Kein Futter

In diese Serie bittet frieze d/e KünstlerInnen, über handwerkliche und logistische Anstren­gungen hinter ihren Werken zu sprechen

Wenn man in mein Atelier kommt, riecht es dort nach Scheune. Das liegt an den Heubildern, die ich seit drei Jahren mache. Ich flechte sieaus Heuschnüren, die ich aus einem Dorf an der Grenze der Region Niederschlesien zu Großpolen (Wielkopolska) beziehe. Diese Schnüre sind kein traditionelles polnisches Material, zumindest sagen das die Bewohner des Dorfes. Ihrer Ansicht nach kommt die Tradition der Heuschnüre eher aus Deutschland, oder von den Sorben, die an der Grenze Deutschlands zu Polen leben. Es ist nicht ganz klar. Aber auch in Polen hat man früher aus solchen Heuschnüren zum Beispiel Bienenkörbe geflochten, teils wurden sie auch zur Isolation beim Hausbau verwendet. Heute braucht man sie in dem Dorf nur noch im Frühjahr, man wickelt Menschen in sie ein. Das sind dann Heumänner oder Heubären, so etwas wie Frühjahrsgeister. Sobald sie auftauchen, weiß man: Jetzt ist der Winter vorbei. Dazu gehörteine Art Prozession, ähnlich wie in Deutschland an Fastnacht.

Die Heuschnüre sind zwischen sieben und acht Meter lang und bestehen aus getrockneten Gräsern, Kräutern und Blumen. Je vielfältiger die Wiese und je langstieliger die Gräser, desto besser. Es kommen keine Bindemittel zum Einsatz, die Schnüre halten allein aufgrund der Reibung zwischen den verdrehten Halmen und einer mitlaufenden Hanfschnur. Es wird also ein Packen getrocknetes Heu genommen und dann fängt man an, ihn zu drehen. An diesem Prozess sind sieben Personen beteiligt, pro Meter braucht man einen, der die Spannung hält. Die jungen Männer, die das für mich machen, verdienen damit nicht hauptberuflich ihr Geld. Sie treffen sich nach Feierabend in der Scheune und nutzen das für sich wie eine Party. Sie hören Musik, trinken Bier – und drehen die Heuschnüre.

Techniken wie diese, in denen ein sehr spezifischer Zusammenhang zwischen Landschaft, Material und Mythologie besteht, drohen heutein Vergessenheit zu geraten. Seitder Moderne schauen wir eigentlich immer nur auf die Zentren, nach Berlin, Paris oder München. Von dort geht alles aus, in der Stadt ist die Kultur. Auf dem Land vermuten die meisten Leute eigentlich nichts Bedeutendes, man sagt: Da lebendie Bauern, die Dagebliebenen und die Rechtsradikalen. Ich finde das ignorant. Ich selbst spreche leider kein Polnisch, ich habe jemanden, der mit den Männern vorab das richtige Heu auswählt. Farbe, Alter und Trocknung müssen stimmen. Wenn die Männer fertig sind, fahre ich hin und wir sehen alle Schnüre gemeinsam durch. Wenn ich später ein Bild aus ihnen flechte, brauche ich dafür ein bis zwei Helfer, denn auch beim Weben auf einem Eschenholzrahmen müssen die Schnüre ständig unter Spannung gehalten werden. Einer führt also den Webvorgang – in Atlas-, Köper- oder Leinen-Webart –, die anderen müssen zuführen und die Schnur immer weiter drehen. Sonst wird sie zu locker. Man muss richtig eng weben. Das ist körperlich ziemlich anstrengend.

Beim Weben wird permanent der Raum gedreht. Das ist ein Grundthema meiner Arbeit, auch in den Acrylglasfaltungen, die ich mache. Man kann eine Acrylglas­faltung – oder eben so ein Heubild – als Fläche betrachten, aber es ist immer auch ein räumliches Produkt. Bei den Heubildern sind schon die einzelnen Schnüre mit ihren Halmen ein gedrehter Raum. Beim Verweben wird dieser Raum nochmals gedreht. Letztlich schaut man also auf einen doppelt verdrehten Raum. Wenn man darin eine glatte Oberfläche erkennt, ist das eine Wahrnehmungsentscheidung. Auch eine normale, ungrundierte Leinwand ist nie einfach nur eine Oberfläche, sondern immer auch ein verdrehter Raum. Wenn man ganz nah an eine Leinwand herangeht, sieht sie im Grunde genauso aus wie eines meiner Heubilder.

Ich nenne diese Bilder „Lichtbilder“, denn bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, dass Heu quer durch alle Kulturen, sogar in Japan, das Gleiche symbolisiert: Licht und Sonne. Das liegt wohl an seiner bestimmten Farbigkeit und an seinem Glanz. Auf der ganzen Welt scheinen die Menschen dieselbe Assoziation zu haben, wenn sie Heu sehen: dass es aus dem Licht kommt und in dessen Richtung wächst.

In einem fertigen Bild sind dann etwa 100 Meter Heuschnur verar­beitet, also um die 15 Einzelschnüre. Es wiegt rund 80 Kilo. So ein Bildist durchaus fragil, aber der Transport ist nicht besonders kompliziert. Wichtig ist nur, dass man vorher Löcher in die Kisten bohrt, damit Luftaustausch stattfinden kann. Es wäre schlecht, wenn das Heu in der Kiste anfangen würde zu schwitzen. Mir wird oft die Frage gestellt, ob nicht irgendwann Käfer in das Heu gehen. Bis jetzt ist das aber noch nicht passiert. Das Heu ist dadurch desinfiziert, dass es lange zum Trocknen in der Sonne gelegen hat. UV-Licht tötet Insekten. Selbst wenn irgendwann mal ein Käfer in das Bild gehen würde, würde ernicht das Heu fressen. Käfer fressen keine Cellulose. Und was den Geruch angeht: Er ist einzigartig und am Anfang stark. Er verfliegt mit der Zeit – ähnlich wie bei Tee. Und das Schöne ist, dass er sich mit der Witterung auch immer ein wenig verändert. Das hat wiederum mit der Luftfeuchtigkeit zu tun. Eine Leinwand, die noch nicht grundiert ist, riecht ja auch ein wenig, wenn sie feucht wird und man nah an sie rangeht. Beides ist eben Naturmaterial.
Aufgezeichnet von Jan Kedves

Olaf Holzapfel lebt als Künstler in Berlin. Im Distanz Verlag hat er soeben das Buch Region – die Technik des Landes veröffentlicht. Seine nächste Einzelausstellung zeigt er vom 14.02. bis 23.03.2013 in der Albert Baronian Galerie, Brüssel.

Ausgabe 8

First published in Ausgabe 8

Februar - März 2013

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