Im Stillen Teilen

Natascha Sadr Haghighians Arbeiten spiegeln die Mechanismen der Macht in gebrochener Form

pssst Leopard 2A7+ (Detail), 2013 Verschiedene materialen (Ausstellungsansicht) Johann König, Berlin (courtesy für alle Bilder: die Künstlerin & Johann König, Berlin; Fotografie: Roman März)

Deutschland ist der drittgrößte Waffenproduzent der Welt. In Fabriken werden hier intelligente Maschinen gebaut, die Menschen töten, und der Erfolg, mit dem die deutschen Verkäufer ihre Maschinen vermarkten, trägt nicht unwesentlich zur relativ stabilen wirtschaftlichen Lage des Landes bei. All das ist kein Geheimnis – was hergestellt und verkauft wird, von wem es gekauft wird, kann man einfach im Internet nachlesen. So brachte beispielsweise der Hersteller Krauss-Maffei Wegmann 2010 den Kampfpanzer Leopard 2A7+ auf den Markt, ein Gefährt, das (etwa durch seine leistungsstarke Klimaanlage) speziell dafür ausgelegt ist, in Städten der heißen Klimazonen zum Einsatz zu kommen, um dort Aufstände, Proteste und Aktionen bewaffneter Volksmassen zu unterdrücken. Der Spiegel berichtete 2011, die Bundesregierung habe den Verkauf von 200 Einheiten dieser antirevolutionären Fahrzeuge an Saudi-Arabien genehmigt, ein Land, das nur wenige Monate zuvor in Bahrain mit Hilfe des Militärs Proteste für mehr Demokratie niedergeschlagen hatte. In Großbritannien – einem Land, das allerdings seit Jahren ebenfalls Waffen an Saudi-Arabien verkauft – meinte der Guardian: „Das also ist offensichtlich Deutschlands Beitrag zum Arabischen Frühling.“1

_pssst Leopard 2A7+_,2013, Verschiedene materialen, (Ausstellungsansicht), Johann König, Berlin (Fotografie: Roman März)

Doch in der Bundesrepublik kommt es nicht zu wütenden Protesten. Denn wer mit dem Finger auf die moralisch verwerfliche Industrie zeigt, liefe Gefahr, als Hysteriker dazustehen; als jemand, dem gerade klar geworden ist, was alle anderen schon längst wissen, was man beschlossen hat zu akzeptieren, beziehungsweise, worüber sich aufzuregen einem abgewöhnt wurde. Genau diese Mechanismen bezeichnet Michael Taussig in Defacement: Public Secrecy and the Labor of the Negative (1999) im Rückgriff auf Elias Canetti als offene Geheimnisse, von denen Gesellschaften abhängig sind. Was, wollte man es bewusst verbergen, für Empörung sorgen würde, muss unmerklich und unterschwellig sichtbar gemacht werden. Und der Staatsapparat hilft dabei, ohne seine Arbeitsweise so richtig zu erkennen zu geben. Die entsprechenden Strategien könnte man beispielsweise im Spielwarenladen beobachten: Bei Toys R’ Us etwa ist der Leopard als Lego-Baukasten erhältlich – offensichtlich unkreative, subjektbildende Bausätze, die es Bürgern ermöglichen sollen, Macht mimetisch nachzuvollziehen. Angesichts dieser Umstände, angesichts dessen, was Taussig eine künstlich herbeigeführte „epistemische Trübung“ nennt, liefe da also die Repräsentation, die bildende Kunst nicht ins Leere?

Empire of the Senseless Part I, 2006, Verschiedene materialen, KW Institute for 
Contemporary Art, Berlin (Fotografie: Uwe Walter)

