Marcel Duchamp

Lenbachhaus

Marcel Duchamp, Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar (Großes Glas), Rekonstruktion, 1915–23, Ausstellungsansicht

Knapp drei Monate verbrachte der 25-jährige Marcel Duchamp im Sommer 1912 in München. Kein sehr langer Aufenthalt also, der noch dazu von mehreren Reisen unterbrochen wurde. Zu den Avantgarde-Künstlern in München wie Kandinsky und dem Blauen Reiter suchte er keinen Kontakt, geschweige denn, dass er sich an Ausstellungen beteiligte oder anderweitig öffentlich in Erscheinung trat. Gegen Ende seines Lebens fasste er die Zeit folgendermaßen zusammen: „Ich sprach nie mit einer Menschenseele, aber ich hatte eine großartige Zeit.“

Ist also eine Ausstellung wie Marcel Duchamp 1912 in München, die ausschließlich auf seine Zeit in der bayerischen Hauptstadt fokussierte, gerechtfertigt oder bauscht sie seinen Aufenthalt, der möglicherweise wenig mehr als eine Episode war, unnötig auf? Bereits der erste Blick in die Ausstellung machte deutlich: Die Monate in München waren weit mehr als nur ein unbedeutendes Intermezzo in Duchamps Leben, sie markieren eine Phase intensivster künstlerischer Produktivität. So entstanden in kurzer Zeit sechs Werke, darunter zwei repräsentative Ölgemälde und mehrere durchgearbeitete Studien, die hier erstmals zusammen zu sehen waren. Schon dies ist eine mittlere Sensation.

Inhaltlich flankiert wurden diese effektvoll inszenierten Exponate von zwei weiteren Hauptwerken: Zum einen dem Bild Akt eine Treppe herabsteigend, Nr. 2 (1912), einer veritablen Inkunabel der Moderne, die im Frühjahr 1912 von den Kubisten Albert Gleizes und Jean Metzinger aus dem Salon des Indépendants ausjuriert wurde. Dieser niederschmetternde Vorfall sowie die unerfüllte Liebe zu Gabrielle Buffet-Picabia, der Ehefrau seines Freundes Francis Picabia, veranlassten Duchamp, Paris den Rücken zu kehren und nach München aufzubrechen. Die andere zeitliche Grenze setzte eine weitere Ikone: das Werk Die Braut von ihren Junggesellen nackt entbößt, sogar (Großes Glas) (1915–23, zu sehen in der Londoner Rekonstruktion von Richard Hamilton 1965/66), das Duchamp in München vorbereitete. Hinzu kommen alle vier „Schachteln“ – die Schachtel von 1914 (1913/14), die Grüne Schachtel (1934), die Weiße Schachtel (1966) sowie nicht zuletzt die berühmt gewordene Schachtel-im-Koffer (1935–41). Auch diese Zusammenführung ist eine Premiere. Besonders in den Notizen der Grünen Schachtel, die in der Ausstellung zur Durchsicht zugänglich waren, finden sich vielfältige Bezüge zu den in München entstandenen Werken.

Gerade die fokussierte Dichte der Exponate macht anschaulich, wie sich Duchamp vom Kubismus frei machte und zu seinem neuen Lebensthema, der mechanisierten Darstellung der Geschlechterbeziehungen, fand. In der Bleistiftzeichnung Erste Recherche für: Die Braut von den Junggesellen nackt entblößt (Mechanismus der Scham / Mechanische Scham) (1912) wird die Bedrängung der Braut durch die Junggesellen anschaulich, in den Zeichnungen Jungfrau (Nr. 1 und 2) (1912) die Mechanisierung des weiblichen Körpers vorbereitet. Besonders aber die beiden Ölbilder Der Übergang von der Jungfrau zur Braut (1912) sowie Braut (1912) zeigen die neuartige, stark sexuell aufgeladene Mischung organisch-fleischlicher Elemente mit technischen Versatzstücken. Die Verschränkung von maschinenartigen Kolben, Transmissions­riemen und Pleuelstangen mit einem rosigen Inkarnat – zu dem sich Duchamp nach eigenen Angaben durch Bilder von Lucas Cranach dem Älteren in der Alten Pinakothek München anregen ließ – befremdet bis heute. So lässt sich Duchamps spätere Feststellung „Mein Aufenthalt in München war der Ort meiner völligen Befreiung“ vor allem auf die künstlerische Selbstfindung dieser Zeit beziehen.

Angesichts dessen rückten die Bezüge zur Stadt München notwendigerweise in den Hintergrund. Im hinteren Teil des Kunstbaus versammelte die Ausstellung dokumentarisches Material wie Fotografien seines Freundes Max Bergmann, einen aufgeschnittenen Dieselmotor aus dem Deutschen Museum, Farbtuben, die Duchamp Zeit seines Lebens aus der Umgebung von München bezog, Theaterprogramme, Zeitungsausschnitte, ein Gemälde von Kandinsky und manches andere, das mal mehr, mal weniger direkt mit Duchamp in Verbindung stand. Sicherlich: All das zeichnet ein Bild von München im Jahr 1912. Was aber bot die Stadt, was es nicht in ähnlicher Form auch in Paris gab, und möchte man – gerade bei Duchamp – solchen „Einflüssen“ überhaupt allzu große Bedeutung beimessen? Nur weniges ist wasserdicht belegt wie Duchamps Besuche der Pinakothek, der Bayrischen Gewerbeschau, des Hofbräuhauses und des Schloss Nymphenburg. Vieles andere bleibt Spekulation. Das gerade in Bezug auf München oft Hypothetische der Ausstellung war nicht zuletzt der offenen, fanartigen Verehrung für einen der großen Revolutionäre der Moderne geschuldet. Das machte sie an manchen
Stellen zwar angreifbar, aber alles andere als unsympathisch.

Ausgabe 5

First published in Ausgabe 5

Sommer 2012

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