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Bilder ohne Zeugen

Dani Gal setzt sich in seinen Sound-, Film- und Dia-Installationen mit den losen Enden kollektiver Traumata auseinander

Dani Gal, Any resemblance to real persons, living or dead, is purely coincidental, 2012, Standbild (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

Dani Gal, Any resemblance to real persons, living or dead, is purely coincidental, 2012, Standbild (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

Die letztjährigen Olympischen Sommerspiele in London werden mit ihren sportlichen Meisterleistungen und 38 neuen Weltrekorden in die Sportchroniken eingehen – doch für die meisten von uns werden sie bald nicht mehr als eine blasse Erinnerung sein in einer langen Reihe von Olympischen Spielen. Anders die Sommerspiele von 1972 in München, die bis heute mit der Geiselnahme und Ermordung elf israelischer Athleten durch die palästinensische Terroreinheit Schwarzer September sowie der missglückten Rettungsaktion durch die hoffnungslos überforderten deutschen Behörden verknüpft bleiben. Das Olympia-Attentat war die erste terroristische Attacke, die sich durch massive mediale Berichterstattung, die schon während des Ereignisses selbst einsetzte, tief ins kollektive Gedächtnis einbrannte. Das Interesse an dieser Tragödie ist immer noch so groß, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland beispielsweise just einen Tag nach der offiziellen Eröffnung der Londoner Olympiade 2012 eine Doku-Fiction namens Vom Traum zum Terror – München 72 (2012) ausstrahlte.

Dani Gal, Any resemblance to real persons, living or dead, is purely coincidental, 2012, Standbild (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

Dani Gal, Any resemblance to real persons, living or dead, is purely coincidental, 2012, Standbild (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

Der in Jerusalem geborene, in Berlin lebende Künstler Dani Gal nimmt für seine Sound-, Film- und Dia-Installationen genau solche historischen Ereignisse als Ausgangspunkt und untersucht ihre Repräsentationsformen innerhalb der „offiziellen“ Geschichtsschreibung. Seine raumfüllende 2-Kanal-Filminstallation Any resemblance to real persons, living or dead, is purely coincidental. (2012) – die Kernarbeit seiner Einzelausstellung in der Züricher Galerie Freymond-Guth im vergangenen Jahr – widmet sich den Stunden der Geiselnahme im Olympischen Dorf. Am 5. September 1972 stürmten acht Mitglieder der Terroreinheit früh morgens die Quartiere der Athleten, in denen sie anschließend blieben, bis das Drama später am Tag in einem blutigen Massaker am nahe gelegenen Flughafen Fürstenfeldbruck endete. Die knapp 13 Stunden in den Unterkünften der Sportler lassen sich als historisches Schwarzes Loch beschreiben, da es kaum geschichtlich verifizierte Informationen gibt – und doch sind diese Stunden seitdem in zahlreichen Filmen aufgegriffen und visualisiert worden. Es ist daher nahelie‑gend, Gals Arbeit – deren Titel bereits auf die Nähe zur Fiktionalisierung realer Begebenheiten verweist – im Rahmen des Re-enactment-Diskurses zu lesen, also der Fragestellung nach der Wiederaufführung vergangener Ereignisse. In der Videoarbeit September is the new black (2012), die zu demselben Werkkomplex gehört, wird die Problematik von Re-enactments verdeutlicht, indem Gal die 40 Filme, die jeweils eine „Interpretation“ der Wahrheit zeigen, als Footage verwendet und zu einer einzigen Projektion überblendet, die so zum kaleidoskopischen, „unleserlichen“ Bild wird. Die als Prolog zu lesende Arbeit weist auf ein Kerninteresse Gals hin: die Schnittstelle von (Bild-)Macht und Subjektivität.

