Kerstin Cmelka

Künstlerhaus Halle für Kunst & Medien (KM–)

Kerstin Cmelka, Change, 2011/3, Performance

Kunst und Lebensform, Kerstin Cmelkas Personale in Graz, wurde mit einer Performance eröffnet: Für Change (2011/3) re-inszenierte die Künstlerin zusammen mit vier befreundeten Kollegen Szenen aus dem gleich­namigen Stück des Grazer Dramatikers Wolfgang Bauer aus dem Jahr 1969. Das Werk handelt von einem tückischen Machtspiel, das ein Künstler und ein Kunstkritiker mit einem jungen Maler namens Blasi Okopenko treiben. Aus Langeweile, und ungeachtet der Konsequenzen, bauen die beiden Intriganten dessen Karriere auf, nur um ihn schlussendlich wieder fallen zu sehen. Bei Bauer endet das Drama mit dem Selbstmord des jungen Künstlers – Cmelka hingegen lässt in der Schlussszene der Performance ihre Protagonisten mit der Aufforderung „Let’s change!“ in einem wilden Tanz ihre Kleider – und somit auch ihre Identitäten – tauschen.

Am Ende des Hauptausstellungsraumes – wo auch die Serie Male (2012) zu sehen ist, Fotografien spärlich kostümierter Männer – bleibt ein alt-rosa Vorhang genauso zurück wie die Klamotten und Requisiten dieser Performance. Sie halten den Auftakt der Ausstellung auch während ihrer Laufzeit gegenwärtig und verdeutlichen schon zu Beginn die Szenenhaftigkeit und den Auf­führungscharakter dessen, was dann in Cmelkas eigentlicher Ausstellung im Untergeschoss des Künstlerhauses zu sehen ist.

Dort werden die Videoarbeiten Art and Life (2012) und The Individualists (2012) in einer verschränkten Installation über mehrere im Raum verteilte Projektionen gezeigt (die einzige andere Arbeit hier ist Sofaskulptur, 2013, eine Couch in Form einer überdimen­sionalen roten Hand). Beide Werke zeigen kurze Sequenzen, ebenfalls mit befreundeten Künstlern in Szene gesetzt: Re-enactments nach Material aus Film, Fernsehen und von YouTube. Wie der Titel der Ausstellung bereits andeutet, geht es Cmelka in ihren Arbeiten um das verschwommene, hier ständig unterwanderte Verhältnis zwischen privatem – scheinbar alltäglich-„echtem“ – Leben und Kunst.

Art and Life zeigt drei Einzel-Sequenzen, die sich mit heterosexuellen Beziehungs­problemen befassen. Zu einem trans­kribierten Text aus Valie Exports Unsichtbare Gegner (1977) wird beispielsweise ein diskutierendes Paar in einem fahrenden Auto dargestellt. Aus banalen Gründen beginnen beide zu streiten und enden schließlich bei grundsätzlichen Fragen über die Sinnhaftigkeit von Liebes­beziehungen. In der zweiten Sequenz wird Nina Hagens kontroverser Auftritt in der ORF-Sendung Club 2 aus dem Jahr 1979 nachgespielt, in dem diese unverblümt demonstriert, wie sich eine Frau selbst befriedigen solle. Die dritte schließlich zeigt Cmelka selbst in der Rolle einer Künstlerin in einem therapeutisch anmutenden Gespräch. Der Text zu dieser Sequenz stammt aus einem Interview des Filmkritikers Peter W. Jansen mit Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1978. Es geht um die Sinnhaftigkeit von konventionellen Liebesbeziehungen, um die automatisch einsetzenden Machtstrukturen und Besitzansprüche. Drei Frauen, drei Problematisierungen von Liebe, Sex und der Beziehung zum anderen Geschlecht – und jedes Mal geht die Sache irgendwie unbefriedigend aus. Jedes Mal aber greift Cmelka hier die klassische Rollenverteilung an.

The Individualists dagegen, zu sehen auf den übrigen drei Leinwänden, erzählt – ebenfalls in Re-enactments – eine andere Geschichte. Drei Größen aus Film, Radio und Kunst geben allerhand Banales zum Besten und wirken dabei in der Ernsthaftigkeit ihres Vortrags komisch, fast absurd: Die amerikanische Lebensberaterin Dr. Laura Schlessinger berichtet von ihrem Wunsch, die Menschheit vor seelischen Verletzungen zu bewahren, Steven Spielberg erzählt Bianca Jagger von seinen Anfängen als Tech-Freak, und der junge Jeff Koons philosophiert in der Sendung 52 Bond Street, die David Byrne während der 1970er Jahre in seinem New Yorker Apartment realisierte, über zweideutige Ortsnamen und deutsche Sprichworte. Alle drei Charaktere bedienen sich stark metaphorischer Sprache, und spätestens wenn Schlessinger Vertrauensbrüche unterhaltsam pathetisch mit „shark attacks (on land)“ umschreibt, wird deutlich, wie Cmelka in ihren Re-enactments die Banalität und Skurrilität ihrer Rollen-Vor­lagen herauslockt und ironisiert.

Die in dieser Ausstellung zu beobachtende konstante Re-Inszenierung von gefundenem Material, das aus seinem ursprünglichen Kontext genommen und neu instrumentalisiert wurde, verleiht der inhaltlichen Problematisierung von Beziehungen, Abhängigkeiten und Machtstrukturen einen recht artifiziellen und indirekten Aspekt – bis hin zu dem Punkt, an dem man nicht weiß, ob man die geäußerte Kritik tatsächlich ernst nehmen soll. Wo jedoch Alltägliches und Banales in den Dialogen artifiziell erscheint, sorgt Cmelkas Wahl von Freunden als Darsteller wieder für einen realitätsnahen und fast privaten Charakter. Kunst und Leben verschränken sich am Ende beinahe ununterscheidbar.

Ausgabe 11

First published in Ausgabe 11

September/Oktober 2013

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