Wie man jüngst in ihrer Ausstellung bei Johann König in Berlin erleben konnte, besteht Natascha Sadr Haghighians Antwort auf diese Frage weder darin, sich der Repräsentation zu bedienen, noch sie zu verweigern, geschweige denn darin, überhaupt „bildende“ Kunst zu machen. Wenn sie denn auf die Methode der Offenlegung zurückgreift, dann im Hinblick auf jene Faktoren, die dazu beitragen, die Ozillation des jeweiligen Geheimnisses aufrechtzuerhalten. Und doch ist Offenlegung nicht alles, worum es ihr in ihrer künstlerischen Arbeit geht. Man kommt nicht sehr weit, wenn man bloß offenlegt, was an sich schon offenkundig ist. In dieser Ausstellung also zeigte Sadr Haghighian einen Leopard-Panzer im Gewand sarkastischer Travestie. Die Klanginstallation pssst Leopard 2A7+ (2013) nahm die Mitte des Raumes ein: eine abgerüstete Kopie des „echten“ Leopard, bestehend aus einer hölzernen Basis in der Form der unteren Panzerteile und verkleidet mit einem grau-grünem Tarnmuster aus Lego-Platten. In diese waren in einem Kreis – genau dort, wo der Geschützturm sitzen sollte – 60 Kopfhörerbuchsen eingelassen. Man konnte auf dem stillen, unbeweglichen „Panzer“ sitzen und den Stecker eines Kopfhörers einstöpseln, dann war eine von 20 – von Sadr Haghighian und sechs anderen produzierten – Tonaufnahmen zu hören. In einigen Stücken rezitiert sie in Berlin öffentlich den hundert Seiten starken Rüstungsexportbericht des Jahres 2011. Andere wiederum drehen sich um einen anonym verfassten Brief aus der Zeit der Ägyptischen Revolution vor zwei Jahren, in dem Soldaten und Polizisten aufgefordert werden, ihren Dienst nicht zu quittieren, sondern lieber vorbeizuschießen und keine Knochenbrüche zu verursachen. Vorgetragen ist das Ganze durch einen Vocoder, das Trägersignal war dabei durch den Lärm demonstrierender Massen ersetzt worden. Wieder andere Aufnahmen bedienen sich elektronisch verfremdeter O-Töne, die auf abstrakte Art und Weise darstellen, wie der Leopard zu eigenen Empfindungen gelangt, wie er beginnt, sich seiner selbst bewusst zu werden.

Trail, 2012, Klanginstallation dOCUMENTA (13), Kassel (Fotografie: Nils Klinger)

Hier wird kenntlich gemacht und durch die Mangel gedreht, was Sadr Haghighian als eine Art atavistische Hexenkunst in den Blick nimmt. In Anlehnung an die Überlegungen, die Walter Benjamins in seinem Aufsatz Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen (1916) in Bezug auf das Verhältnis zwischen Benennung und Magie anstellt, sieht sie im Umstand, dass der Panzer nach einem Tier benannt ist, eine pseudo-schamanistische Beschwörung animalischer Kräfte oder doch zumindest einen absonderlichen Irrationalismus im ansonsten ganz wissenschaftlich geprägten Bereich der Waffentechnik. Ähnlich verhält es sich, wenn etwa im betont sachlich gehaltenen Rüstungsexportbericht in der umfangreichen Aufzählung all der chemischen und biologischen Kampfstoffe plötzlich ganz emotional von „Feinden“ gesprochen wird. Im Sinne dessen, was Taussig als Verantwortung des „souveränen Individuums“2 in einer verwalteten Wirklichkeit bezeichnet – nämlich die gekonnte Offenlegung von gekonnt Verborgenem –, besteht Sadr Haghighians Ablehnung nicht nur darin aufzuzeigen, wie die dreiste Unverblümtheit dieser Dinge etwas mit dem Verbergen zu tun hat, sondern auch darin, sie mit schwarzem Humor zu „entstellen“. So ist der prototypische pssst Leopard 2A7+ eine einzige Verballhornung, angefangen beim Titel. Hier wird zwischen Mimikry und Metapher hin und hergewechselt; entsprechend verschmelzen in der Panzerattrappe An- und Abwesenheit (denn vieles bei diesem Werk liegt buchstäblich unter der Oberfläche). Diese Arbeit macht aus multipler Mimesis, der Instrumentalisierung der Sprache und vermeintlicher Neutralität eine Burleske, die die Mechanismen der Macht gebrochen spiegelt.

