Happy Hours

Wie die Berliner Times Bar über Nacht zur Legende wurde

Skye Chamberlain, Times Painting, 2012

Kaum machte der Laden am 7. September 2012 zu, war auch schon der Nimbus da. Als Johann König einige Tage später seinen neuen Galerieraum in der profanisierten Kirche St. Agnes anlässlich der Berlin Art Week erstmals öffnete, lud er die Macher der Berliner Times Bar ein, den Raum mit der nötigen Hipness für das internationale Kunstpublikum zu versehen: „Ab 20 Uhr bespielen die Künstler der Times Bar das Gelände“, hieß es im Programm. Auch auf dem „Bazaar“ der art berlin contemporary war die Bar vertreten, neben 26 internationalen Projekten.

Zuvor war die Times Bar ein gutes Jahr lang an einer unschein­baren Ecke in Neukölln platziert, eine Gehminute vom Hermannplatz entfernt und strategisch an der U-Bahn-Linie 8 gelegen, die den Party- und Kunststandort Mitte mit den neuen Hotspots im Süden verbindet. Dann schlossen ihre Betreiber, die drei amerikanischen Künstler Lindsay Lawson, Calla Henkel und Max Pitegoff, das Lokal, bevor es sich institutionalisieren und selbst überleben konnte, wie sie sagen. Sie verstanden die Bar, die offiziell als TIMES e.V. für Kunst und Kultur firmierte, als Kunstraum und als temporäres Projekt. In der Times Bar trafen sich echte und selbsternannte Künstler und Intellektuelle. Den harten Kern bildeten bestens vernetzte amerikanische Studenten in ihren Zwanzigern. Die meisten lebten erst seit Kurzem in der Stadt. Die wenigen deutschen Gäste bestellten ihr Bier auf Englisch.

Ein Video des kanadischen Sängers Dan Bodan hat die Atmosphäre der Times Bar im Bild festgehalten. Bodan, der seit 2007 in Berlin lebt, verkehrte hier regelmäßig und trat hin und wieder mit seinen Songs auf. Nun dient die Bar als Setting für Bodans Song DP, der A-Seite einer Single, die er im Sommer 2012 auf DFA Records herausgebracht hat, einem der einflussreichsten Poplabels der Nullerjahre. DP steht im Porno für Double Penetration. Der Song bettet simple Orgelakkorde auf einen geraden Beat und beginnt mit einem verrauschten Sample von Gilles Deleuzes Stimme. Danach zählt Bodan mit sanfter Crooner-Stimme Bedingungen für Liebe und schwulen Sex auf: „Wenn du mir französische Philosophie beibringen willst, schlafe ich mit dir. Du kannst mich ins Stuttgart Künstlerhaus mitnehmen, ich folge dir.“ Im Video sieht man Gäste der Times Bar an den einfachen weißen Tischen sitzen, auf denen Flaschen und Kerzen stehen. Junge Frauen schwingen wie Stripperinnen um eine Stange vor dem Tresen, der weiß gekachelt und stets mit einer Blumenvase dekoriert war. Alle paar Wochen wurden Künstler eingeladen, je eine Arbeit hinter der Bar aufzuhängen.

Standbild aus der unveröffentlichten Version von Dan Bodans Musikvideo DP, 2012

Diese sogenannten Hangings – unter anderem von Stammgästen wie AIDS-3D, Skye Chamberlain oder Simon Denny – waren sichtlich als Teil des sozialen Settings gedacht, als Gesprächsangebot im Netz der Beziehungen und Blicke. Die große Geste autonomer Kunst unterliefen sie mal mehr, mal weniger geschickt. Eingemietet in einem ehemaligen Reisebüro und verteilt über 50 Quadratmeter auf zwei Ebenen, markierte die Times Bar einen öffentlichen Raum, der sich aber sehr privat anfühlen konnte, und in dem sich die Gäste nicht als Zuschauer begriffen, sondern als Akteure. „Sie haben eine hübsche Geschichte auf die Beine gestellt“, sagt Dan Bodan, dessen selbst veröffentlichtes Album Nudity & Atrocity im letzten Jahr eine Arbeit von Simon Denny auf dem Cover zeigte. „Alle posierten, es hatte etwas Zwingendes. Ich hatte hier den meisten Spaß in der Kunstwelt.“