Dani Gal, September is the new black, 2012
Standbild, (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

Dani Gal, September is the new black, 2012
Standbild, (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

Insbesondere in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts hat das künstlerische Re-enactment eine Hochzeit erlebt und wurde in mehreren Ausstellungsprojekten thematisiert. Die wohl bekannteste Arbeit, die diesem Genre zugeschrieben werden kann, ist Jeremy Dellers Projekt Battle of Orgreave (2001), in dem Deller den blutigen Bergarbeiterstreik von 1984–5 – ein Kulminationspunkt des konservativen Thatcherismus – im großen Rahmen nachstellte. Im Gegensatz zu Gal greift Deller auf ein Ereignis zurück, das durch eine große Zahl von Dokumenten belegt ist und zusätzlich eine „Augenzeugenschaft“ aufweist. Ganz anders verhält es sich bei dem von Gal ausgewählten Ereignis.

Historische Traumata zeichnen sich durch ihre elliptische Wiederkehr und ihre Nichtlinearität im kollektiven Bewusstsein aus. Re-enactments könnten somit auch als Ermächtigungsstrategie verstanden werden. Durch die Wiederaufführung könnte ein Verarbeitungsprozess in Gang gesetzt werden, ja, das künstliche Wiedererleben könnte endlich die Wunde verheilen lassen: Dieser Anspruch wurde immer wieder als Intention Dellers genannt für sein monumentales Unterfangen, in dem viele der 800 Teilnehmer tatsächlich die ursprünglich involvierten Minenarbeiter und Polizisten waren. Gal dagegen ist weniger an einer möglichen Katharsis interessiert, als an den Lücken traumatischer Erfahrung.

Im Falle der Olympia-Arbeit stützt er sich auf das wenig bekannte Faktum, dass die Täter in den Stunden der Geiselnahme ihre Kleidung mehrmals mit der ihrer Opfer wechselten, um Verwirrung zu stiften. Gal zeigt die elf Männer beim Umkleiden in allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (von Sportkleidung zu Polizeiuniform zu Zivilkleidung usw.). Diesen kontinuierlichen Rollenwechsel mit stereotypen Kostümierungen filmte der Künstler während mehrerer Stunden durch Spionagespiegel. Ein Verwirrspiel, das als Metapher für die Krise der Repräsentation gelesen werden kann, wie sie etwa Jean Baudrillard in seinem Aufsatz Die Gewalt am Bild (2003) beschreibt. Oder man denke an das einleitende Feuerbach-Zitat aus Guy Debords Die Gesellschaft des Spektakels (1967): „Aber freilich […] diese Zeit, welche das Bild der Sache, die Kopie dem Original, die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht […]; denn heilig ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit.“

Gals Arbeiten gehen oftmals intensive Recherche- und Archivarbeiten voraus, und sie zeichnen sich durch ein Interesse am Konstruktionscharakter von Geschichte und ihrer medialen Repräsentation aus. Gal spielt oftmals mit dem kollektiven und subjektiven Geschichtsbewusstsein sowie dessen Vermittlung und greift dabei nicht selten gerade diejenigen historischen Momente auf, die mit den Konsequenzen des Zweiten Weltkriegs und der Shoah zu tun haben.

Dani Gal, Nacht und Nebel, 2011, Standbild (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

Dani Gal, Nacht und Nebel, 2011, Standbild (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

