Juliette Bonneviot

Wirksame Substanzen

XenoEstrogens, Ausstellungsansicht, Autocenter, Berlin, 2015 (courtesy: Die Künstlerin & Wilkinson, London; Fotografie: Hans-Georg Gaul)

„Das Plastik ist weniger eine Substanz als vielmehr die Idee ihrer endlosen Umwandlung“, schrieb Roland Barthes 1957 in seinen Mythen des Alltags. „Es ist, wie sein gewöhnlicher Name anzeigt, die sichtbar gemachte Allgegenwart. Und gerade darin ist es ein wunderbarer Stoff: Das Wunder ist allemal eine plötzliche Konvertierung der Natur.“ Die fast schon religiöse Ehrfurcht, die in dieser Passage zum Ausdruck kommt, wirkt angesichts der ganz realen Umwelt­probleme unserer Zeit ein wenig befremdlich. Man denke nur an den Pazifischen Müll­strudel, eine Ansammlung von Plastikabfällen im nördlichen Pazifik mit einer geschätzten Größe, die der Fläche von Texas entspricht; oder den Umstand, dass eine normale Plastikwasserflasche 450 Jahre braucht, um zu verrotten.

Es ist diese Form der „Plastizität“ – zwischen Natur und Künstlichkeit, Beständigkeit und Entsorgung –, die Juliette Bonneviot in ihren Skulpturen erkundet. Für ihre Einzelausstellung Minimal Jeune Fille (2014) in der Londoner Wilkinson Gallery präsen­tierte die in Frankreich geborene und in Berlin lebende Künstlerin eine Serie von Skulpturen, die Materialien wie Holz oder Stahl mit den Kunststoffen PET (Polyethylenterephthalat) und HDPE (High-Density-Polyethylen) kombinieren. Die „Jeune Fille“ (das junge Mädchen, das „Junge-Mädchen“) im Ausstellungstitel ist die Adaption einer Figur aus dem theoretischen Traktat Premiers matériaux pour une théorie de la Jeune-Fille (1999; dt. Grundbausteine einer Theorie des Junge-Mädchens, 2009) des radikalen französischen Politkollektivs Tiqqun. Das „Junge-Mädchen“ ist in diesem Pamphlet eine Figur, die sich durch ihren Konsum ausdrückt – und damit vollständig zum Produkt der Konsum­gesellschaft wird, zu einem mustergültigen Mitglied der Gesellschaft. Und so zeichnen sich auch in Bonneviots Arrangement aus Alltags­gegenständen, Kunststoffen und menschenähnlichen Figuren die Konturen einer völlig auf Konsum erpichten Frau ab, auch wenn diese sich ebenso sehr um die Auswirkungen Gedanken macht, die ihre Einkäufe auf die Umwelt haben, wie sie sich bewusst ist, wie untrennbar sie selbst mit den erworbenen Waren verbunden ist.

Da wäre etwa die Skulptur Minimal Jeune Fille, Kitchen Worktop (2013), bestehend aus einer zwei Meter langen, flach an die Wand gehängten hölzernen Arbeitsplatte. Auf der Platte befinden sich ein kleines Plastikgefäß aus HDPE und eine hölzerne Bürste, beides fixiert von einer zerknüllten Platte aus durchsichtigem PET. Bei Minimal Jeune Fille / display (2013) dagegen ist ein Glasgefäß neben einer hölzernen Zahnbürste, einem Rasierer und einer wasch­baren Damenbinde auf einer Bank arrangiert. Wie bei Kitchen Worktop sind diese Gegen­stände mit glasklarem PET-Plastik abgedeckt. Während die Tiqqun-Autoren erklären, das Junge-Mädchen müsse nicht unbedingt weiblich sein, spielt der blitzblanke, fast schon sterile Minimalismus von Bonneviots Skulpturen auf die genderspezifisch divergierenden Erwartungen an Hygiene und Schönheit an. Bonneviots „Figuren“ scheinen sich alle Mühe zu geben, das angeblich Abstoßende am weiblichen Körper und alle damit verbundenen unreinen Konnotationen zu vermeiden.

