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Gimme Shelter

Der Deutsche Pavillon auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig und das Bauen für Flüchtlinge

Kollektiv A, Rendering of rear façade for ‘Ort des Ankommens’, Munich. Courtesy: Kollektiv A. 

Kollektiv A, Rendering of rear façade for ‘Ort des Ankommens’, Munich. Courtesy: Kollektiv A

In den kommenden Jahren werden hunderttausende von Menschen nach Deutschland kommen. Und selbst wenn die Balkanroute dicht ist, und selbst wenn man das Land morgen mit einem gigantischen Wall einmauern würde, gibt es schon heute weit mehr als eine Million Flüchtlinge, von denen viele bleiben werden. Das bedeutet: Es muss gebaut, umgebaut, Wohnraum für Millionen geschaffen werden. Aber wie? Wenn es nach dem Staat geht, heißt die Lösung MUF. Nicht Muff, sondern MUF wie „mobile Unterbringung für Flüchtlinge“. In Berlin beispielsweise werden an 60 Standorten von diesem Frühling an für jeweils 450 Menschen „Häuser­gruppen in Leichtbauweise“ gebaut. 19.000 Flüchtlinge sollen so bis Ende dieses Jahres untergebracht werden. Leichtbau klingt gut – es handelt sich allerdings um Stahlbeton­fertigteile, die vor Ort nur noch zusammengesetzt werden müssen. Das Ganze ist also eine Art Plattenbau. Die beiden parallel zueinander stehenden viergeschossigen Wohnriegel der MUFs werden mit einem eingeschossigen „Funktionsbau“ zu einer U-Form verbunden, so dass eine Art Hof entsteht. 

Viele Architekten laufen seit Wochen Sturm, denn die MUFs, immerhin eines der größten Woh­nungs­bauprogramme seit Jahrzehnten, das rund 600 Millionen Euro kosten wird, sind ein Amtsentwurf. Dass man für eines der größten ­Bauprojekte der Nachkriegszeit in Deutschland keinen internationalen Architektenwettbewerb ausgeschrieben hat, ist umso erstaunlicher, als schon vor der Flüchtlingskrise über die Frage eines neuen massenhaften Wohnungsbaus nachgedacht worden war. Denn nach langen Jahren der Privatisierung der Innenstädte hatte der Staat erkannt, dass die Frage bezahlbarer Wohnungen gelöst werden muss. Es gab einmal sechs Millionen Sozialwohnungen, heute sind es gerade noch 1,4 Millionen, und immer mehr fallen jedes Jahr aus der Sozialbindung. Gleichzeitig wachsen die Städte. Berlin wollte deshalb die Anzahl der Wohnungen der landeseigenen Wohnungsbau­gesellschaften bis 2020 um 70.000 erhöhen. Jetzt müssen es deutlich mehr und die Wohnungen deutlich günstiger werden. 

 

Gorenflos Architekten, Berlin with Planung. Freiraum, Berlin, and Juliane Bailly (installation of common room on Tempelhofer Feld Berlin). Courtesy: Gorenflos Architekten.

Gorenflos Architekten, Berlin with Planung. Freiraum, Berlin, and Juliane Bailly (installation of common room on Tempelhofer Feld Berlin). Courtesy: Gorenflos Architekten

Wie soll das gehen? MUFs allein werden nicht die Lösung sein. Oliver Elser und Peter Cachola ­Schmal vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, die zusammen mit der Projektkoordinatorin Anna Scheuermann den deutschen Beitrag auf der diesjährigen Architektur­biennale in Venedig verantworten, haben eine Webseite freigeschaltet (makingheimat.de), auf der Bauten für Migranten dokumentiert werden. Was man jetzt schon sagen kann, ist, dass die Krise zu spektakulären und klugen Vorschlägen führt: Der Berliner Architekt Max Schwitalla entwirft zusammen mit dem Aufzughersteller Schindler und der ETH Zürich ein „urbanes Regal“ aus Beton, einem Parkhaus nicht unähnlich, das nur die Infrastruktur – die Statik und Anschlüsse für Wasser und Strom – bietet. Die künftigen Bewohner bauen sich ihre Häuser in diese Betonstruktur hinein und – so der Plan – lernen, von Fachleuten angeleitet, Fertigkeiten und bau­technische Kenntnisse, die ihnen sowohl bei einer eventuellen Rückkehr in ihre zerstörte Heimat helfen werden, als auch für den Fall, dass sie in Deutschland bleiben und hier Arbeit suchen: Der Bau des eigenen Zuhauses als Ausbildungsmaß­nahme. Die Stadt Tübingen möchte so einen Prototyp bauen.

