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Mehr von weniger

Haben die Veränderungen in der Schweizer Kunstförderung nur mit Zensur zu tun?

Christoph Büchel, Secession, 2010, 10. Februar – 18. April 2010, Secession, Wien

Christoph Büchel, Secession, 2010, 10. Februar – 18. April 2010, Secession, Wien

„Es war noch nie leicht für Künstler, aber ich will mich nicht beschweren“, bemerkte Thomas Hirschhorn 2005 ironisch in einem Interview über seine berühmt gewordene Ausstellung „Swiss-Swiss Democracy“ aus demselben Jahr im Schweizer Kulturzentrum in Paris. Teil der Ausstellung war auch ein Theaterstück, in dem ein Schauspieler so tat, als pisse er auf ein Bild des Industriellen und Millionärs Christoph Blocher, zu diesem Zeitpunkt Justizminister der Schweiz und Führer der ultrarechten Schweizer Volkspartei (SVP). Auch jenseits der Schweizer Grenzen hat die Partei wegen ihrer besonders widerwärtigen Anti-Immigrations-Plakate Aufmerksamkeit erregt, auf denen weiße Schafe ein vereinzeltes schwarzes Schaf von einer Schweizer Flagge stoßen, schwarze Hände nach Schweizer Pässen greifen und eine bedrohlich verschleierte Frau zwischen raketengleichen Minaretten steht, die sich, erneut, auf dem leuchtend roten Grund der Schweizer Flagge erheben.

Hirschhorns zugespitzte Kritik an Blocher versetzte die Schweizer Medien in helle Aufregung. In der Folge strich das Schweizer Parlament eine Million Franken aus dem jährlichen Budget von Pro Helvetia, der Schweizer Kulturstiftung. (Man fragt sich, ob es den gleichen Aufschrei gegeben hätte, hätte Hirschhorn Kunstwerke mit vergleichbar rassistischen Inhalten wie Blochers Plakate ausgestellt.) Kürzlich erst sorgte dann der Schweizer Künstler Christoph Büchel für neue Debatten über öffentliche Kunstförderung. Dessen Ausstellung in der Wiener Secession 2010, die als „Raum für Sexkultur“ bekannt wurde, rief folgende, in ihrer bürokratischen Betulichkeit großartig komische offizielle Reaktion seitens der Kulturstiftung hervor: „Pro Helvetia hat die Finanzflüsse rund um die Ausstellung von Christoph Büchel in der Wiener Secession untersucht. Dabei hat sie sichergestellt, dass der von einem privaten Verein betriebene Swingerclub im Untergeschoss der Ausstellungsräume nicht von den öffentlichen Geldern der Schweizer Kulturstiftung profitiert hat.“ Ende des Zitats (und Lächeln).

Kontroversen dieser Art, und die gewöhnlich darauf folgenden Attacken auf Kunstförderung generell, gibt es selbstverständlich nicht nur in der Schweiz. Die amerikanischen Republikaner drohten lautstark damit, die Subventionen an die Smithsonian-Museen zu streichen, nachdem es ihnen gelungen war, David Wojnarowicz Film A Fire in My Belly (Ein Feuer in meinem Bauch, 1986-87) aus der National Portrait Gallery in Washington entfernen zu lassen. Aber Drohgebärden gegen die Kunstsubvention – und die Unsicherheit über den Stellenwert der öffentlichen Kunstförderung insgesamt, die sich darin äußert – sind nicht nur auf kontroverse Kunstwerke zurückzuführen. Sie tauchen auch, wie angeschwemmter Müll, immer dann auf, wenn eine Wirtschaftskrise herrscht oder eine rechte Regierung an die Macht kommt oder dorthin drängt. Diese Bewegungen sehen von vornherein überhaupt keinen Sinn darin, Künstler oder Institutionen, in denen sie ausstellen könnten, zu fördern. Die globale Finanzkatastrophe hat den Konservativen in den westlichen Staaten Auftrieb gegeben; von den Vorschlägen der Republikaner, das ohnehin winzige National Endowment of the Arts-Programm (Nationale Stiftung der Künste) zu streichen bis zur Dezimierung der Kunstförderung in Großbritannien oder in Italien. Solche stramm konservativen, gegen die Kunst gerichteten Positionen lassen sich leicht als unverhohlen heuchlerisch abtun – pflichtschuldiger Kulturkampf in Reinform –, aber sie verweisen gleichwohl auf eine durchaus verständliche Unsicherheit, von der liberale Politiker wie Behörden gleichermaßen betroffen sind. Man kann sie sehr direkt mit einer Frage benennen: Auf welche Weise unterstützt und fördert man Künstler am besten?