Minimal Jeune Fille. Free Standing #2, 2013, PET Plastikplane, rostfreier Stahl, Holztafel, PET Flasche and Stahlflasche (courtesy: Die Künstlerin & Wilkinson, London; Fotografie: Peter White)

Im Gespräch erzählte mir Bonneviot, dass ihr nach dem Schauen einer Dokumentation über die gesundheitlichen Auswirkungen von Plastik – ein Experte habe darin die Auffassung vertreten, dass Frauen mehr Weichmacher im Körper hätten, weil sie mehr Kosmetika verwenden – klar geworden sei, dass es nicht sinnvoll ist, zwischen „natürlich“ und „unnatürlich“ zu unterscheiden. Auch wenn diese Einsicht in ihre Beiträge zur Gruppenausstellung nature after nature (2014) im Fridericianum in Kassel eingeflossen ist, macht das aus der Künstlerin noch lange keine Umweltaktivistin. Faszination für die Materialeigenschaften von Plastik trifft bei ihr auf die Verstörtheit angesichts seiner Allgegenwart. Bei der Serie PET Women (seit 2013) nutzt Bonneviot die Formbarkeit von Plastik, um die Rundungen weiblicher Torsi aus einer einzigen Scheibe PET zu formen. In der Ausstellung Minimal Jeune Fille hingen einige dieser Skulpturen an der Wand, in einer späteren Präsentation im Berliner Autocenter (2015) standen die knapp hüft­hohen Torsi direkt auf dem Boden (das „PET“ im Titel gewinnt so einen verstörenden Doppelsinn, engl. „to pet“ – „streicheln“).

Im Autocenter zeigte Bonneviot auch ihre jüngste Serie: XenoEstrogens (2015). Auf den ersten Blick wirken diese 1,80 mal 1,20 m großen Werke wie am Fließband gefertigte monochrome Gemälde – für jeden Geschmack eine Farbe –, doch die Material­angaben machen deutlich, dass mehr dahinter steckt. Um diese Bilder zu schaffen, erstellte Bonneviot zunächst eine Liste von Produkten, die Xenoestrogene enthalten, chemische Verbindungen, die östrogenartige Wirkungen haben. Die gesammelten Produkte sortierte sie anschließend nach Farben, zerrieb sie zu Pulver, mischte dieses mit PVC und Silikon und goss das Resultat schließlich auf Leinwände. (Leinen wird aus der gemeinen Leinpflanze hergestellt, die ihrerseits ein natürliches Xenohormon produziert, um sich damit gegen pflanzenfressende Tiere zu schützen.) Xenoestrogene, die mit hormonellen Störungen und Fruchtbarkeitsproblemen in Verbindung gebracht werden, finden sich in organischer oder synthetischer Form in zahlreichen Materialien. Die Materialliste der Leinwand Yellow XenoEstrogens (2015) – jüngst zu sehen in der Gruppenausstellung Looks (2015) im Londoner ICA – führt beispielsweise auf: Sojabohnen, Antimon („ein geeigneter Zusatz für Bleilegierungen“), Kadmium („wird in Batterien verwendet und soll in Wan-Tan-Brühe gefunden worden sein“) und Phthalate („in Klarlacken für Holzböden“). Die Serie XenoEstrogens dreht sich um die Konstruktion von Identität, ohne dabei auf einfache Schlussfolgerungen zu verfallen. Wenn wir das Risiko eingehen, jedes Mal hormonell wirksame Substanzen zu schlucken, wenn wir eine Wan-Tan-Suppe oder Tiefkühlkost essen, wird die Vorstellung, unser „Selbst“ sei eine stabile Gegebenheit, letzten Endes zur Lachnummer.

Letztlich unterschiedet sich Bonneviot von vielen ihrer Zeitgenossen darin, dass sie weniger eine Post-Gender-Position bezieht als sich in ihrer Arbeit damit auseinanderzusetzen, welche Auswirkungen die Aufhebung der Grenze zwischen „Kultur“ und „Natur“ auf den noch immer entrechteten weiblichen Körper hat. In diesem Sinne erkunden Bonneviots Skulpturen und Gemälde die dunklere Seite dessen, was Barthes einmal „die Euphorie des bezaubernden Gleitens durch die Natur“ genannt hat.
Übersetzt von Michael Müller

Chloe Stead is a writer and critic based in Berlin.

Ausgabe 21

First published in Ausgabe 21

August 2015

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