Gleichzeitig werden die recht­lichen Voraussetzungen des Bauens überdacht. Aber schon wegen der Anforderung des energieeffizienten Bauens wird das Bauen immer teurer. Die Bundesregierung hat deshalb im September 2015 eine Verordnung verabschiedet, die vorübergehend die energetischen Anforderungen für bestimmte Gebäude verringert. Die Flüchtlingskrise könnte also wie ein Katalysator für die Reform einer einerseits überregulierten, andererseits defätistisch dem Markt erge­benen Baupolitik wirken. Doch gute Vorschläge sind noch die Ausnahme. „Wir scheinen ohnmächtig zu sein, mit dem Flüchtlings­thema architektonisch und städtebaulich würdig umzugehen“, erklärt der Architekt Jörg Friedrich  und zeigt in einem Projekt, das er mit seinen Studenten entwickelt hat, und in dem Buch Refugees Welcome (2015) vorstellt, wie mögliche alternative Lösungen zu MUFs und Containern aussehen könnten. Eine geeignete neue Wohnarchitektur müsse, so Friedrich, in den Bestand integriert und nicht in Großblöcken auf die freie Wiese gedonnert werden: „50 bis 60 Menschen sind deutlich konfliktfreier gemeinsam in einem Gebäude unterzubringen als Hunderte Trauma­tisierte in einer Turnhalle“, sagt er. Sie am Stadtrand wegzusperren in einer „Blechkistenarchitektur ­fördert Aggression, Gewalt, Abgrenzung statt Integration“.

Friedrich und seine Studenten schlagen vor, die zigtausenden innerstädtischen Flachdächer der Ver­waltungs- und Bürobauten aus der Nachkriegszeit mit Wohnungen ­aufzustocken. Statisch ist das kein Problem, sozial trüge es zur Belebung toter Gegenden bei, und durch ein­fache Eingriffe ins Bauverordnungswesen wäre es leicht zu genehmigen. 

Constantin Tibor Bruns, ‘Floating Houses’ (illustrations from the book Refugees Welcome. Konzepte für eine menschenwürdige Architektur), 2015. Courtesy: Constantin Tibor Bruns.

Constantin Tibor Bruns, ‘Floating Houses’ (illustrations from the book Refugees Welcome. Konzepte für eine menschenwürdige Architektur), 2015. Courtesy: Constantin Tibor Bruns

Eine weitere zentrale Frage ist die nach der Wiederbelebung der zahllosen verlassenen Landstriche, denn man wird die Flüchtlinge nicht allein in den städtischen Ballungsräumen unterbringen können. Viel wurde über den verlassenen Ort ­Kerpen-Manheim, auf halbem Weg zwischen Köln und Aachen gelegen, berichtet, der eigentlich bis 2022 dem Braunkohle-Abbau weichen sollte: Jetzt leben dort 70 Flüchtlinge. Optimisten sehen in der Verteilung der Flüchtlinge auf die leeren Dörfer und Kleinstädte eine Chance: In von Architekten intelligent umgebauten Ortschaften, gerade des Ostens, könnten sie eine neue Heimat finden und, bei entsprechenden arbeitspolitischen Regelungen, die Wirtschaft dort ankurbeln; diese staatlich ­geförderte Blüte werde dann schon auch die von der ökonomischen ­Ausblutung des Ostens frustrierte, derzeit noch xenophobe Lokal­bevölkerung überzeugen.