Thomas Hirschhorn, Swiss-Swiss Democracy, 2004

Thomas Hirschhorn, Swiss-Swiss Democracy, 2004

Diese Frage wird in der Schweiz gerade wieder einmal ausgelotet. Trotz allgemeiner Kürzungen angesichts der schlechten wirtschaftlichen Gesamtverfassung und einer kompletten Neuausrichtung des Kultur-Haushalts, ist die Kunstförderung hier aber immer noch umfangreich – vor allem für mich, eine Amerikanerin, die erst seit kurzer Zeit hier ist und davor an winzige Stipendien gewöhnt war, die an ein paar wenige, noch dazu bestens Ausgewiesene gingen. Im Gegensatz dazu vergeben etwa die Swiss Art Awards jährlich 800.000 CHF an ungefähr 30 junge Künstler, die gemeinsam und nach Jury-Entscheid eine zeitgleich mit der Art Basel stattfindende Ausstellung bestreiten. Dieser Wettbewerb geht bis auf das Jahr 1899 zurück; 2012 allerdings soll die Sache sich ändern. Gerüchteweise will das Bundesamt für Kultur (BAK) sein umstrittenes Fördermodell verändern: Eventuell sollen in Zukunft weniger Künstler stärker projektorientiert unterstützt und die Altersgrenze von 40 Jahren aufgehoben werden. Dies findet vor dem Hintergrund einer generellen Neuausrichtung des BAK statt, wie sie ganz ähnlich auch bei Pro Helvetia absehbar ist.

Man kann die Uhr danach stellen, dass die Swiss Art Awards jedes Jahr im Juni in die Kritik geraten. Die Ausstellung ist nicht selten tapsig und zusammenhanglos, zudem wird erwartet, dass die Künstler die komplexe Schweizer Geografie ebenso ausgewogen repräsentieren wie die Geschlechterverteilung. Ein junger Schweizer Künstler verzog das Gesicht, als ich die Awards erwähnte. „Da will die Schweiz doch nur zeigen, wie viel Geld sie hat. Und wenn es dann darauf ankommt, werden alle nervös, und am Ende wird alles so ‚demokratisch‘ wie möglich geregelt.“ Er machte sich auch über die Jury lustig, die von der gegenwärtigen Schweizer und internationalen Kunstszene keine Ahnung habe, was zur Folge hätte, dass die Awards an Künstler gehen, die diese nicht verdienen. Nun, alles ist subjektiv. Dass er selbst eine gute Züricher Galerie hat, verleiht ihm eine privilegierte Position, von der aus sich leicht urteilen lässt. Aber mit seiner Einschätzung ist er nicht allein.

Der Direktor von Pro Helvetia, Pius Knüsel, gab kürzlich dem Zürcher Tages-Anzeiger ein interessantes Interview, in dem er die zunehmende Institutionalisierung der Schweizer Kunstszene kritisierte. Ihr fehle es deswegen an Beweglichkeit, und sie sei kommerziell und kulturell weniger überlebensfähig. Dass er ein so starkes Interesse an der Unterstützung von Kunstinitiativen im privaten Sektor hat, ist – mit Blick auf die Menge hochkarätiger Galerien in Zürich und die Art Basel selbst – merkwürdig. Aber die subventionierte Kunstkultur hier macht seine Position verständlicher. Knüsels prägnante Vorschläge – weniger Institutionen und Künstler fördern, diese dafür besser; dabei die Verteilung der Gelder aus den Händen der Jurys direkt in die Verantwortung der subventionierten Orte legen – könnten das System verbessern. Aber wer kann das schon im Vorhinein sagen? Noah Stolz, einem Kurator aus Locarno und Mitglied der Jury der Schweizer Kulturstiftung, ist angesichts dieser beabsichtigten Professionalisierung der Schweizer Kunstwelt, ihrer Künstler und des Fördersystems eher unbehaglich zumute. Er betonte mir gegenüber, dass das eine Gefahr darstellen könnte – auch wenn er gleichzeitig daran arbeitet, die Awards selbst zu rationalisieren. Wer immer hier Recht behält, wird sich zeigen. Diese Diskussion über die Kunstförderung ist auf jeden Fall keine Alibiveranstaltung, es geht hier tatsächlich um etwas, und das ohne großes Echauffieren über „anstößige“ Kunst und verwahrloste Künstler und Staatshaushalte, die auf wundersame Weise durch die Streichung winziger Kunstbudgets saniert werden können. Hallo da draußen, schaut hin!
Übersetzt von Bert Rebhandl

Quinn Latimer ist Contributing Editor von frieze d/e und frieze sowie Chefredakteurin der Publikationen der documenta 14 (2017). Sie ist Autorin der Bücher Sarah Lucas: Describe This Distance (2013) und Rumored Animals (2012).

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