Opazität

Die Wahl zwischen „Opazität“ und „Transparenz“ wird in Kunst und Politik gleichermaßen mit Nachdruck verhandelt. Sollen Kunstwerke ihre kulturelle Herkunft und ihre Referenzen offen zeigen oder eher
verstecken? Verlangt das Geltendmachen von politischen Ansprüchen nach wie vor nach sichtbaren Identitäten?

In Philosophie de la Relation (2009), der letzten Aufsatzsammlung des aus Martinique stammenden, 2011 verstorbenen Autors und Dichters Édouard Glissant, findet sich sein endgültiges Statement zum Thema Opazität. Hier finden Sie die Antwort des Kurators und Kritikers Ulrich Loock.

Rocher du Diamand (Fotografie: Claude Ries)
Der „Rocher du Diamant“ (Diamantfelsen) liegt vor der Küste von Martinique. Die Vulkaninsel verdankt ihren Namen ihrer abgeschrägten Form und den glitzernden Reflektionen auf ihrer Oberfläche. Obwohl unbewohnt, wurde sie 1803–4 während der Napoleonischen Kriege von der Britischen Armee besetzt, die sie zur „H.M.S. Diamond Rock“ taufte – einem bewegungslosen Schiff aus Stein.

Einem größeren Teil der Kunstwelt ist der Kulturtheoretiker und Dichter Édouard Glissant (1928–2011) im Zusammenhang mit der documenta 11 im Jahr 2002 bekannt geworden. Damals hatte Okwui Enwezor es sich zur Aufgabe gemacht, endlich die Hierarchien der globalen Kunst aufzulösen. Glissants Denken der „Kreolität“ beziehungsweise „Kreolisierung“, der Mischung und Verschlungenheit der Völker und Kulturen erschien dafür als geeignetes Konzept: ein Globalisierungsmodell, mit dem man dem militanten Einbruch der Peripherie ins Zentrum, dessen Menetekel der kurz zuvor erfolgte Angriff auf die New Yorker Twin Towers gewesen war, ebenso zu begegnen hoffte wie der neoimperialistischen Totalisierung des Zentrums.

Dem weltpolitischen Projekt der Kreolisierung hatte Glissant, der aus Martinique stammt, mit der Betonung von Sprache und Literatur eine ästhetische Dimension gegeben und den Begriffen des französischen Poststrukturalismus – Rhizom, Differenz, Alterität – einen unverbrauchten Ort sowie eine beispielhafte Geschichte: die Diaspora der afrikanischen Sklaven, das Archipel, den „kreolischen Garten“, in dem abseits von der monokulturellen Plantage die unterschiedlichsten Gewächse einander schützen und stützen.

Die ästhetische Dimension seines Denken theoretisiert Glissant am deutlichsten mit dem Begriff der Opazität, der ursprünglich aus der optischen Theorie stammt. In Manthia Diawaras Interview-Film Un monde en relation (Eine Welt in Beziehung) aus dem Jahr 2009 bemerkt er, er habe schon im Jahr 1969 auf einem Kongress an der National Autonomous University of Mexiko das Recht auf Opazität reklamiert. „Es liegt eine grundlegende Ungerechtigkeit in der weltweiten Verbreitung von Transparenz und der Projektion des west­lichen Denkens. Warum müssen wir Menschen nach dem Maßstab westlicher Vorstellungen von Transparenz beurteilen? Ich verstehe dieses, ich verstehe jenes, ich verstehe den anderen – das ist Rationalität. Meiner Meinung nach hat eine Person das Recht, opak zu sein. Das hält mich nicht davon ab, diese Person zu mögen, mit ihr zu arbeiten, mich mit ihr zu treffen usw. Ein Rassist ist jemand, der ablehnt, was er nicht versteht. Ich kann akzeptieren, was ich nicht verstehe.“ Gegenüber den Ansprüchen der „Transparenzgesellschaft“, wie der Philosoph Byung-Chul Han es jüngst formulierte, verteidigt Glissant die Undurchschaubarkeit. Sie ist grund­legende Bedingung für die Konstitution des anderen, und die unhintergehbare Differenz ist Bedingung für Beziehungen von allem zu allem. Glissants Name für die Beziehungen von allem zu allem ist die Welt. Die Welt erscheint dreifach: als tout-monde – ganze Welt –, als écho-monde – als Welt, die sich durch die wechselseitige Resonanz der Dinge bildet – und als chaos-monde – als unsystematisierbare Welt.

