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Isa Rosenberger

Grazer Kunstverein

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Isa Rosenberger, „Espiral“, 2011

Isa Rosenberger, „Espiral“, 2011

Isa Rosenbergers Ausstellung „Espiral“ thematisierte die Verantwortlichkeiten neokolonialistischer Handelsstrategien und kokettierte mit der Möglichkeit, Kritik in getanzten Ausdrücken zu üben. Rosenberger installierte dazu drei auf ihrem Film Espiral 2010 (Spirale, 2010) basierende Filmfragmente in drei bühnentechnisch organisierten Raumszenarien. Die thematische Klammer der Ausstellung lieferte eine Reinterpretation des Ballets Der grüne Tisch (1932) von Kurt Jooss. In diesem Stück umtanzt die Figur des Knochenmanns souverän eine Reihe handlungsunfähiger Akteure, die sich wie Politiker oder Spieler wieder und wieder um einen grünen Tisch versammeln.

Hier nun führte die chilenische Tänzerin Amanda Piña, der man in allen drei Stationen dieser Ausstellung begegnete, die Rolle des Todes auf. Im ersten, abgesonderten Part von Rosenbergers Videotrilogie wurde der Betrachter Zeuge einer intimen Probensituation, in der die Tänzerin die Choreographie vor einer Videoprojektion einer historischen Aufnahme dieses Stücks wiedergibt. Diese nicht deckungsgleiche Doppelung und ein sich unsicheres Umdrehen der Darstellerin nach dem eigenen Rollenvorbild rief das prinzipielle Dillemma von Annehmen und Halten einer Rolle auf den Plan. Die Spirale geriet zum Symbol historischer Aneignung und Wiederholung.

Im offen gestalteten Zentrum der Ausstellung stand ein Nachbau jenes grünen, perspektivisch verzerrten Tisches, inspiriert von Jooss’ originalem Bühnenbild. In der Projektion des Hauptfilms dahinter lässt Rosenberger die Hauptdarstellerin ihren Totentanz vor der Österreichischen Nationalbank aufführen. Die Untertitel zitieren dazu euphorische Statements zur Expansion österreichischer Banken nach Südosteuropa. Weitere nüchterne Textinserts schildern die Konsequenzen jener Expansion in den folgenden Jahren der Weltwirtschafts- und Bankenkrise. Das von Rosenberger zusätzlich einmontierte Recherchematerial aus den 1930er Jahren scheint sich lückenlos in die fatalen Vorgänge der jüngeren Vergangenheit einzupassen.

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Isa Rosenberger, „Espiral“, 2011

Isa Rosenberger, „Espiral“, 2011

Erinnerte dieses zentrale Arrangement an eine Bühne, so war der hintere abgetrennte Teil der Ausstellung als eine Art Backstagebereich konzipiert. In einer dritten Videoarbeit sah man hier ein loses Gespräch, das Rosenberger mit Piña führt, während sie diese für ihre Rolle schminkt. So ließ sich etwa erfahren, dass Piña ihre Tanzausbildung an einer von Jooss in Santiago de Chile gegründeten Schule absolviert hatte. Ihr Name: Espiral. Hier verdeutlichte sich nochmals die Spirale als übergreifendes Organisationsprinzip der Ausstellung. Jenseits all ihrer anderen Bedeutungen – von der taumelnden Abwärtsbewegung der Bankenkrise, den Schleifen der Geschichte, der Aneignung historischen Materials oder gar der eigenen vorangegangenen Arbeiten – war diese Spirale ebenso als eine Art Aufforderung zu verstehen, kritische Gedanken wieder und wieder zum Ausdruck zu bringen.

„Espiral“ geriet so zu einer beeindruckenden Inszenierung, in welcher Tanz als kritische Bewegung interpretiert wurde, die gesellschaftliche Muster überwinden kann. Genauer jedoch war diese Tendenz nicht festzuschreiben. Denn diese geometrische Figur zeichnet eben nur scheinbare Kreise, die sich allesamt nie ganz schließen.

Ausgabe 2

First published in Ausgabe 2

Herbst 2011
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