiche. Keine Aufnahmefristen, Bewerbungen können jederzeit abgegeben werden. Keiner sollte länger als drei Jahre bleiben, weder die Studierenden noch die Protagonisten. Sie wendet sich vorwiegend an Künstler, die bereits Erfahrungen an anderen Hochschulen gesammelt haben. Vielleicht winken nicht mal Abschlüsse. Es sollte keinen Präsidenten geben, bestenfalls einen Generalsekretär, der mit einer Handvoll von Organisatoren die Institution laufend neu erfindet. Es gibt also nur Klappstühle! Die Kursleiter betreuen ihre Gruppe und formieren sich um eine Idee herum, man macht einen Tag aus, an dem die Studierenden zusammen sein sollten, die Gruppen bleiben unter 25 Teilnehmern und treffen sich zum Beispiel in den Ateliers der Teilnehmer, oder Räumen, die diese für einen geeigneten Treffpunkt halten. Zu diesen durchgehenden Protagonisten kämen dann Satelliten, die an jenen Tagen kommen und deren Honorar sich nur nach deren tatsächlichen Präsenzen richtet. Es steht diesen frei, so oft an den Veranstaltungen teilzunehmen wie sie können, und wenn sich eine regelmäßige Teilnahme nicht mehr organisieren lässt, läuft die Einladung ohne großes Aufhebens aus, keiner ist beleidigt. Eine der wenigen Regeln sollte sein, niemandes Zeit zu vergeuden. Eine andere, sich gegenseitig reinen Wein einzuschenken.

Thomas Demand ist Künstler, er lebt und arbeitet in Los Angeles und Berlin. Demand ist Professor für Bildhauerei an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Aktuelle Einzelausstellungen: Model Studies in der Graham Foundation, Chicago (bis 1. Juni), sowie Thomas Demand – Animations am DHC Art Center, Montreal (bis 12. Mai).

Heidi Specker

Bildung für Alle! Also unbedingt brauchen wir eine neue Kunstakademie, denn alle und mehr passen in die UdK und in Weißensee sicher nicht rein. Um ehrlich zu sein, wundere ich mich über die Fotografie und die Kunst in Berlin. Meine Lösung wäre eine eigene, private Schule in Berlin zu eröffnen. Privat versteht sich dabei nicht wie bei einer Krankenkasse als etwas Elitäres, mein Anliegen wäre das genaue Gegenteil. Es ist eine fixe Idee, die ich bisher noch nicht zu Ende gedacht habe, eher ein Flirt. In Berlin hat sich die Fotografie schon in mehreren Schulen solitär definiert. Ich würde das etwas anders sehen und hätte auch keine Lust über eine staatliche Anerkennung nachzudenken. Leider habe ich bei den Kollegen Malerei und Bildhauerei noch nichts von solchen Plänen gehört, dabei sind das so nette Nachbarn.

Heidi Specker ist Künstlerin und lebt in Berlin. Sie ist Professorin für Fotografie und Medien an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Eva GRUBINGER

dpa Berlin, 18. April 2019.

Endlich ist Realität, worüber hinter verschlossenen Türen seit Jahren gerungen wurde: Gestern Abend wurde die European Academy of Arts Berlin, kurz EAAB, im Beisein des Regierenden Bürgermeisters Udo Kittelmann und Bundespräsidentin Katharina Sieverding feierlich eröffnet. Die EAAB ist ein europäisches Pilotprojekt und zugleich ein Zusammenschluss von zunächst neun europäischen Kunstuniversitäten, Akademien und Hochschulen, darunter die Kunstuniversität Linz, das Piet Zwart Institute Rotterdam, die École supérieure d’Art de Grenoble, die Königliche Dänische Kunstakademie und die Glasgow School of Art. Diese hatten vor einigen Jahren erkannt, dass sie im internationalen Wettbewerb nur durch Vernetzung gewinnen können. Durch die Erweiterung ihrer jeweiligen Standorte um Berlin, können sie ihren besten Studierenden ein internationales Studium in der wichtigsten Kunstmetropole Europas anbieten.

von Eva Grubinger

von Eva Grubinger

Damit schließen sie mit einer Reihe amerikanischer Elite-Universitäten (NYU, Columbia, Bard, Stanford, Northeastern) auf, welche ihren Studierenden bereits seit Jahren ermöglichen, in Berlin zu studieren und von der leben­digen Kunstszene zu profitieren. Im Unterschied zu den Amerikanern kann die EAAB auf ihre eigenen, bereits langjährig in Berlin ansässigen Künstler-ProfessorInnen zurückgreifen, welche das Kernteam bilden. Die langjährige Verankerung des Lehrkörpers in Berlin eröffnet Studierenden – neben einem breiten Spektrum an hochqualifiziertem Unterricht – Kontakte zu internationalen KünstlerInnen, Ausstellungshäusern und anderen Protagonisten der Kunstwelt, welche ebenso in die Lehre der EAAB eingebunden werden.

Besonders glücklich äußerten sich die beiden Professoren Thomas Locher und Eva Grubinger über den Standort der EAAB am Hanseatenweg 10 in Berlin Tiergarten. Der Gebäudekomplex von Werner Düttmann wurde während des Kalten Krieges 1960 für die damals neu gegründete Akademie der Künste West fertig gestellt und steht heute – im dreißigsten Jahr nach dem Mauerfall – unter Denkmalschutz.

Eva Grubinger ist Künstlerin und lebt in Berlin und Linz. Sie ist Professorin für Skulptur – transmedialer Raum an der Kunstuniversität Linz. Grubinger studierte von 1989 bis 1995 an der HdK Berlin (jetzt UdK). Zuletzt war ihre ortsspezifische Installation Untitled (Little Boy) (2012) im Museum Oberes Belvedere, Wien, zu sehen. Am 3. Mai eröffnet ihre Einzelausstellung in der Galerie Tobias Naehring, Leipzig.

