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Peter Krauskopf

Künstlerhaus Bethanien

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Peter Krauskopf, Z, B 050115, 2015, Öl auf Leinwand

Peter Krauskopf, Z, B 050115, 2015, Öl auf Leinwand

Als Erstes fällt ein metallisches Schimmern auf. Es liegt über den Leinwänden wie fein zerstäubter Morgentau. Peter Krauskopfs Malerei ist ungegenständlich, aber nicht streng abstrakt. Denn seine Bilder regen, ohne identifizierbare Gestalten, halluzi­nogene Assoziationen an: mit satt-pastosem Ölsud zum Rand des Bilds hin (glühendes Magma!), kecken Pink- und Orangetönen (Lipgloss!) oder nebulös verlaufenden Farbspektren (Abendrot im Großstadtdunst!). Damit strahlt seine Malerei eine „intensive Leichtigkeit“ aus, wie es Fernando Castro Flórez im Katalog zu dieser Ausstellung zur Verleihung des Falkenrot-Preises nennt. Aber wenn Malerei ein fortwährendes Experiment über die Wechselwirkung zwischen Handlung und Entscheidung ist: Lässt sich nicht neben der Leichtigkeit auch ein rumorender Schlick in diesen Schicht um Schicht gemalten Bildern bemerken, eine schwe­lende Skepsis?

Krauskopf studierte in den 1990er Jahren gemeinsam mit Neo Rauch bei Arno Rink in Leipzig. Über das Bewusstsein um altmeisterliche Techniken hinaus fällt es aber schwer, Parallelen zu ziehen. Während Rauch seine surreal kodierte Historien­malerei ohne grundlegende Brüche weiter­getrieben hat, gibt es bei Krauskopf Mitte der Nuller­jahre einen klaren Einschnitt. Zu dieser Zeit beginnt er – nach früheren minimalistischen Wandarbeiten ohne malerischen Strich, an der Grenze zwischen Bild und Objekt – mit Farbschichtungs- und Farbschliffexperimenten. Daraus entstand eine so gekonnte wie eigenwillige Technik. Der Einsatz des Rakels mag an Gerhard Richters Abstraktionen denken lassen, Krauskopf aber nutzt ihn weniger für großräumige Verspachtelung denn für feine, beinahe sezierende Eingriffe. Zunächst bereitet er verschiedene Farbabstufungen vor, die er mit dem Rakel immer wieder mischt, bis er sie auf die Leinwand in einem zügigen Vorgang aufträgt. So erzeugt er scharfe Farbkontraste ebenso wie feinste, nebelartige Übergänge, die beinahe un­wirklich an digital erzeugte Farbver­läufe erinnern (darin ist Krauskopf Sigmar Polkes Spät­werk näher, etwa dessen Expe­rimenten mit intensiven Pigmenten und Irisierung). Die erwähnten metal­lischen Lichtreflexionen entstehen dabei offenbar durch großzügigen Einsatz von Titanweiß und Terpentin.

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Peter Krauskopf, Z, B 271114, 2014, Öl auf Leinwand

Peter Krauskopf, Z, B 271114, 2014, Öl auf Leinwand

Eine Gruppe von Arbeiten wird von bildfüllenden vertikalen oder horizontalen Streifen bestimmt: Bei Z, B 28114 (2014, alle Arbeiten tragen eine solche Registratur­nummer im Titel) beispielsweise laufen acht vertikale, sattrote Streifen auf einem hellen Oliv in Farbquasten aus, die beinahe wie die Vorhöfe einer fotografischen Solarisation wirken – wobei man mindestens zweimal hinschauen muss, bevor man sich immer noch nicht sicher ist, ob nun das Rot auf dem Oliv sitzt oder es umgekehrt aus der feuchten Farbe darunter „hervorgeschabt“ wurde (letzteres ist der Fall).

Ohne Titel, B 050214 (2014) ist eine von mehreren Arbeiten, bei denen auf einem von feinen Verläufen durchwirkten, aber weitgehend uniformen Grund in die Mitte des Bildes eine beeren- oder kopfförmige Fläche gesetzt ist. Hier sind es fette, pastose Schwarz-, Blau- und Grünstriche, die wie die Haut einer prallen Frucht ein darunter hervorlugendes Knallrot umschließen. Bei Ohne Titel, B080115 (2015) ist es ähnlich, nur dass uniformere rötliche und bläuliche Pinselstriche fast eine Art Zottelkopf von hinten suggerieren. Bei beiden Bildern erhält das umgebende Blauweiß durch den beherzten zentralen Eingriff eine illusionäre Tiefe, die es andernfalls nicht hätte. Im Gegenteil, dieser Grund würde als plane „Wand“ wahrgenommen – ganz wie bei Block, B 080314 (2014), bei dem eine milchige, blind-graue Fläche den überwiegenden Teil des Bildes einnimmt, auf einem leicht helleren Weiß sitzend, unter dem ein ganz am Rand zum Vorschein kommendes Hellbraun schimmert. Maler schauten einst in einen schwarzen Spiegel, um zwischen den Arbeitsgängen am Bild das Auge zu erholen – eine ähnliche Funktion erfüllt dieses Bild hier im Ver­hältnis zu den anderen.

Krauskopf hat die Ausstellung nicht nach Arten von Bildern sortiert gehängt, sondern als durchmischtes Kraftfeld von kokett-aufgeschlossenen und opaken Leinwänden – wie eine Clique, zu der auch ein paar aufgekratzte Unruhestifter wie Cölin auf Grau, B 090512 (2012) gehören. Hier hat er ein Grau mit einem knalligen Blau direkt aus der Tube in dünnen Längsstreifen so „verletzt“, dass es stellenweise wirkt, als liege doch das Grau über dem Blau und nicht andersherum. „Der Text ist meine Party / Und mein Bild ist kein Messer“, hieß es 1989 in einem Song der Hamburger Band Kolossale Jugend. Bei Krauskopf fühlt es sich ähnlich an; die Beschwingtheit ist der Skepsis abgerungen, und das Bild ist die Party.

Jörg Heiser ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Kunst im Kontext der Universität der Künste, Berlin.

Ausgabe 20

First published in Ausgabe 20

Juni - August 2015
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