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Sofia Hultén

Langen Foundation

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Unbewegliches Objekt, 2012

Unbewegliches Objekt, 2012

Sofia Hultén findet ihr künstlerisches Material auf der Straße. Dort ändert die Künstlerin mit kleinen Eingriffen den Lauf der Dinge und dokumentiert ihre Aktionen meist auf Video. Man wollte dieses Vorgehen als „urbane Intervention“ bezeichnen – wären Hulténs Aktionen nicht so minimal. Mit dezentem Humor ließ Hultén etwa verschiedene Dinge aus dem Lager der Galerie – ein Stück Gartenschlauch zum Beispiel – ganz elegant und en passant im Stadtraum verschwinden (Getting Rid of Stuff, Dinge l oswerden, 2001) oder jagte für das Berliner Stadtbrachen-Projekt „Skulpturenpark“ Weggeworfenes wie eine alte Matratze einfach durch den Schredder, nur um die Dinge anschließend wieder an ihren ursprünglichen Fundort abzulegen (Auflösung, 2008).

Auch in der Ausstellung Statik Elastik in der Langen Stiftung in Neuss war dieser anarchistische Drall in Hulténs Werk zur spüren. Allerdings setzt die edle Stahl-Glas-Beton- Geschmacksarchitektur, die der Architekt Tadao Andō für die 2004 eröffnete Privatinstitution auf dem Gelände einer ehemaligen NATO-Raketenstation entworfen hatte, der übersichtlichen monografischen Präsentation von sechs, zwischen 2010 und 2012 produzierten Arbeiten einen festen Rahmen. Denn in Andōs „Raum der Stille“ – ursprünglich genutzt für den japanischen Teil der Sammlung von Viktor und Marianne Langen – geht die Außenwelt-Bezüglichkeit gegen null. Hultén reagierte auf diesen Zustand in verschiedener Weise. Mit dem Verzicht auf gängige Displays, wie etwa Sockel, reflektierte sie die umgebende Minimal-Architektur: Alle Monitore und die anderen Ausstellungsstücke standen oder lagen auf dem Boden. Das verlieh dem Raum trotz unterschiedlicher Werke den geschlossenen Charakter einer sparsam-kargen Gesamtpräsentation. Drei Säulen aus mehreren übereinandermontierten alten Wagenhebern (Statik Elastik, 2012) wirkten hingegen, als wolle die Künstlerin tatsächlich versuchen, die Geschlossenheit des Raums zu durchbrechen und die Decke aufzustemmen.

Im Großen und Ganzen aber wurden in Neuss die meditativen Aspekte in Hulténs Werk deutlicher: Das Kreisende der Wiederholung wie im Video-Loop 4-D (2012), in dem ein gefundenes Stück Holz auf immer wieder ähnliche Art behandelt wird: von einem Strick abgeschnitten, besprüht, in eine Pfütze geworfen und an einer Mauerkante abgeschabt. Oder die Aufmerksamkeit für kleine Details wie im 72-minütigen Video Past particles (Vergangene Teilchen, 2010), das vom vereinzelten Inhalt eines überquellenden Werkzeugkastens handelt: Wie auf einer kleinen Bühne werden Dinge wie krumme Nägel, Schrauben und rostige Muttern in den Fokus geschoben. Sichtbar wurde auch ihr produktionstechnisch genügsamer Bezug auf das vorhandene Material, der alle gezeigten Arbeiten verbindet. Eine wand­füllende Projektion an der Stirnseite des Raumes lieferte das Finale: Geduldig und schweigend versucht die Künstlerin in ihrem Video Immovable Object / Unstoppable Force (Unbewegliches Objekt / Unaufhaltbare Kraft, 2012) mittels Telekinese verschiedene Bauschutt-Container auf Berliner Straßen zu bewegen. Wie humorvoll auch immer es hier vorgetragen sein mag, versteckt sich in diesem Werk doch die ernste Frage, welche mentalen Zerrüttungen Baustellen im
Stadtleben verursachen. Vielleicht aber baut Hultén auch nur an ihren eigenen „Psychobuildings“ – errichtet weniger aus Ziegel­steinen als aus Gedanken.

Kito Nedo arbeitet als freier Journalist für verschiedene Magazine und Tageszeitungen. Er lebt in Berlin.

Ausgabe 6

First published in Ausgabe 6

Herbst 2012
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