KUEHN MALVEZZI

Eine neue Kunsthochschule. Das Scheitern der Berliner Kunsthalle zeigt, dass es falsch ist, Architekturphantasien in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen: 
Keine Phantasiebilder. Cedric Price hat mit dem Potteries Thinkbelt 1965 schon das Modell des Lernens entworfen. Es verschränkt Raum und Inhalt, eine infra­‑ strukturelle Schule des Denkens und Produzierens, die sich in bestehende Landschaften einnistet: Lehrkonzept = Raumkonzept.
Universität = Stadt: Verschiedene Orte Berlins verbinden sich zu einem Lernnetzwerk, in dem zusammengearbeitet wird: Studios, Projekträume, Bibliotheken, Theater, Redaktionen, Kunstvereine, Buch‑ läden, Museen, Architekturbüros, Galerien, Verlage. Die beiden Kunsthochschulen übernehmen die formelle Leitung und vergeben falls gewünscht Studientitel. Es werden zeitlich befristete Künstlerjurys gebildet, die Projekte aussuchen. 
Projektleiter = Lehrende. Jeder kann Projekte vorschlagen. Die Projekte werden zum Schluss öffentlich gezeigt und zur Diskussion gestellt. Lernen ist Ausstellen: Welche Folgen hat ein Projekt? Die Projektdauer beträgt minimal drei Monate und maximal ein Jahr. Lehrverpflichtungen sind temporär und projektgebunden. Keine Profi-Profs. Es ist alles da. Es kann gleich losgehen.

Kuehn Malvezzi realisierte u.a. die Ausstellungsarchitektur der Documenta 11, die Erweiterung des Berliner Museum für Gegenwart Hamburger Bahnhof in den Rieckhallen, die Julia Stoschek Collection in Düsseldorf, Umbau und Erweiterung des Unteren Belvedere Wien und aktuell die Erweiterung des Museum Berggruen in Berlin. Wilfried Kuehn lehrte von 2006–12 als Professor für Ausstellungsdesign und kuratorische Praxis an der HfG Karlsruhe und ist Gastprofessor für Architektur an der TU Wien.

Christian Jankowski

Ob Berlin eine neue Kunsthochschule braucht? Ich denke schon. Die UdK macht schon seit länger Zeit keine gute Laune. Bis auf ein paar Ausnahmen gehen die besten Leute schon nach Kurzem, weil sie es dort nicht aushalten (wie zum Beispiel Stan Douglas, Daniel Richter, Tony Cragg oder Gregor Schneider). Der Apparat ist zu groß, die Verwaltung zu mächtig, grob und unbeweglich. Dass trotz allem immer wieder gute Studenten in der UdK auftauchen, liegt eher an der Stadt Berlin als an der Universität. Das Gebäude ist eigentlich extrem schön: wenn man es mal durchlüften könnte. Würde man die Hälfte der Professoren und Dreiviertel der Verwaltung entlassen, gäbe es eine gute Chance, dass es bergauf geht.

Weißensee ist undercover … da hört man leider nichts drüber: keine guten Schlagzeilen, keine schlechten. Als Katharina Grosse dort berufen wurde, hatte ich Hoffnungen, sie ist dann leider wieder gegangen. Jetzt ist Gunter Reski als Gastprofessor für Malerei dort, den sollte man mal fragen, woran es liegt. Insgesamt sind drei feste Professorenstellen wahrscheinlich zu wenig, um genug Dynamik zu entwickeln. Für eine gute Akademie braucht man einen neuen Raum und möglichst gute Künstler, denen das Unterrichten Spaß macht. Und auch eine Verwaltung, der Kunst etwas bedeutet.

Christian Jankowski ist Künstler und lebt in Berlin. Er ist Professor für Bildhauerei (Installation, Performance, Video) an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Ariel Reichman

Eine neue Akademie in Berlin würde wohl einer jungen Künstlergeneration großartige Möglichkeiten eröffnen. Ich habe mein Studium an der Bezalel Academy in Jerusalem begonnen und meinen Abschluss 2008 an der Universität der Künste Berlin (UdK) gemacht. Die beiden Hochschulen sind in ihrem Ansatz sehr verschieden. An der UdK herrscht große Freiheit, das Studium liegt in der Verantwortung der Studierenden. Ich finde es problematisch, dass es „Meisterklassen“ gibt: dass ein Student über mehrere Jahre in einer Klasse bei einem Professor in einem Medium arbeitet.

Ich wünschte, Berlin würde sein Potenzial mehr nutzen, denn hier leben so viele Künstler und Intellektuelle. Meine Empfehlung wäre eine Akademie, in der eine große Zahl von Künstlern und Theoretikern aus verschiedenen Gebieten zusammenkommt und die so Studierenden erlaubt, mit verschiedenen künstlerischen und akademischen Ansätzen in Berührung zu kommen. Eine Akademie, die mehr Wert auf den Prozess als auf das Endprodukt legt. Ich spreche von einer Akademie und keiner Schule, denn meiner Meinung nach sind Theorie-Seminare und Schreibfertigkeiten auch wichtig. Eine Unter­teilung in verschiedene Fachbereiche halte ich nicht für sinnvoll. Ich stelle mir eine Akademie vor, die sich mit den sozialen Fragen der Stadt und ihrer Bevölkerung auseinandersetzt und an der Künstler beschäftigt sind, die hier leben und arbeiten. Ich würde mich freuen, an so einer Akademie zu unterrichten! 
Übers. CK

Ariel Reichman ist Professor an der Talpiot Academy und Gastdozent an der Bezalel Academy of Art and Design in Jerusalem. 2008 studierte er an der Universität der Künste Berlin bei Hito Steyerl. Seine nächsten Einzelausstellungen finden bei PSM in Berlin und im Petach Tikva Museum of Art, Israel, statt.

