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Natalie Czech

Gefiltert und gedichtet

Bevor Vladimir Nabokov anfing, Romane zu schreiben, war er Schachkomponist. Beim sogenannten Problemschach wird die Schachstellung – anders als beim Schachspiel – schematisch als Diagramm dargestellt. Dabei muss der Leser die Positionen nachvollziehen beziehungsweise die Züge rekonstruieren, um die vom Komponisten vorgeschlagene Lösung zu finden. Für Nabokov waren Schachprobleme „die Poesie des Schachs“, wie er es 1970 in einem Interview formulierte: „Sie verlangen vom Komponisten dieselben Tugenden, die jede ernstzu­nehmende Kunst auszeichnen: Originalität, Erfindungsgeist, Harmonie, Prägnanz, Komplexität und brillante Unaufrichtigkeit.“ Das zweite seiner Drei Schachsonette aus dem Jahr 1924 endet mit den Worten: „But fairy rhyme manifests itself / on the board, shimmering in lacquer, / and – ethereal – soars into a whorl.“ (Doch der Elfenreim manifestiert sich selbst / auf dem Schachbrett, im lackierten Glanz, / und wirbelt dann auf in einem flüchtigen Tanz.)

So wie Nabokov Poesie darin fand, einzelne Problemstellungen aus einer unendlichen Reihe von möglichen Schachzügen zu isolieren, so sucht die deutsche Künstlerin Natalie Czech Poesie in gewöhnlichen, bereits vorhandenen Texten. In ihrer Fotoreihe Hidden Poems (seit 2010) kommen die Gedichte – in der Regel stammen sie von Autoren des 20. Jahrhunderts, die Czech aufgrund ihrer „normalen“ Sprache und Vorliebe für Bildende Kunst bevorzugt – auf den Seiten von alten Zeitschriften und Zeitungen zum Vorschein, durch einen Prozess des Hinzufügens und Wegnehmens. Czech filtert die Gedichte heraus, indem sie bestimmte Buchstaben und Worte hervorhebt und unterstreicht, andere wiederum durchstreicht: Ein Artikel über eine Sonnenfinsternis wird für Robert Creeleys Poesie ausgeschlachtet, e.e. cummings’ Worte kommen in einer aufgeschlagenen Zeitschrift zum Vorschein, und Frank O’Haras POEM materialisiert sich in einer alten Ausstellungsrezension. „Diese ‚verborgenen‘ und ‚gefundenen‘ Verbindungen zwischen den Texten sollen nicht die Vorstellung von okkulten oder geheimen Botschaften vermitteln“, sagte Czech 2012 in einem Interview im Magazin Mousse, „sondern das Potential von verschiedenen Lesarten, die die ‚verborgenen‘ poetischen Konstruktionen in der Prosa des Alltags ans Licht bringen.“ Czech enthüllt also keine verschlüsselten Botschaften, sondern weist darauf hin, dass Poesie überall existieren kann, wenn der Leser nur am richtigen Platz sucht.

In diesem Sinne fordert die Künstlerin auch dazu auf, Fotografien anders zu „lesen“. Czech verwandelt Bilder in Texte und Texte zurück in Bilder, indem sie bestimmte Zeichen innerhalb des Systems neu arrangiert, markiert und hervorhebt. Auch wenn man nicht unbedingt damit rechnet, ein Haiku wie Jack Kerouacs „All I see is what / I see – / Red fire sunset“ (Alles was ich sehe, ist was / ich sehe – / Rotes Feuer Sonnen­untergang) in einem Brief vom Herausgeber der Art International an Donald Judd aus dem Jahr 1965 ausfindig zu machen: nichtsdestotrotz erscheint es dort – dank Czechs roten Unterstreichungen.

Czechs neueste Reihe, Poems by Repetition (2013), zu sehen in ihrer jüngsten Einzelausstellung im Kunstverein Hamburg, folgt denselben Prinzipien, allerdings sind ihre abfotografierten Quellen diesmal eher selbst Objekte: ein Kindle-E-Reader, der Zeilen von Hart Crane liefert: „Did one look at what one saw / Or did one see what one looked at?“ (Sah man sich an, was man sah / Oder sah man, was man ansah?); ein Pink-Floyd-Plattencover (dreimal abfotografiert, um Aram Saroyans Gedicht „ney / mo / money“ zu bilden); oder ein Gedicht von Yunte Huang, das in drei Kopien einer archivarischen Filmrezension über John Lennons und Yoko Onos Filme eingebettet ist. Die Voyelles_-Serie (2013) beruht auf Arthur Rimbauds gleichnamigem Gedicht (_Vokale, 1872). In ihm wird das synästhetische System beschrieben, mit dem Rimbaud jedem Vokal eine bestimmte Farbe zuordnete. Czech bat Autoren, Kritiker und Freunde, sich ein synästhetisches Motiv vorzustellen, das sie potenziell fotografieren könnte. Dann sollten sich die Beteiligten – als Natalie Czech – selbst einen Brief schreiben: „Ich bat sie darum, die Briefe zu schreiben, weil ich dazu nicht in der Lage war“, beschreibt Czech diesen Vorgang. Die Briefe ihrer „Mitarbeiter“ (und Czechs darauf basierende Fotos) sind Ersatz für verloren gegangene, unsichtbare oder undarstellbare Fotos: eine weiße Eule in der Nacht, eine rote Sonne, ein gesunkenes Schiff irgendwo vor der Antarktis-Küste. In einem der Briefe, verfasst von dem Dichter und Rimbaud-Experten Christian Bök, heißt es bezeich­nenderweise: „Vielleicht bitte ich dich nur darum, die weiße Leerstelle für mich auszufüllen.“ Genau darum geht es in dieser Reihe letztendlich, um die Herausforderung, vor der Schriftsteller und Künstler gleichermaßen stehen: „die weiße Leere“ zu füllen. Während der konzeptuelle Fotograf versucht, sein weißes Papier mit etwas anderem als dem „traditionellen“ Bild zu belichten, geht es beim Autor um den Kampf, überhaupt etwas zu Papier zu bringen.

Zu Czechs stärksten Arbeiten gehören eine Fotoreihe und ein kleines Booklet, die sie 2009 unter dem Titel Today I Wrote Nothing herausbrachte. Hier kreiert sie das Gedicht selbst, und zwar aus einem Tagebucheintrag, den der russische Autor Daniil Kharms während seiner Gefangenschaft im Jahre 1937 verfasste: „9. Januar. Nichts geschrieben heute. Macht nichts.” Czechs Serie lässt immer wieder andere Worte weg, um eine Reihe von 22 neuen, existenziellen Mini-Gedichten zu schaffen, die wie On Kawaras I Got Up (1968–79) leicht und gewichtig zugleich sind. Sie schwanken zwischen Verzweiflung („Heute nichts“) und Affirmation („Nichts macht nichts“). Hier lässt Czech die Worte des Autors das ausfüllen, was der Fotograf nicht kann.
Übersetzt von Christine Richter-Nilsson und Bo Magnus Nilsson

Christy Lange ist Contributing Editor von frieze. Sie lebt in Berlin.

Ausgabe 11

First published in Ausgabe 11

September/Oktober 2013
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