Die Liste Berliner Künstlerbars und Projekträume mit Bierausschank ist lang. Immer wieder waren solche Orte als Schnittstellen zwischen Kunst, Musik und Mode Gegenstand mythologischer Aufladung. In der jüngeren Geschichte erfüllten Bars wie das vom Künstler Daniel Pflumm zusammen mit anderen in den späten 1990er Jahren betriebene Elektro oder die 2007 eröffnete Kim Bar in der Brunnenstraße dieses Bild. Früher brauchten diese Räume eine gewisse Zeit, um eine Aura zu erwerben. Dank Smartphones und Facebook war in der Times Bar die Lücke zwischen einem Ereignis und seiner Dokumentation, Verbreitung und Historisierung vollständig aufgehoben. Ihre Gäste sprachen über die Bar fast vom ersten Tag an, als sei sie legendär. Das letzte Hanging kam von Skye Chamberlain: ein großes Gemälde der Bar mit ihren Gästen. Wer hier vertreten ist, darf sich nun wohl als Teil der jüngeren Kunst­geschichte betrachten, so der implizit ironische Claim, der zugleich das Begehren nach Bedeutung ein wenig camoufliert.

In Bodans _DP_-Video, das man als Abschiedsgruß an diesen Raum betrachten kann, gibt es eine Szene, die das Verhältnis von Draußen zu Drinnen sichtbar macht. Sie zeigt, wie Passanten im Vorbeilaufen irritiert durch das Schaufenster in die Bar hineinschauen. Tatsächlich war die Times Bar in Berlin, wo seit Jahren teils provinzielle Debatten um Gentrifizierung geführt werden, nicht unumstritten. Ende Februar 2012 brach auf der Facebook-Pinnwand der Bar ein Shitstorm los. Ein Besucher, der sich nicht willkommen gefühlt hatte, beschimpfte die Macher: „Ich hoffe, dass es euch wert ist, das Leben der Anwohner zu zerstören, um reiche internationale Hipster anzulocken.“ Die Betreiber reagierten auf die Vorwürfe mit einem Statement, das der Auseinandersetzung mit den selbstproduzierten Ausschlüssen eher auswich: „Unsere Sensibilität für das Publikum und die Gemeinschaft ist persönlich, und unser Laden ist verbunden mit unseren Körpern, die den Raum jedes Wochenende füllen.“

Neujahrsparty in der Times Bar, 2012

Dabei ist das Verhältnis der „Internationals“, jener in den letzten Jahren in größerer Zahl nach Berlin zugezogenen Studenten und Künstler, sowohl zu den etablierten, von Deutschen dominierten Szenen, als auch zu den Lebensräumen der Kinder der Arbeitsmigranten des 20. Jahrhunderts so spannend wie paradigmatisch. Treffen hier doch Globalisierungsgewinner und -verlierer, Fremde und Einheimische aufeinander, deren Zugehörigkeiten allesamt im Fluss sind. Die Englisch sprechenden Touristen und Neueinwohner werden in Berlin teils mit Misstrauen betrachtet, wird mit ihnen doch der Trend zu steigenden Mieten in der Innenstadt verbunden.

Ein „Hanging“ von Tobias Madison & Emanuel Rossetti in der Times Bar, 2012

Dieses Verhältnis wird von Bodan in einem anderen Video, es gehört zu seinem Song Aaron, thematisiert: der exotistische Blick der Times-Bar-Internationals auf die „wilden“, migrantisch geprägten Teile der Innenstadt. Das Video ist eine Hommage an das Kottbusser Tor, eine weitere Haltestelle der U8 und der Ort des gegenwärtigen Berlin, auf den alle Vektoren von Hipness und Style zielen. Während Bodan in einem oberen Stockwerk des Neuen Kreuzberger Zentrums schmachtend seinen Lover Aaron anruft, blickt die Kamera vom Balkon hinunter auf die Straße, auf die wohl vorwiegend türkischen Jungmänner, die dort in weißen Unterhemden posieren, spielerisch miteinander raufen und möglicherweise mit Drogen handeln. Das ist eine Form von Camp, vor allem aber ein Statement über eine oft zu Unrecht diffamierte Sicht auf die Welt, die das Andere und Fremde zur Kenntnis nimmt: Der exotistische Blick nimmt das Begehren wirklich ernst. Dazu lässt Bodan auf Englisch die selbstreflexive Frage einblenden: „Was sieht er, wenn er so schaut?“

Ulrich Gutmair ist Kulturredakteur der tageszeitung und arbeitet an einem Buch über das Verschwinden der Nachkriegsbrachen und der Nachwendekultur in Berlin-Mitte.

Ausgabe 7

First published in Ausgabe 7

Winter 2012

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