Jan Verwoert

Akademie? Ja. Aber nicht allein um der Institution willen. Sondern für die Kunst. Also nicht eine weitere Spielstätte für Machtkämpfe. Zum Einüben von all dem, was einem in der lokalen Szene wie im internationalen Betrieb schon die Lust an Kunst verdirbt. Bitte nicht! Besser als eine Institution wäre ein Institut, das sich selbst zu instituieren weiß. Das heißt ein Ort, wo der fortlaufende Austausch zwischen Studierenden und Lehrenden Form und Inhalt der Lehre bestimmt. Das ist möglich. Setzt aber voraus, dass alle Beteiligten das Risiko eingehen, sich von den eingespielten Schüler-imitiert-Meister und Ödipus-sucht-Superstar Mustern zu lösen. Risiko, weil: Dann müsste man sich, statt bloß mit Macht, wirklich mal mit Kunst und miteinander auseinandersetzen. Dazu braucht es Mut. Hat (wer in) Berlin Mut zu so was?

Jan Verwoert ist contributing editor von frieze und lebt in Berlin. Er lehrt am Piet Zwart Institute, Rotterdam, dem de Appel Curatorial Programme in Amsterdam, sowie der H’Midrasha School of Art, Tel Aviv.

Tom HOLERT

Mag sein, dass sich die Ahnung, größere Wirkungen oder Wahrnehmbarkeiten gingen von der Universität der Künste oder der Kunsthochschule Berlin Weißensee lokal und international nicht aus, nur meiner eigenen Unwissenheit verdankt. Ein Besuch der Websites der beiden Kunsthochschulen aber bestätigt diesen subjektiven Eindruck eher. Auf der Weißensee-Startseite warten lauter bunte Kästchen, die ein hierarchiefreies Durcheinander der Angebote suggerieren, vom Vortrag über den „Event als Verlust“ bis zum Jugendcamp „Wasser in unserem Leben“. Alles irgendwie interessant, ohne dass Programmatik oder Relevanz erkennbar wären. Klickt man auf der spröden UdK-Homepage zu „Studiengänge Bildende Kunst“, erscheint eine wenig aussagekräftige Auflistung und rechts daneben eine Grafik mit einer gelben Klebstoff-Tube, auf der in schwarzen Großbuchstaben UDK statt UHU zu lesen ist. Die Kunstuniversität als Haftmittel? Als Stätte klebrig-peinlicher Witzischkeit?

Man könnte hier einwenden, dass die Webauftritte von Universitäten im allgemeinen und Kunsthochschulen im besonderen nicht selten enttäuschen und dass die Annäherung an derartige Einrichtungen nicht an deren PR- und Infofront haltmachen sollte. Aber im Falle der beiden Berliner Kunsthoch­schulen entspricht das Bild, das die Webauftritte vermitteln, allzu sehr der mangelnden Haftung, die diese Institutionen in der Stadtgesellschaft zu haben scheinen. Vielleicht ist es zuviel verlangt, dass Kunsthochschulen in die Stadt hineinwirken, ein Angebot machen sollen, das über Seminare und Vorlesungen für die eingeschriebenen Studierenden hinausreicht. Aber das Nichtverhältnis, die fehlende Öffentlichkeit, die diskursive Abwesenheit von UdK und Weißensee geben den Gedankenspielen über weitere, neue, andere Institutionen unfreiwillig Nahrung.

Zunächst wäre da der Umstand einer sich rasant internationalisierenden Kunstszene Berlins, die mit den Inhalten und Programmen der existierenden Schulen nur bedingt adressiert wird, nimmt man einmal Klassen an der UdK wie die von Josephine Pryde, Hito Steyerl oder Olafur Eliasson und vielleicht die dort neu gegründete Graduiertenschule aus. Wie groß das Bedürfnis nach offeneren, englischsprachigen (oder multilingualen) und dezidiert internationalen Formen der Präsentation und Diskursivierung künstlerischer Praxis ist, machte 2006/7 der erstaunliche Erfolg von unitednationsplaza, der „Ausstellung als Schule“, initiiert von e-flux-Gründer Anton Vidokle, deutlich. Eine Kunstschule mit offenem Angebot, ohne Studiengebühren, ohne Curriculum und Examina, im Verwaltungstrakt eines Supermarkts an verkehrsmäßig nicht gerade optimaler Stelle untergebracht, zog über ein Jahr lang all jene an, die von den bestehenden Institutionen der Stadt ansonsten nicht gerade umworben werden, darunter viele expats, die hier den Anschluss Berlins an internationale Kunstdiskussionen suchten und häufig auch fanden.

Das Experiment unitednationsplaza blieb auf ein Jahr beschränkt, aus konzeptuellen, mehr noch aus finanziellen Gründen. Aber es hat sich als ein mögliches Modell für einen Ort eingeprägt, an dem Prozesse stattfinden, die eine offene Gemeinschaft von Interessierten unter der koordinierenden Leitung eines Teams von TheoretikerInnen, KünstlerInnen, KuratorInnen wesentlich selbst gestaltet und organisiert.

Noch erstrebenswerter wäre freilich eine Institution, die finanziell so ausgestattet ist, dass an ihr tatsächlich langfristig und nachhaltig viele der in Berlin lebenden Kultur- und WissensproduzentInnen, die heute in andere Städte pendeln müssen, um sich so ihr Leben hier leisten zu können, ein solides Auskommen hätten, und zwar in den unterschiedlichsten vorstellbaren Rollen. An einem solchen Ort wären alle: Fellows, StipendiatInnen. Das heißt, der aufzubringende Etat müsste gewährleisten, dass alle Angehörigen oder Beteiligten, für das, was sie beitragen angemessen entlohnt würden. Die Agenden der Forschung und der Lehre wären nicht hierarchisch verteilt, an Eigentumstitel oder Personen gebunden, sondern je nach Situation und Anlass zu definieren. Es würde weniger darum gehen, von Evaluierungs- und Akkreditierungsinstanzen anerkannte „Abschlüsse“ zu generieren, sondern neue Formen der Kooperation und (Gegen-)Öffentlichkeit als Voraussetzung für neue Formen kultureller Praxis. Statt sich in der pseudoradikalen Ablehnung bestehender Institutionen zu gefallen, würde eine solche Institution, die „Schule“ nur in einem sehr weit zu fassenden Verständnis zu nennen wäre, ein kritisches Ergänzungsverhältnis zu Universitäten, Akademien, Museen, unabhängigen Netzwerken usw. eingehen. Eine solche Institution wäre frei und privilegiert, Themen zu setzen, Methoden zu entwickeln, Allianzen zu bilden, mit der Stadtgesellschaft zu interagieren. Rettender Hafen und Plattform für Aufbrüche zugleich.

