Sophie Reinhold

Tobias Naehring, Leipzig

Sophie Reinhold, beide Bilder: Untitled, 2013, Öl auf Marmor Grundierung auf Leinwand

Wie wird etwas zum Bild? Diese grundlegende Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung Schlange im Seil von Sophie Reinhold. Die Schau vereint unterschied­liche Ansätze und Strategien der Bildproduktion: Als Einladungskarte dient etwa eine Fotografie, in welcher sich die Konturen eines Gesichts – wie in einem Performance-Still – durch eine gespannte und von zwei Händen gehaltene Latexoberfläche abzeichnen. Das Motiv, in welches sich Bezüge auf das berühmte „Schweißtuch der Veronika“ hineinlesen lassen – und somit ein Verweis auf die älteste, mythisch überladene Form repräsentierender Abbildung –, wird in der Ausstellung selbst auf zweierlei Art wieder aufgegriffen: einerseits in der Form einer auf einen Keilrahmen gespannten Latexfläche (ohne Titel, 2013), andererseits in Form des an der Grenze zwischen Abstraktion und Figuration operierenden Gemäldes Woman with Bad Seed (2012), auf welchem sich durch einen Nebel aus Farbschlieren – ganz dem Veronika-Topos entsprechend – ein schemenhaftes Gesicht abzeichnet.

Auch die übrigen hier präsentierten Werke behandeln Fragen nach dem Bild, nach der Zusammenführung von Materialspezifik und abstrakten Formen und nach dem Spannungsverhältnis zwischen Oberfläche und Objekt. Und stellenweise tragen sie dabei ein bildgewordenes Misstrauen gegenüber jenen vermeintlichen Selbstverständlich­keiten in sich, die jedes künstlerische Genre, hier speziell die Leinwand-Malerei, zwangsläufig mit sich bringt: die Fixierung auf die Fläche, auf Bildlichkeit oder auch nur auf die profanen Begrenzungen durch ein Format.

Wie auch bei gestisch-expressiver Malerei steht bei Reinhold das Prozesshafte im Vordergrund. Das Ergebnis ist jedoch verschieden: Die Ausführung ihrer unbetitelten Großformate – entstanden hauptsächlich während eines Villa-Romana-Stipendiums 2012 in Florenz – hat etwas Kühles, angenehm Technizistisches an sich. Weil die Künstlerin bei der Grundierung ihrer Bilder mit Marmormehl arbeitet und die Ober­fläche während der Produktion immer wieder sorgfältigen Schleifungen unterzieht, entstehen glatte Flächen, an denen jede expressive Geste wie auf einer Teflon­beschichtung abgleitet. Beim Anblick der massiven, gemalten Quadratrahmen in den Bildern denkt man an Grafik, Abstraktion und technische Präzision, etwa an die geometrisch anmutenden Farb- und Flächen­experimente von Josef Albers oder Arbeiten des Grafikers, Fotografen und Malers Anton Stankowski. Das Raster der Balkenstrukturen auf Reinholds Gemälden schwebt über durchscheinende, nebelartige Farbtupfer, die sich manchmal ordnen und zu bandagenartig angelegten Farb-Schlieren verdichten.

Überhaupt sind die Seelenverwandten dieser Bilder über die Malerei hinaus auch in der Architektur zu suchen: wie etwa im Ende der 1980er Jahre nach Plänen von Johan Otto von Spreckelsen und Paul Andreu errichteten großen Bogen (La Grande Arche), jenem würfelförmigen Wahrzeichen, das wie ein monumentaler Rahmen über La Défense, der futuristischen Bürostadt im Westen von Paris thront. So fügt sich auch eine raum­bezogene Arbeit in das Konzept der Schau: In die Öffnung eines Wandvorsprungs passte Reinhold eine offene Kastenkonstruktion mit verstrebten Aluminiumlamellen ein, die wie eine vergrößerte, theatralische Luftschachtverkleidung wirkte (ohne Titel, 2013). Der geradlinige Eingriff machte deutlich, wie die Kunst auch hier einmal mehr darin besteht, den Rahmen richtig zu setzen – und somit zuallererst einmal einen Raum für Bilder zu schaffen.

Kito Nedo arbeitet als freier Journalist für verschiedene Magazine und Tageszeitungen. Er lebt in Berlin.

Ausgabe 10

First published in Ausgabe 10

Juni–August 2013

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