Nicht zuletzt dank seiner klanglichen Komponenten arbeitet ein solches Werk unter dem unvermeidlichen Signet des Aufeinandertreffens. Vorhandene Konventionen – etwa, dass bildende Kunst explizit visuell zu sein hat – werden dabei zugunsten einer Entgrenzung über Bord geworfen. Dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch Sadr Haghighians Arbeiten der letzten 15 Jahre. Dezidiert haben sich ihre Projekte in den Randbereichen der künstlerischen Praxis bewegt. Als sie gebeten wurde, einen Beitrag zur Manifesta zu liefern, lud sie für ihre Arbeit Present but not yet Active (2002) drei Kuratoren in den Frankfurter Zoo ein, um dort einen Tiger in einem Gehege zu beobachten – oder eben gerade nicht zu beobachten. Denn die Tiere werden dort in einer einigermaßen natürlichen Umgebung gehalten, was zur Folge hat, dass man sie nicht immer zu Gesicht bekommt. Zwei Jahre später fand dieser Widerstand gegen das Einpferchen seinen Ausdruck in bioswop.net, einem Internetportal, das sich als „Plattform zum Austausch von Lebensläufen“ versteht, mit dem Ziel, „den Begriff des Lebenslaufs an sich zu entwerten“. (Sadr Haghighian, die es ablehnt, vor dem Hintergrund ihrer Herkunft und ihres Werdegangs interpretiert zu werden, liefert für jede Ausstellung einen anderen Lebenslauf ab; nach der jüngsten Version ist sie 1987 in Budapest geboren.) Für ihre Ausstellung Solo Show kooperierte sie 2006 mit der Kunstproduktionsfirma mixedmedia berlin. Gemeinsam schufen sie einen fiktiven Künstler namens Robbie Williams, der sich angeblich für die gesamte Ausstellung verant­wortlich zeichnete. Der wenig romantische Umstand, dass kein Künstler wirklich ganz allein arbeitet, gehört, so Sadr Haghighian in einem Gespräch, zu den bestgehüteten offenen Geheimnissen der Kunstwelt. Und angesichts all der Plackerei, der Hierarchien und einengenden Konven­tionen wiederholt dieser Mikrokosmos damit auch nur eine allgemeine gesellschaftliche Realität.

Solo show, 2008 (Ausstellungsansicht) MAMbo, Bologna (Fotografie: 7 Matteo Monti, Bologna)

Mit am prägnantesten für ihre jüngeren Arbeiten war aber wohl die Gruppenausstellung No Matter How Bright, the Crossing Occurs at Night, in der sie 2006 gemeinsam mit Anselm Franke, Judith Hopf und den Filmemacherinnen Deborah Schamoni und Ines Schaber in den Kunst-Werken Berlin vertreten war. Hier befasste sich die fortwährend weiterforschende Sadr Haghighian – ähnlich wie Franke – vor allem mit Passagen zu verschiedenen Bedeutungen des Gespenstischen, beginnend mit Jacques Derridas Marx’ Gespenster von 1994. Die Figur des Gespensts wird hier im zweifachen Sinne begriffen, einmal als Form entzogener Rechte und ein andermal als eine marxistische Idee revolutionärer Kraft, die umso wirkungsvoller erscheint, je weniger sie zu fassen ist. In der Arbeit Sadr Haghighian selbst resultieren solche Überlegungen in sichtbar-unsichtbaren Werken wie empire of the senseless part 1 (2006). Bewegungssensoren schalten vor einem Wandtext von Kathy Acker in phosphoreszierender Farbe das Licht an: Lesbar wird das Ganze also erst dann, wenn die Betrachter ganz ruhig stehen bleiben, so dass das Licht wieder ausgeht.

Gespensterhaftigkeit ist eine Vorstellung, die bei Sadr Haghighians Arbeiten in verschiedene Richtungen gleichzeitig geht; Arbeiten, die suggerieren, dass Kritik und deren Gegenstand in eins fallen müssen. Die Gespensterhaftigkeit ist Waffe der Macht und der oppositionellen Mengen, und in ihrem Schatten können die gravierendsten Dinge ganz still realisiert werden. Etwa in De paso aus dem Jahr 2011. Für diese Installation, die – in unterschiedlichen Formaten – in Barcelona und London zu sehen war, wurden Geräusche eines Handkoffers verstärkt, der stumpf-mechanisch über eine Mineralwasserflasche rollt. Und während so diese gewöhnlichen und irgendwie doch abseitigen Gegenstände in den Vordergrund gerückt wurden, beschäftigten sich begleitende Recherchen mit der Geschichte der Deregulierung des Luftverkehrs und der Stilllegung öffentlicher Brunnen. Kleine Dinge bringen hier größere Verschiebungen zum Klingen.