Tom Holert ist Kunsthistoriker, Kritiker und Künstler und lebt in Berlin. Von 2006 bis 2011 war er Professor an der Akademie der bildenden Künste, Wien.

Ann-Sofi Sidén

Reisen ohne künstlichen Treibstoff
Anzahl der zugelassenen Studierenden: 150
Dauer: zweijähriger Master-Studiengang

Eine neue Form der künstlerischen Ausbildung muss versuchen, zu einem anderen Einsatz von Zeit zu kommen. Sie sollte neue Standards für die Wahrnehmung schaffen, sollte die eingeschlagene Route entwickeln und fördern, ausgehend von den Eigenschaften eines Projektils oder eines Satelliten: nördlich, südlich, östlich oder westlich von Berlin. Sie sollte die Studierenden ihr Transportmittel selbst wählen lassen – gehen, Rad fahren, reiten, segeln, fliegen, schweben – getreu dem Motto: „Reisen ohne künstlichen Treibstoff“.

Die Ausbildung wird die Künstler darauf vorbereiten; das Tempo herauszunehmen und neue Wege zu finden, wie sich die Welt erklären lässt. Die Berliner Basis der Schule sollte eine Gruppe von Künstlern einbeziehen, die über einen Zeitraum von zwei Jahren in Berlin leben. Ihre Aufgabe wird sein, das ur‑ sprüngliche Motto auszuformulieren und neu zu definieren und eine ambulante Gruppe von Studierenden zu engagieren. Sie bringt sich mit Projekten ein, die die raison d’être infragestellen und ihr zugleich folgen.

Die Schule sollte in den Grenzen des Landes Brandenburg angesiedelt sein, in einem Radius von 30 km um Berlin-Mitte. Die Kunstwerke in materieller oder konzeptueller Gestalt werden so vielfältig sein wie die Gruppe selbst. Alle zwei Jahre wird eine Abschluss-Ausstellung stattfinden mit dem Ziel, neue und alte Mittel zu finden und zu erkunden, wie Kunst dem Publikum präsentiert werden kann. 
Übers. MM

Ann-Sofi Sidén ist Künstlerin und lebt in Stockholm, wo sie am Royal Institute of Art lehrt. Zurzeit arbeitet sie mit dem Komponisten Jonas Bohlin an einer Oper für die Royal Opera in Stockholm, deren Vollendung für 2015 vorgesehen ist.

Thomas Locher

Die Kunstakademie scheint der letzte noch unerforschte Bereich im Kunstfeld zu sein. Alles andere ist beobachtet und analysiert worden. Nicht nur mit dem Begriff „Artistic Research“ will man zum Eigentlichen der Kunstproduktion vorstoßen … zur Intentionalität, zu den Transformationsverfahren, zu den Wunderkammern künstlerischer Entscheidungsprozesse. Es ist nur konsequent, dass man sich den Orten zuwendet, an denen junge Künstler ausgebildet werden.

Teile des Kunstfeldes artikulieren ein fetischistisches und nostalgisches Begehren nach Reinheit, Unverbrauchtheit und Ursprünglichkeit, als hätte man an Akademien die explizite Gelegenheit, dem Werden und Entstehen von Künstlersubjekten (und ihren Werken) zusehen zu können. Das ist eine Illusion, sind doch Kunstakademien der erste Schritt ins System selbst und bilden die Grundlage für spätere Netzwerke. Auch werden an Akademien dieselben Fragen, Themen und Konflikte erörtert wie in der realen Welt „draußen“ … mit denselben Begriffen und Methoden. Sicherlich nicht an allen Akademien gleichermaßen. Das „projektive“ Interesse an Kunsthochschulen sehe ich auch als ein Symptom für die Ermüdung an partikularen Positionen und Diskursen, für das Gefühl des Verlusts der „großen“ Erzählungen und deren emanzipatorischen Energien. Wer also nach anderen Formen von Kunstakademien und deren Lehre ruft, der muss auch sagen, worin das Neue und Besondere denn liegen soll. Welche anderen Begriffe sollen verhandelt werden? Welche neuen Vorstellungen vom Künstlersubjekt und vom Subjekt überhaupt gibt es? Welches Andere soll dort gelehrt werden? Im Übrigen: Beschäftigen wir uns auch mit solchen Fragen. Aber dafür bedarf es keiner neuen Akademien.

Thomas Locher ist Künstler, er lebt und arbeitet in Berlin und lehrt an der Königlich Dänischen Akademie der Bildenden Künste in Kopenhagen.

Sabine HORNIG

Als ich 1992 die HdK mit dem „Meisterschüler“ verließ, war ein Satz ganz klar in meinem Kopf: Diese Schule kann man nicht reformieren, man kann sie lediglich schließen und neu eröffnen. Im Wintersemester 2008/9 kehrte ich als Gast‑ ­professorin zurück, und es machte mir überraschenderweise Spaß. Der Muff des Unveränderlichen schwang noch mit, gepaart mit neuem, sich anbiederndem Kunstmarktehrgeiz. Doch die Arbeit mit den Studenten gestaltete sich anregend, so dass ich ein paar Gedanken zu einer neuen Hochschule in Berlin formulieren möchte.

