Door Between Either And Or - Part 1

Kunstverein München

1926 hielt Gertrude Stein in Oxford einen Vortrag mit dem Titel Composition as Explanation. „Was ist mit der Frauenfrage?“, wollte jemand aus dem Publikum wissen. „Nicht alles kann alles leisten“, erwiderte Stein. Aus heutiger Sicht liegen in dieser Anekdote zwei Wahrheiten: dass Gender­fragen in den Institutionen des Kunstbetriebs ebenso allgegenwärtig sind, wie sie schnell beiseitegeschoben werden (sogar von Frauen); und dass Kunstwerke von Frauen nicht immer das „Frausein“ thematisieren müssen.

In Kooperation mit dem Kunstverein München haben die Künstlerinnen Judith Hopf und Marlie Mul für Door Between Either And Or Part 1 Werke von zwölf Künstlerinnen zusammengebracht. Das Spektrum reicht von Künstlerinnen der klassischen Moderne wie Jeanne Mammen bis hin zu jüngeren, Morag Keil beispielsweise oder Gili Tal. Es handelt sich durchweg um Frauen, von denen sich keine explizit feministischer Formen künstlerischer Arbeit bedient, und die sich doch auf spielerische und geschickte Weise das Vokabular des Feminismus aneignen. Was ist es also, das den heutigen Feminismus – als politische und ästhetische Realität – von anderen virulenten formalen und ästhetischen Traditionen unterscheidet? Und wie kann man sich dieses Erbe aneignen, ohne seine realen politisch-historischen Komponenten zu neutralisieren oder sich in überkommenen Gemeinplätzen zu ergehen („die Frau“ als Sinnbild des Schöpferischen, Stereotype über „feministische“ Kunst)?

Die vorübergehende Rückkehr zu Klischees kann dabei behilflich sein, gerade diese zu überwinden: das zeitweise Annehmen von außen auferlegten Vorstellungen des eigenen Selbsts, um der doppelten Gefahr zu entgehen, entweder vor den herrschenden „männlichen“ Konventionen zu kapitulieren (Wiederholung durch Verkehrung ins Gegenteil) oder in bloße Negation zu verfallen (Separatismus). Diese Art aporetischen Argumentierens kommt auch im titelgebenden Begriff „Door“ zum Ausdruck, der sich auf eine besondere Tür in Marcel Duchamps Pariser Wohnung bezieht. Diese Tür war so zwischen zwei Türrahmen montiert, dass man, öffnete man sie zum einen Raum, automatisch den anderen verschloss. Labels schließen Bedeutungen ebenso aus, wie sie diese einführen. Jana Eulers Gemälde Self Portrait as E.T. re-entering the gallery (2013) bietet einen traurigen, unheimlichen Blick auf die Entfremdung inmitten eines institu­tionellen Kontexts: die Künstlerin als lächelnder, rotfingriger E.T., der eine verglaste Struktur betritt (die Galerie als eine Art metaphorisches „Raumschiff“). Wir sehen, wie „es“ aus dem Innern des institutionellen Raums heraus gerahmt wird, wie wir selbst dabei sind, den Außerirdischen zu betrachten, eine Art eingeladenen Fremden.

„Das Weibliche“ selbst ist nicht von den Institutionen zu trennen, von denen es ausgeschlossen wurde, denn sie haben dazu beigetragen, es durch Negation zu konstruieren. In der Ausstellung haben Hopf und Mul einige große, selbst entworfene Stahlrahmen aufgestellt und wie durchlässige Stellwände miteinander verbunden: der Versuch, eine elegante, wenn auch rudimentäre Rahmung bereitzustellen. Zum einen sorgen sie für Transparenz: Da auch die Rückseiten der in ihnen präsentierten Arbeiten zu sehen sind, lassen sich in einem Fall – den in diesen Rahmen hängenden Drucken der Serie It’s Not My Body III, VIII, IX, X (2011) von Josephine Pryde, bei der man sich an Embryonen und Föten erinnert fühlt – Details über die Kunstspedition und die Galerie ablesen. Zum anderen aber rahmen diese Einbauten auch Opazität: Drei von Jeanne Mammens undurchsichtigen und durchlöcherten Bronzeköpfen, Jüngling, Männerkopf und Kopf im Schatten (um 1940–6), geschaffen in ihrem Berliner Atelier, in dem sie während des Zweiten Weltkriegs Unterschlupf fand, sind in ihrem Inneren präsentiert. Die Arbeit malewhitecorporateoppression II (2013) von Georgie Nettell besteht aus drei Skulpturen, die an ungewöhnlichen Orten – auf dem Fensterbrett, auf dem Boden, in einer Ecke – in den Räumen des Kunstvereins aufgestellt sind: eine unverblümte, anstößige Serie aus grauen Plastikwannen mit schmutzigem Geschirr, Überresten der letzten Abende, provokativ hässlich und von selbstbewusster Schlampigkeit.

Auch wenn der Ansatz der Ausstellung zwischen Ernst und Ironie pendelt, zwischen „entweder und oder“, fehlt es ihm nicht an Engagement und ethischen Anliegen. Bezeichnend sind hier zwei Arbeiten, die sich intelligent mit dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen auseinandersetzen. In ihrer boshaften Bleistiftzeichnung All-Woman Dinner Party (2009) präsentiert Amy Sillman eine gesetzte Tafel, bei der die Namen der Gäste durch oberflächliche Beschreibungen ersetzt sind („Blondine aus Brooklyn, die deutscher aussieht als die Deutschen – raucht viel und trägt Leder“), womit sie zum einen das Klischee weiblicher Gehässigkeit aufs Korn nimmt, zum anderen den Hang des Kunstbetriebs zum Stereotyp. Doch das mit Abstand beeindruckendste Werk in dieser intelligenten, unverfroren eloquenten Ausstellung ist der unentschlossene Stummfilm Zwei Frauen im Gefecht (1974) von Isa Genzken. Man sieht zwei Frauen unterschiedlicher körperlicher Konstitution – sie lachen und lächeln, ziehen sich an und aus und reichen sich dabei die Kleidungsstücke einer einzigen Garderobe. In diesem Schwarzweiß-Film mit der nostalgischen Dunstigkeit seines 16mm-Materials verwandeln die beiden Gestalten die Limitierung des gemeinsam Nutzbaren in ein Spiel. Begrenzung kann eine Form von Macht sein, und Kampf ein Spiel. Doch mit wem kämpfen sie eigentlich? Mit sich selbst? Mit uns? Mit niemandem?
Übersetzt von Michael Müller

Pablo Larios ist Redakteur von frieze d/e. Er lebt in Berlin.

Ausgabe 11

First published in Ausgabe 11

September/Oktober 2013

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