Aber kann das funktionieren? Erst vor Kurzem hat Vizekanzler Sigmar Gabriel eine Residenzpflicht für anerkannte Flüchtlinge gefordert, damit die nicht in die großen Städte ziehen und „dort Ghettos bilden“. Sofort kam das Gegenargument: Der Flüchtling integriere sich leichter in der Großstadt; auf dem Land, am Rande eines Dorfs mit hoher Arbeitslosigkeit – dort würden die Flüchtlinge ghettoisiert. Auf dem Land, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, wäre nicht nur die Frage zu ­klären, was sie dort tun könnten. Auch die Angst vor den Flüchtlingen ist hier am größten. Man sieht bei den Demonstrationen der Pegida vor allem Menschen aus ländlichen Regionen mit Schildern, auf denen „Refugees go home“ steht, und die Zahl der Angriffe auf Flüchtlings­unterkünfte stieg zwischen 2011 und 2015 von 18 auf 924. Dabei könnten auch die ländlichen Gegenden von den Flüchtlingen profitieren. In Deutschland sind aktuell 460.000 erwerbsfähige Flüchtlinge registriert, erklärte Arbeitsministerin Andrea Nahles. In diesem Jahr kämen voraussichtlich weitere 200.000 hinzu. „Gleichzeitig haben wir derzeit knapp eine Million offene Stellen. Das heißt: Wir können es schaffen, mithilfe der Flüchtlinge mittelfristig die Fachkräftelücke im Handwerk zu verkleinern.“ Was, wenn man den Flüchtlingen verlas­sene Höfe, aufgegebene Werkstätten, dichtgemachte Bäckereien, leere Verwaltungsbauten gäbe? In Bayern wird das schon gemacht, Gemeinden werden unterstützt, Leerstände in ihrem Besitz als Wohnraum herzurichten.

18 Iraker in einem leeren Mehrfamilienhaus, 12 Syrer hinter der braunen Tür eines Gelbklinkerbaus aus den 1970er Jahren: Für Optimisten ist dies das Bild einer bunten Wiederbelebung, eines lebendigeren, neuen Deutschlands. Was, wenn der syrische Arzt die Praxis aufmacht und die Iraker die alte Bäckerei wieder eröffnen – jetzt, wo zu den alten Dorfbewohnern ein paar hundert Flüchtlinge dazukommen, für die sich ein Bäckerladen lohnen würde? Würde dieser kleine Arbeitsmarkt nicht das Kennenlernen fördern, die Jugendlichen von der Straße holen, die kaputten, verlassenen Dörfer wiederbeleben und so den Druck von den Städten nehmen? Und wäre das nicht die eigentliche futuristische Chance der Neubesiedlung des ­Landes: dort massiv den Bestand verdichten, Arbeit schaffen, Schnellbahnen in die Städte bauen – und damit aus dem Land, das bisher nur als Problem (Zersiedlung, Arbeits­losigkeit, Verfall der Dörfer) auf dem Plan stand, eine Alternative zu den immer teurer und musealer wer­denden Städten zu machen? Die Flüchtlingskrise birgt auch den Kern eines neuen, ruralen Futurismus, ­der Orte auf dem Land radikal dezentral verdichtet und wiederbelebt. Die ökologisch und sozial fragwür­dige Zersiedelung war ja auch ein Effekt der Konzentration auf die ­großen Städte, in denen gearbeitet wurde, und wo das soziale Leben stattfand. Auch bei dieser Frage sieht es ganz so aus, als sei die immer so genannte Flüchtlings-„Krise“ unter Umständen auch eine Chance für das ganze Land. 

Niklas Maak ist Autor und Kunstredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie John T. Dunlop Lecturer of Housing and Urbanization an der Harvard University. Seine Bücher Der Architekt am Strand. Le Corbusier und das Geheimnis der Seeschnecke (2010) und Wohnkomplex Warum wir andere Häsuer brauchen (2014) erschienen beim Carl Hanser Verlag

Issue 24

First published in Issue 24

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