1. Das Gute an der alten Hdk/Udk ist ihr grüner Innenhof. Die Ateliers und Werkstätten sind ausgezeichnet, aber alles zerfleddert durch labyrinthische Größe und lange Flure – ein bisschen wie Kafkas Schloss. Eine moderne Architektur läge am besten inmitten eines grünen Geländes oder einer Brache: z.B. auf dem Mauerstreifen, auf dem Flugfeld in Tegel oder Tempelhof. Es muss nicht im Zentrum sein: Innenstadt ist ein altmodisches Konzept und hat nichts mit Berlin zu tun. Die städtische Pause gehört zum künstlerischen Arbeiten.

2. Die Architektur muss unmittelbar sein. Man nehme eine kubische einfache Architektur – formal ähnlich zu Bruce Naumans Room With My Soul Left Out, Room That Does Not Care (1984) – und verschränke sie zweifach ineinander. Heraus käme ein Gebilde aus zwei, drei Stockwerken und sternförmig nach allen Seiten ausgerichteten Riegeln, die in der Mitte einen großen achteckigen Multifunktionsraum bilden. Die von diesem Raum ausgehenden Trakte setzen sich im Außenraum in versprengten Atelierkuben fort. Diese Kuben sind unterschiedlich nach Kriterien wie Nordlicht, Oberlicht, außen/innen gestaltet; einige können aber auch modulhaft aneinander geschoben werden. Zwischen Ateliers und Hauptgebäude befinden sich Werkstätten und die Bibliothek, die wie eine Membran zwischen Atelier und Lehre/Ausstellung fungieren.

von Sabine Hornig

von Sabine Hornig

3. „Wir sind nicht Maler oder Bildhauer, sondern Künstler“ (Marcel Duchamp). Es gibt nur den einen Studiengang Kunst. Die Ateliers und Werkstätten sind allen zugänglich und werden je nach handwerklicher oder medialer Ausrichtung genutzt.

4. Die Lehre ist nicht an Räume gebunden. Die Studenten müssen sich für die Atelier-Kuben bewerben – in der Regel wird nach jedem Semester neu vergeben. Die Studenten gehören keiner einzelnen Klasse an, sondern organisieren sich tutorische Treffen, jedoch in einem kontinuierlichen Verbund. Die Lehrkörper (Künstler und Theoretiker) bieten gleichzeitig Seminare an, in die sich die Studenten einschreiben und verpflichtend teilnehmen.

5. Internationale Vernetzung – Aktualität. Studenten und Lehrkräfte organisieren Veranstaltungen zu aktuellen Themen der Kunst und Politik, die eine Think-Tank-Funktion haben und über die Hochschule hinausweisen. Die Teilnahme ist nicht zwingend, da respektiert wird, wenn Studierende sich vorwiegend mit Themen auseinandersetzen, die hochspezialisiert sind und nur für sie selbst unmittelbar Aktualität besitzen.

6. Die Hochschule ist klein. Die Schule umfasst ca. 250 Studenten und Lehrkörper. Austausch mit Gaststudenten aus dem Ausland ist ein wichtiger Bestandteil. BA und MA werden abgeschafft, Die Studenten schließen mit einer Ausstellung/Abschlussarbeit ab. Die Schule hat ein kleines Team von Verwaltungsangestellten, die alle Aufgaben in Absprache mit dem Rektorat selbstständig erledigen (die Hochschullehrer selbst übernehmen, über die Treffen mit dem Rektorat hinaus, keine Verwaltungsaufgaben). Das gewählte Rektorat sollte von ein bis drei Künstlern aus dem Lehrkörper übernommen werden.

Sabine Hornig ist Künstlerin und lebt in Berlin. Seit 1995 mehrere internationale Lehraufträge, u.a. 2008/9 Gastprofessur für Bildhauerei an der UdK, Berlin.  Zuletzt stellte sie im Januar/Februar in der Galerie Tanya Bonakdar, New York, aus. Im Oktober 2013 eröffnet ihre Einzelausstellung im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam.

Nina Möntmann

Viele Studenten vom Royal Institute of Art würden gerne für einen Austausch nach Berlin wechseln. Immer geht es dabei um die Stadt, selten um die Schule. Auch wenn wir ihnen bestimmte Professoren empfehlen, entscheiden sich unsere Studenten dann doch meist für andere, weniger attraktive Städte, aber in ihren Augen attraktivere Schulen. Woran das liegt, kann ich von meiner auswärtigen Perspektive nur mutmaßen. Die Schulen spiegeln nicht das wider, was Berlins Kunstlandschaft ausmacht: Dinge wie Internationalität, eine breite Diskurslandschaft und experimentelle Ansätze in der Ausbildung, die auch im von Bologna festgezurrten Rahmen noch möglich sind. Viele einflussreiche Positionen für eine neue Kunsthochschule finden sich in Berlin – ihre Protagonisten pendeln, um in anderen Städten zu unterrichten. 

Nina Möntmann ist Kuratorin und Professorin für „Art Theory and the History of Ideas“ am Royal Institute of Art, Stockholm. Sie lebt in Hamburg und Stockholm.

Chus Martínez

„Brauchen“ ist vielleicht nicht das richtige Wort, die Stadt hat ja schon zwei Kunsthochschulen. Aber ich glaube, dass in Berlin Platz für eine „andere“ Kunsthochschule wäre. Eine, die sich definiert durch ihre explizite Verankerung im lokalen Kontext und einem Verständnis der vielen Künstlergenerationen, Identitäten, Ideologien und Geschichten, die Berlin ausmachen. Eine Hochschule, die mit viel Freiheit, aber auch Strenge das Geschehen verfolgt und kritisch bewertet. Man sollte dort über verschiedene Disziplinen und Methoden nachdenken, die die Entstehung neuer Vorhaben in der Kultur ermöglichen, und das, indem sie die Kunst in den Mittelpunkt der Neudefinition von Begriffen rückt, die für ein Verständnis von Erfahrung, Zeit, Materie und dem Sozialen entscheidend sind. Eine Hochschule sollte eloquent sein und mit einem Bewusstsein der Verantwortlichkeit und des Risikos das Wort ergreifen. Von den sturen Varianten institutioneller Bildung sollte sie sich fern halten.
Übers. CK

Chus Martínez ist Chefkuratorin am Museo del Barrio in New York und Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz – Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel. Sie war zuvor Head of Department und Mitglied der Agenten-Kerngruppe der dOCUMENTA (13), Chefkuratorin am MACBA, Barcelona (2008–10), und Direktorin des Frankfurter Kunstvereins (2005–8).

