Sam Pulitzer

Lars Friedrich, Berlin, Deutschland

Sam Pulitzer, Make do Marble Home, 2015, Colour pencil on paper, 46 × 56 cm

Sam Pulitzer, Make do Marble Home, 2015, Color pencil on paper, 46 × 56 cm, courtesy: the artist, Lars Friedrich, Berlin

 

In seinen Ausstellungen setzt sich Sam Pulitzer gern damit auseinander, wie innerhalb des Kunstbetriebs Autorschaft konstruiert wird. Für seine Einzelausstellung bei Artists Space, New York, brachte er 2014 unter dem Titel A Colony for‘Them’ hauptsächlich Arbeiten anderer Künstler zusammen, und es war nicht das erste Mal, dass er im Titel Anführungszeichen verwendete, um auf die Kluft zu verweisen zwischen denen, die „in“ und denen, die „out“ sind. Schon für Gauges for ‘Them’, 2011 bei Real Fine Arts in New York, und Nine Scarlet Eclipses for ‘Them’, 2013 bei Lars Friedrich in Berlin, verwendete Pulitzer jene Accessoires zum Dehnen des Ohrläppchens, wie sie in Subkulturen wie Hardcore und Emo populär sind, um sie als skulpturalen Akzent von Insider-Abgrenzung in Szene zu setzen. Sich seines heteronormativen Privilegs und der Begleitumstände durchaus bewusst – sämt­liche Künstler in A Colony for‘Them’ waren mit Pulitzer befreundet und männlich – ist Pulitzers Ansatz, die Macht der Vettern­wirtschaft in größeren Legitimierungs­prozessen sowie die Rolle, die ästhetische Codes dabei spielen, aufzudecken, durchaus kritisch ausgerichtet – wenngleich nicht ohne doppeldeutige Ironie.

So arbeitet auch seine bei Lars Friedrich präsentierte neue Reihe von 22 Papier­werken weiter ironisch daran, altertümliches Handwerk und früh-digitale Schnittstellen glaubhaft zusammenzubringen. Pulitzer komponiert mit Farbstiften, Tinte, Korrektur­flüssigkeit und Kopien auf einem gitterähn­lichen Muster flache Bilder in Rot, die wie Souvenir-Kitsch-Szenarien an amerikanische Literatur und Folk-Traditionen oder andere kulturelle Details erinnern. Das aus den 1980er Jahren stammende Logo des PBS, des Public Broadcasting Service (der bekannteste öffentlichen Rundfunksenders der USA), ein klassischer „Jedermann“, wird in Public heads at rest (2015) vervielfältigt und damit zur generischen Menge: „Jeder“. In einer Reihe von acht Fotokopien treffen Freak-Charaktere aus der Vergangenheit aufeinander, unter anderem der Pferdekopf aus Füsslis Gemälde Nachtmahr (1781), Deloys krypto-zoologischer Affe und die Marvel-Comicfigur „The Maker“. Sie alle vermischen sich in einer salonähnlichen Hängung im Küchenbüro der Galerie, ein wenig so, wie man kleinere Erinnerungsstücke präsentiert. Indem er hier auf pädagogische Starre ebenso wie auf eine Art gezähmte Hinterhältigkeit verweist, betont Pulitzer in seiner Präsentation derartiger Symbole, wie mit Bedeutung aufgeladene Ästhetiken auf simple Oberflächen reduziert werden. Dazu tragen auch die bildlichen Anspielungen auf die HyperCard-Stapel (ein frühes grafisches Datenbanksystem) bei. Sie betonen, dass Medienräume mehr und mehr zum Schauplatz pseudointellektueller Allgemeinplätze verkommen, zum Kanal für tendenziöses „Know-how“. 

Dennoch erlöst eine derartig beißende Mustererkennung diese Arbeiten von ihrem übermäßigen Selbstbewusstsein und offenbart gleichzeitig Pulitzers literarische Neigung. In Waste Transfer Stations zeigt Pulitzer Gebäude, die wie die Materialschuppen der Shaker aussehen, moderne Architektur einer religiösen Sekte, die für ihren kommunalen Lebensstil, für Pazifismus und ihr Modell geschlechtlicher Gleichstellung bekannt ist. Und statt des Buchstabens „A“ in Nathaniel Hawthornes Roman Der scharlachrote Buchstabe (1850), der im New England des 19. Jahrhunderts spielt, von Ehebruch handelt und heute noch auf den Lehrplänen der amerikanischen Schulen steht, bekommt der Zuschauer ein „B“ an der schmiedeeisernen Fassade von Restaurant „B“ Letter Grade. Diese Buchstabenbewertungen wurden in New York City vor wenigen Jahren eingeführt. Sie verpflichten die Restaurantbesitzer dazu, mit Buchstaben-Noten von A bis D (wie sie auch in amerikanischen Schulen üblich sind) anzuzeigen, wie sauber die Räumlichkeiten sind. Bei der Geschichte von Hawthornes Heldin, Hester, die jahrelang dem Glauben, der Moral und dem Elitismus ihrer Gesellschaft trotzte, handelt es sich um eine der zentralen Erzählungen von Außenseitertum in der amerikanischen Literatur. Und wie Hawthornes klassischer Plot in Pulitzers Restaurant ‘B’ Letter Grade nun hygienisch heruntergestuft wird, spricht nicht nur Bände über die grassierende Angst schlecht abzuschneiden, sondern auch über unsere obsessive Beschäftigung mit den Zeichen der sozialen Anerkennung.

Und eben diese Frage ist es, die Pulitzer so gekonnt aufwirft: Was spricht für wen? In a livelong June wirft sich ein menschenähnlicher Frosch mit gespreizten Beinen in einen grafisch stilisierten Rachen. Die Arbeit ist nach einem undatierten Gedicht von Emily Dickinson (1830–86) benannt: „I’m Nobody! Who are you? / Are you – Nobody – too? / Then there’s a pair of us! Don’t tell! they’d advertise – you know! / How dreary – to be – Somebody! How public – like a Frog – / To tell one’s name – the livelong June – To an admiring Bog!“ Für Dickinson, ein Genie mit pathologischer Angst vor Menschenmengen, ist das Gequake dieses Amphibiums so überflüssig wie öffentliches Sprechen und gesellschaftliches Leben im Allgemeinen. Und eben jenes Geschöpf im Mund zu haben, wie das Idiom „einen Frosch im Hals haben“ schon sagt, bedeutet: Überhaupt nichts mehr sagen können. Wie ein Kōan, das kundtut niemand zu sein, indem es jemanden verschlingt und dann seine Autorität oder Fähigkeit zu sprechen verliert, bringt Pulitzers a livelong June seine Beschäftigung mit der Fragwürdigkeit identitätsschaffender Mechanismen und ihrer gegenwärtigen Ästhetik auf den Punkt.

Übersetzt von Christine Richter-Nilsson und Bo Magnus Nilsson. 

Matthew Evans is a writer. He lives in Berlin.

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First published in Issue 23

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