So auch für Nacht und Nebel (2011), ein weiteres filmisches Re-enactment, das erstmals auf der Venedig-Biennale 2011 zu sehen war. Historische Ausgangslage ist die Verurteilung des Naziverbrechers Adolf Eichmann im Jahr 1961 zum Tode und die Anordnung, seine Überreste im Mittelmeer – außerhalb des israelischen Hoheitsgebiets – zu verstreuen, um so zu verhindern, dass seine Grabstätte zu einem Gedenkort werden könnte. In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 wurde dieser Anordnung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Folge geleistet. Der Titel von Gals Arbeit kann zudem als Referenz auf Alain Resnais’ gleichnamigen Film aus dem Jahr 1955 verstanden werden, der zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einen der ersten filmischen Versuche darstellte, sich dem Horror der Konzentrations- und Vernichtungslager anzunähern. Zudem spielt der Titel auf die sogenannten Nacht-und-Nebel-Aktionen des NS-Staates an, bei denen Personen, die man des Widerstandes verdächtigte, spurlos verschwanden und in die Konzentrations­lager des Dritten Reichs deportiert wurden. Gals 20-minütiger Film basiert auf einem von ihm geführten Interview mit Michael Goldman-Gilad, einem Holocaust-Über­lebenden und Polizist, der an der höchst geheimen Mission der Entsorgung von Eichmanns Asche beteiligt war. Goldman-Gilads Erinnerungen werden als Voiceover wiedergegeben und durch betont „filmische“ (und somit auch „fiktive“) Bilder konter­kariert. So benutzt Gal etwa einen starken Schwarzfilter, um die Bilder beinahe schwarzweiß wirken zu lassen; nur einzelne Farben werden stark akzentuiert. Oder er setzt auf Konventionen aus dem klassischen Erzähl­kino, wenn er mit einem Prolog und Credit-Einblendungen zu Beginn des Films arbeitet. In wenigen Szenen werden die Ereignisse der Nacht vom 31. Mai 1962 geschildert: die Kremierung Eichmanns, der Prozess des Wartens, das Einfüllen der Asche in einen Milchkessel, die Fahrt auf die offene See, wo die Asche unter Beisein eines Pfarrers verstreut wird, die Rückfahrt. Abgesehen von Goldman-Gilads Voiceover wird auf weiteren Sprechtext verzichtet.

Dani Gal, Nacht und Nebel, 2011, Standbild (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

Dani Gal, Nacht und Nebel, 2011, Standbild (courtesy: der Künstler & freymond-guth Ltd. fine ARTS, Zurich, Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe / Düsseldorf)

Für seine Einzelausstellung in der Kunst Halle St. Gallen im Herbst 2013 arbeitet Gal an einem neuem Filmprojekt mit dem Arbeitstitel Wie aus weiter Ferne (2013). In ihm thematisiert er die Beziehung zwischen Simon Wiesenthal (1908–2005) und Albert Speer (1905–81). Speer, Chefarchitekt des NS-Regimes und enger Vertrauter Hitlers, versuchte nach seiner 20-jährigen Haft, Reue zu zeigen für seine Verbrechen und seinen Namen reinzuwaschen; einerseits durch seine apologetische, viel diskutierte Auto­biographie, andererseits indem er Kontakt zu Wiesenthal suchte. Wiesenthal – selbst ausgebildeter Architekt und Holocaust-Überlebender – widmete sich in der Nachkriegszeit hauptsächlich dem Aufspüren und Vor-Gericht-Bringen von Nazi-Verbrechern. Erst in der 2010 erschienenen Biographie Wiesenthals von Tom Segev wurden das Verhältnis der beiden Männer, ihr Briefwechsel und ihre Treffen in den 1970er Jahren erstmals ausführlicher untersucht. Gal verwendet für seinen Film zwar Fragmente dieser Quellen, filtert die außergewöhnliche Beziehung aber durch die Linse der Vorlesung Nr. 35 (1934–5) von Ludwig Wittgenstein, die dieser in seinem „braunen Buch“ ver­öffentlichte, einer Vorlesungssammlung, in der er erstmals seine Gedanken zum „Sprachspiel“ formulierte. Wittgenstein interessierte sich für den unterschiedlichen Gebrauch von Wörtern, die sich durch ihre „Familienähnlichkeit“ auszeichnen – in der genannten Vorlesung sind dies die Begriffe Erinnerungs-, Erwartungsbild und das Bild des Tagtraums. Gerade diese Begriffe sind für Gals gesamtes Oeuvre charakteristisch. Seine Arbeiten befinden sich in einem Schwebezustand, entziehen sich einer klaren politischen Aussage und setzen beim Betrachter eine Reflexion zu den genannten Bilddiskursen in Gang. Gals Werk schafft es zwar nicht, die Leerstellen zwischen Realität und Darstellung zu schließen – wie sollte das auch möglich sein? –, aber zumindest beleuchtet es diese (Geschichts-)Löcher für einen Moment behutsam.

Ausgabe 10

First published in Ausgabe 10

Juni–August 2013
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