Helmut DRAXLER

Schließt die UdK!

Was immer Berlin brauchen könnte, sei es eine, zwei oder viele weitere Kunsthochschulen, es wird immer noch vorrangig die Frage sein, wer Berlin braucht um sagen zu können, was Berlin braucht. Berlin „braucht“ nun mal nicht, aber ich als Subjekt kann Berlin brauchen, zumindest als imaginären Horizont einer Lebenswelt, die mir das gibt, was ich brauche: Anerkennung, szenige Wohlfühlfaktoren, urbanes Ambiente, Stress, von allem nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Dieses individuelle Brauchen lässt sich allerdings nur schwerlich kollektivieren. Denn mein Brauchen einer neuen Kunsthochschule, weil dort vielleicht ein neuer Job winken könnte, kollidiert leicht mit deinem Brauchen, weil dieses Winken uns zueinander in Konkurrenz setzt, noch weitere Konkurrenten anzieht, und damit letztlich auch die Lebenswelt verändert, indem es etwa die Mieten weiter anheizt. Zu sagen, was Berlin braucht, kann also leicht gegenläufig zu dem sein, was ich an Berlin brauche. Das sympathisch Enervierende an der Stadt ist ja, dass sie ein stark dezentriertes Zentrum darstellt, dessen mythischer Zusammenhalt sich gerade darüber herstellt, dass ihre einzelnen Teile kaum miteinander kommunizieren oder auch nur voneinander wissen. Jede weitere Kunsthochschule würde erst einmal nur die ohnehin vorhandene Zerstreuung an kleingärtnerischen Einrichtungen fortschreiben.

Sich auszumalen, was Berlin brauchen könnte, setzt daher voraus, sich Berlin als eine andere Art von Stadt vorzustellen, vielleicht als Großstadt und nicht bloß als eine große Stadt, als zentriertes Zentrum oder als hegemoniale Metropole – aber wer will das schon, nicht nur aus historischen Gründen? Deshalb scheint auch die Idee so verführerisch zu sein, dass Berlin von allem weniger brauche: weniger Schloss, weniger Flughafen, weniger Touristen, weniger Kunstmessen und vielleicht auch weniger Kunsthochschulen. Schließt die UdK! Weißensee soll leben. Dem Armutsmythos ist aber insofern zu misstrauen, als er nicht nur grundsätzlich falsch ist, sondern gerade er es ist, der immer mehr Leute anzieht.

Ich würde die Idee der Institution nicht aufgeben wollen, sie aber als eine Idee fortführen, die weder weiter zur Zuspitzung der gegebenen, dezentrierten Situation beiträgt, noch eine neue Zentralgewalt mit heller Zukunft imaginiert. Vielmehr kann es über lokale Standortpolitik hinaus nur darum gehen, strukturell und inhaltlich einen Horizont des Möglichen zu entwerfen, vor dem die Institution über sich selbst, ihre konkrete Bedingungen und Kontexte wie ihre Funktionsweisen nachdenkt. Denn die Idee der Institution umfasst immer schon die Vorstellung eines Gemeinsamen und eines diese Gemeinsamkeit Repräsentierenden. Was sich darin repräsentiert, lässt sich nicht nur als Schnittstelle zwischen dem Individuellen und dem Sozialen begreifen, es be-dingt und formt vielmehr diesen Gegensatz selbst. Institutionen können deshalb stets nur gleichzeitig innerhalb und außerhalb des eigenen Bewusstseins erfahren werden; sie konditionieren unser Wollen und Brauchen, sind aber zugleich darauf angewiesen, immer wieder von Neuem entworfen und somit fiktionalisiert zu werden. Sich selbst zum Thema zu machen kann daher für eine Institution nur heißen, sich als möglichst reflexive Fiktion zu setzen, in der ihr Widersprüchliches und Dubioses sichtbar bleibt. Die Dynamiken zwischen individuellen Nöten und sozialen Wünschen, zwischen imaginiertem Brauchen und privilegiertem Haben werden dabei nicht zum Hindernis, sondern zur Voraussetzung, Institutionen anders vorzustellen: weniger im Sinne grundsätzlich flexibler Institutionen für „flüssige“ Demokratien, in denen es zur projektbasierten Vermischung von Theorie, Politik und Kunst käme, als im Sinn einer Art elitärer Gleichheitsforschung, welche die Differenz sozialer, kultureller und politischer Erfahrungen zum Ausgangspunkt nimmt, deren Zusammenhänge zu denken und darin Position zu beziehen.

Helmut Draxler ist Kunsthistoriker und lebt in Berlin. Von 1992 bis 1995 war er Direktor des Kunstvereins München und von 1999 bis 2012 Professor für Ästhetische Theorie an der Merz Akademie Stuttgart. Seit 2012 ist er Professor für Kunsttheorie und -vermittlung an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Zahlreiche Publikationen zu zeitgenössischer Kunst und Kulturtheorie.

Stefan Träger & Till Wittwer

Man stelle sich so etwas wie einen „Künstler als Unternehmer“ vor, aber mit einer anderen Ausrichtung: Junge Künstler verlassen die Akademie mit einer erweiterten Ausstattung an Werkzeugen und Strategien, die es ihnen ermög­lichen, Börsenspekulanten, Investoren in der Venture-Capital-Branche und aktive Mitspieler auf den Wirtschafts- und Finanzmärkten der Welt zu werden. Wir präsentieren das Konzept einer Business School of Art.