Sich im Zeichen der Opazität die ganze Welt als chaotisch widerhallenden Zusammenhang vorzustellen, erscheint als einzigartige Herausforderung an gegenwärtige Konzeptionen des Globalen. So war es auffällig, mit welchen Begriffen in der Publikation zur Ausstellung The Global Contemporary (Das globale Zeitgenössische, 2011) im Karlsruher ZKM das künstlerische Anliegen der einzelnen Beiträge benannt wurde: untersuchen, enttarnen, entlarven, aufdecken, aufzeigen, reflektieren, veranschaulichen, kommentieren – durchgehend eine Sprache der Transparenz, welcher auf Seiten der ausgestellten Werke, aus welcher Weltgegend sie auch stammten, eine beherrschende Ästhetik der Allegorie entsprach. Die gerade zu Ende gegangene dOCUMENTA (13) hat auf der anderen Seite gezeigt, zu welcher Vereinzelung der künstlerischen Kuriositäten – als Umkehrung der Uniformisierung – ein Denken führen kann, das der Faszinationskraft von solitären Ansätzen erliegt.

In seinem Buch De l’entretien (1997; Über das Kunstgespräch, 2001) hatte Louis Marin in seinen Untersuchungen zur Malerei die Opazität als geheimen Schlüsselbegriff genau jener Zeit benannt, die das Bild als Fenster zu einer anderswo liegenden Wirklichkeit verstehen wollte, der Renaissance. Abweichend vom Konzept eines perspektivischen Blicks nach vorne achtet er auf dessen laterales Schweifen, das alles berührt, was die Repräsentation verleugnet: die „Gegenwart einer Materie“, die „im Pinselstrich hinterlassenen Spuren der Gesten des Malers“ oder die „Akzente, Abstände, Anordnungen, Verbergungen und Verdunkelungen“ sowie die „Krümel, Tropfen und Ausflüsse, Kratzer, Einschnitte, Spritzer“. All das, so Marin weiter, seien „Opazitäten.“ Es lässt sich gut vorstellen, dass manchem davon und noch ganz anderem auch im kreo­lischen Garten zu begegnen ist. Es bleibt aber zu bemerken, dass die Eintrübungen, welche diesen unglaublichen Reichtum an Unterschiedlichkeiten hervortreten lassen, keineswegs als Alternative zur Durchsichtigkeit der Repräsentation verstanden werden können. Vielmehr haben sie ihren Ort innerhalb des Repräsentationsmechanismus selbst. Für das ambivalente Denken der Opazität ist das Kunstwerk eigenständig und doch mit allem anderen verbunden, ebenso Teil der Welt wie deren Bild.

Die folgende Passage „Das Denken der Opazität der Welt“ ist das elfte Kapitel von Glissants letzter großer Veröffentlichung Philosophie de la Relation. Poésie en étendue (Philosophie der Beziehung. Erweiterte Poesie, 2009). Dieses 150 Seiten starke Buch – eine Erweiterung von Glissants früherer Poétique de la Relation (Poetik der Beziehung, 1990) – wurde von französischen Kritikern als Höhepunkt eines Lebens gefeiert, das dem Denken, Schreiben und dem Widerstand gewidmet war. Durchgehend verwendet Glissant nicht nur seine Philosophie der Beziehung, sondern auch Aphorismen, Zitate, Chroniken, Vorträge, selbst Gespräche. Ab und an wendet er sich an den Leser oder die Leserin mit einem lockeren „Du“ anstelle des förmlichen „Sie“: „Wenn du Wörter ohne Grenzen findest […], drehst du durch, wenn du sie schreist.“

Édouard Glissant, (Fotografie: Jacques Sassier / © Gallimard Editions)

Ich habe diesen Baum des Reisenden berührt, den ich während der letzten Fastenzeit umgepflanzt hatte. Sein vom Hurrikan Dean abgerissenes Blattwerk. Ich spreche mit sanfter Stimme zu ihm. Binnen einer kurzen Woche sind ihm wieder blassgrüne Blätter gewachsen. Ich sage ihm nicht, was er zu tun hat, er leiht von mir und schenkt mir. Gleich gegenüber dem Rocher du Diamant.
Übersetzt aus dem Französischen von Clemens Krümmel

Ulrich Loock lehrt an der Hochschule der Künste, Berne. Er lebt als Kritiker und Kurator in Berlin. Zu seinen Publikationen gehört die Monographie Thomas Schütte. Public/Political (Walther König, 2012).

Édouard Glissant, Philosophie de la relation. Poésie en étendue Phases XI. La pensée de l’opacité du monde © Editions Gallimard, Paris, 2009; Übersetzungen © frieze d/e, 2012

Ausgabe 7

First published in Ausgabe 7

Winter 2012

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