Den nachhaltigsten Eindruck aber hat – gerade auch im Hinblick auf die Thematik von An- und Abwesenheit – ein Projekt hinterlassen, dessen Recherchen letztlich auch zu pssst Leopard 2A7+ geführt haben: die Arbeit Trail (2012) für die dOCUMENTA (13) (per Lebenslauf im Katalog macht Sadr Haghighian sich hier zu einem 1966 in London geborenen Architekten).

De paso (Detail), 2011,Klanginstallation, Verschiedene Materialen, MACBA, Barcelona (Fotografie: David Campos)

Als sie mit einem Mitglied des Ausstellungsteams über das Gelände in Kassel fuhr, stieß sie auf einen Trampelpfad, der einen Abhang entlang führt, an dem sich ein Ehrenmal befindet: eine monumentale Treppenanlage zwischen Schöne Aussicht und Karlsaue, die dem Gedenken an die deutschen Gefallenen der beiden Weltkriege gewidmet ist. Der Hang besteht, wie Sadr Haghighian herausfand, aus Schutt und Trümmern des im Zweiten Weltkrieg zerbombten Kassel. Ihr Beitrag bestand zum einen in dem bloßen Akt des Verweisens auf diesen Pfad, im Angebot, ihn statt der Treppe – und der mit ihr verbundenen Würdigung des Ehrenmals – zu benutzen. Ganz beiläufig verbarg sie im angrenzenden Blattwerk Aufnahmen von Kasseler Bürgern, die lautmalerisch Tiergeräusche nachmachen. Dabei sind alle in der Stadt gesprochenen Sprachen vertreten. Denn Zuwanderer spielen in Kassel traditionell eine bedeutende Rolle, sei es wegen der Zwangsarbeiter, oder aber den Gastarbeitern, die freiwillig gekommen waren, um in den Fabriken zu arbeiten – Waffenfabriken, die Rüstungs­güter herstellten. Ein Umstand, der auch zur Bombardierung Kassels führte – und so am Ende zur Anlage des Trampelpfads als alternativem Weg.

Krauss-Maffei Wegmann hat seine Wurzeln in Kassel und betreibt hier weiterhin Fabriken. In der Stadt, die noch immer ein wichtiger Standort für die Produktion von Rüstungsgütern ist, gibt es eine Waffenmesse. Weitere Ebenen der absurden Brechung tun sich hier auf. Kurden sind beispielsweise in Kassel, weil Deutschland Panzer an die Türkei verkauft hat, die sie gegen das kurdische Volk eingesetzt hat – was schließlich dazu führte, dass Kurden in Deutschland Asyl beantragten. Einige von ihnen haben wiederum in den Fabriken Arbeit gefunden, in denen diese Panzer produziert werden. Als schmutziger Bruder des Ehrenmals ist Sadr Haghighians Trail zwar sichtbar, aber ontologisch auf eine Art „trübe“; erst durch Benutzung wird er zum Trampelpfad, erst dann wird er als alternativer Weg ausgewiesen. Wenn Sadr Haghighian damit aufdeckt, dass Deutschland die ganze Welt mit Waffen versorgt, verweist sie lediglich auf einen bereits akzeptierten Sachverhalt (den Hintergrund lieferte eine begleitende Website: www.d13trail.de) – was an sich schon erschreckend genug ist; und zugleich entstellt sie das offizielle Bild der Ereignisse, das von der großen Treppenanlage nebenan verkörpert wird. Humor ist in der Tat ein unschätzbares Element im Arsenal der Entstellung. Die Documenta-Besucher konnten so auf ihrem Rundgang auf diesem vom Menschen angelegten Flecken Natur in unzähligen Akzenten die passende Antwort auf die permanente Mimesis, auf unverfrorene Kriegstreiberei und all die Täuschungsversuche vernehmen: „Mäh“, „Zwitscher“, „Wau“.
Übersetzt von Michael Müller

Martin Herbert ist Kunstkritiker. Er lebt in Tunbridge Wells, Großbritannien.

1 Hans Kundnani, Germany’s contribution to the Arab spring: arms sales, guardian.co.uk, 9 July 2011
2 Michael Taussig, Defacement: Public Secrecy and the Labor of the Negative, Stanford University Press, 1999, p.356

Ausgabe 9

First published in Ausgabe 9

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