Betrachten wir zunächst die Ausbildungsziele der beiden Berliner Kunst-hochschulen. Studienziel der Universität der Künste (UdK) „im Studiengang Bildende Kunst ist es, künstlerisch besonders begabten jungen Menschen die Voraussetzungen zu vermitteln, […] selbständige und freischaffende Künstler/Künstlerinnen zu werden.“ An der Kunsthochschule Berlin Weißensee (KHB) sollen die Studierenden befähigt werden, „ihre eigene künstlerische Position“ zu entwickeln und sie verspricht, die Studierenden auf „verantwortungs­bewusstes und selbständiges künstlerisches Schaffen vorzubereiten.“

Hier werden unabhängige künstlerische Arbeit und „künstlerische Indivi-dualität“ als Ziele genannt, nicht aber die strategische Entwicklung geeigneter Arbeits-, Produktions- und Distributionsbedingungen. Es wird stillschweigend vorausgesetzt, dass solche (wirtschaftlichen) Bedingungen bereits vorhanden sind (sodass sich die Künstler bloß noch um die Inhalte ihrer Arbeit zu kümmern brauchen). Das verweist natürlich auf das traditionelle Galeriensystem.

Es wäre kurzsichtig, die künstlerische Ausbildung ganz auf den Bereich des traditionellen Kunstmarkts beschränken zu wollen. Ein solches Umfeld mag manchen Künstlern relativ stabile vorgefertigte Strukturen bieten, doch es schränkt die Definition künstlerischer Arbeit ein und weist dem Künstler eine eher passive Rolle zu. Die vermeintlich offene Struktur künstlerischer Ausbildung erweist sich als überraschend eng, einer unverkennbar passiven Rollen­definition folgend, bei der noch die Vorstellung mitschwingt, der Künstler sei ein von der „Außenwelt“ zu behütendes Wesen, das dadurch erst den vollen Zugang zu seinen inneren Kräften erhält.

Wenn Kultur heute als Ressource verstanden wird und die Kunstproduktion als Produktion sozialen Kapitals, weshalb Politiker dankbar das Potenzial von Kunst und Kultur für ihre Zwecke nutzen, muss es integraler Bestandteil der künstlerischen Ausbildung werden, herauszufinden, wie man Strategien entwickelt, um sich aktiv in diesen neuen Konstellationen zu positionieren.

Formulieren wir also ein Studienziel für eine Business School of Art: „Die künstlerische Ausbildung soll die Studierenden darauf vorbereiten, nicht nur Kunst zu schaffen, sondern auch die Rahmenbedingungen. Die Studierenden sollen ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie notwendig die aktive Teilhabe in Form und Inhalt ist, sowohl was die Kunst als auch was die Kunstszene anbelangt. Die Ausbildung umfasst auch die Aneignung von Strategien, wie man sich selbst unter diesen Voraussetzungen Gehör verschafft und Einfluss gewinnt.“

Künstler-als-Unternehmer 2.0 fühlen sich eingeengt von der alten Geschichte vom Künstler, der vom vorgegebenen Umfeld der Galerien, Biennalen und des sekundären Kunstmarkts vereinnahmt wird. Es liegt ihnen vielmehr daran, die Initiative zu ergreifen und die aktuellen Bedingungen – von Kultur als Ressource – zur Konstruktion einer eigenen Geschichte zu verwenden, anstatt nur übervorteilt zu werden. Die Business School of Art wird diese Konzeption pflegen und unterstützen. 
Übers. MM

Stefan Träger und Till Wittwer initiierten die Vortragsserie Money on Monday an der UdK in Berlin. Sie sind Mitgründer der Initiative shortingart.com – präsentiert als Vortrag bei Former West, HKW, Berlin –, mit der sie versuchen, anwendbare Modelle und Strategien für den Künstler-als-Unternehmer 2.0 zu entwickeln.

Karin Sander

Eine Neugründung würde die Probleme eher vergrößern als lösen. Zwei Kunsthochschulen in einer Stadt sehe ich zunächst einmal als eine Bereicherung, da sich die beiden Kunsthochschulen in ihrem Curriculum unterscheiden und sie sich aus den zahlreichen Bewerbungen ihre Studierenden wie Lehrenden aussuchen können. Nur scheint es im Moment nicht zu gelingen, die Leute zu halten. Ein für mich zentrales Problem sind die Berufungsverfahren. Damit sich Institutionen erneuern können und sich nicht ständig aus sich selbst heraus speisen, müssten Berufungskommissionen mindestens zur Hälfte aus externen Experten und diese wiederum zur Hälfte aus externen Expertinnen bestehen – das gilt nicht nur für Berlin. Die bestehenden Kunsthochschulen könnten damit beginnen, sich auf diese Weise viel besser aufzustellen.

Karin Sander ist seit 2007 Professorin für Architektur und Kunst an der ETH Zürich, wo sie neben Berlin auch lebt und arbeitet. Von 1999 bis 2007 war sie Professorin an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Am 21. März eröffnet ihre Ausstellung im LehmbruckMuseum Duisburg.

Michelle HOWARD

Anders als Paris, London, Rom, ja anders als die meisten europäischen Städte, besitzt Berlin kein Zentrum. Es ist eine Stadt der vielen Zentren, und das ist für mich das mit Abstand wichtigste Attribut, das die Stadt von anderen unterscheidet und sie so lebenswert macht.

An Freitagabenden finden in ganz Berlin Vernissagen statt, häufig an entgegengesetzten Enden der Stadt. Die Distanz hält nur wenige ab: Die Stadt ist flach, hat ein großartiges Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln, so dass man große Entfernungen – etwa mit dem Fahrrad an lauen Sommerabenden – leicht zurücklegen kann. Die meisten Vernissagen beginnen um 19 Uhr, aber sie gehen bis mindestens 1 Uhr nachts, so dass man an einem einzigen Abend einen guten Querschnitt durch die Kunst der Stadt zu sehen bekommen kann.

Die Kunst in Berlin ist genauso dezentral wie die Stadt. Weder Künstler noch Ateliers noch Galerien schließen sich in Ghettos ein, und dies, obwohl die Politik den dezidierten Versuch unternimmt, die wichtigsten Berliner Museen in Fußnähe der Museumsinsel anzusiedeln. Eine neue Kunsthochschule sollte diese wertvolle Dezentralität widerspiegeln, die Berlin zu so einem produk­tiven Umfeld für Künstler macht, und ihr Nachdruck verleihen.

von Michelle Howard

von Michelle Howard

Selbst das alte europäische Rezept der Hochschule der Schönen Künste, die in einer zentralen, üppig dekorierten Garnison untergebracht ist, wird schließlich zu einem dezentralen Ort, weil diese Hochschule durch Expansion und die Eingliederung neuer Disziplinen Neuansiedlungen um sich versammelt. Warum sollte man diese Dezentralität nicht von vornherein akzeptieren und sie direkt in den mode de vie der Hochschule einfließen lassen?

Unser Projekt sieht vor, die neue Kunsthochschule entlang der Berliner Ringbahn zu verteilen und die Hochschule direkt über Rolltreppen mit den Bahnsteigen der aktivierten Stationen zu verbinden. Das Projekt würde mit vier Pavillons an jeder der vier Drehscheiben des Rings – Ostkreuz, Südkreuz, Westkreuz und Gesundbrunnen – beginnen und die Züge als bewegliche Verbindungskorridore einbeziehen. Die vier Hauptknotenpunkte sind 15 Minuten Fahrtzeit voneinander entfernt, gerade genug Zeit für die Studenten, um sich auf die nächste Vorlesung vorzubereiten, um zu twittern und Blogs zu aktualisieren, um Diskussionen zu führen, um wichtige Absprachen mit einem Professor zu treffen und die Stadt zu erleben. Kurse und Diskussionen könnten sogar je nach Entfernung zwischen den einzelnen Pavillons angesetzt werden!

Die wesentlichen Innenräume der neuen Kunsthochschule sind die inner-halb der Züge und zwischen ihnen und den Rolltreppen der Pavillons. Diese sind keine Korridore, sondern zusammenhängende Räume, die die Studierenden mit der Hochschule und die Hochschule mit jedem Winkel der Stadt verbinden. Jedes Mal, wenn sich die Hochschule erweitert, schließt sie einen neuen Pavillon an eine neue Ringbahn-Station an, wobei sie den neuen Standort je nach der jeweiligen Spezialisierung, dem jeweiligen Professor oder den Immobilienpreisen auswählen könnte. Im Zuge ihrer Expansion wird die Hochschule immer mehr in die Stadt integriert und fügt sich in ihre Struktur ein. Bloß keine Garnison, bloß kein Koloss, sondern die Ringkunsthochschule. Einsteigen bitte!
Übers: CK

Die irische Architektin Michelle Howard ist Inhaberin von constructconcept, einem Berliner Architekturbüro, dessen Projekte von partizipatorischen Gebäuden bis zur Beratung bei großen öffentlichen Projekten vor allem im Bereich der Kunst und Architektur reichen. Sie hat einen Lehrstuhl am Institut für Kunst und Architektur an der Akademie der Bildenden Künste Wien inne.

Jan Svenungsson

In den vergangenen Jahren bestand ein wichtiger Teil der Attraktivität Berlins für junge Künstler darin, dass sie gerade nicht wegen des Studiums her­kommen. Man studiert in einer anderen Stadt und träumt davon, nach dem Abschluss nach Berlin zu gehen. In Berlin, so meint man, kann man der Künstler werden, zu dem man berufen ist. Man findet einen Raum, baut sich ein Netzwerk auf, stellt etwas Eigenes auf die Beine und hat zugleich Spaß. Für diesen Prozess kann keine Kunsthochschule die Gewähr übernehmen. Das einzige, was sie tun kann, ist, Fenster zu den Möglichkeiten der Welt zu öffnen und den Studierenden Modelle vorzustellen, die sie entweder annehmen, ablehnen oder ignorieren können. Mit anderen Worten: Individuen auf das vorbereiten, was sie selbst übernehmen müssen. Studierende an Kunsthochschulen sollten weiter davon träumen, fortzugehen, dorthin zu gehen, wo etwas los ist. Nach Pauschalangeboten sollten sie nicht suchen. Berlin zuliebe wollen wir hoffen, dass weiter Künstler nach Abschluss ihres Studiums herkommen – egal aus welchem Provinznest, egal aus welcher Hauptstadt. Und wir wollen hoffen, dass Berlin weiter in der Lage ist, das Seine dazu beizutragen: günstige Mieten, offene Strukturen, coole Clubs und glückliche Zufälle. 
Übers. CK

Der schwedische Künstler Jan Svenungsson lebt und arbeitet in Berlin und Wien. Er kam mit einem Stipendium nach Berlin und blieb. In der Vergangenheit hat er in Schweden, Norwegen, Finnland und Großbritannien gelehrt. Derzeit ist er Professor an der Universität für Angewandte Kunst Wien. In Deutschland hat er noch nie gelehrt.

Pash Buzari

Einige Gedanken – über neue Akademien in Berlin und anderswo …

1. Ja – die Welt braucht … und Berlin auch 1. Das Lehren lehren, weil Lehren lehrt … 2. In der Schublade und außerhalb, gleichzeitig 4. Ort und Geist in Beschlag nehmen – Begegnungen ALLER Art 7. Kritik der kritischen Kritik 6. Experimentieren und neue Technologien und Soziale Medien – jenseits von trans, inter, supra und Jargon. 8. Kostenlose Bildu

Ausgabe 9

First published in Ausgabe 9

April - Mai 2013

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