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Steffen Zillig

Teens im Netz

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Was bisher geschah, (Detail), 2013, Inkjet Druck, 60 × 300 cm, Courtesy: der Künstler und Galerie Conradi, Hamburg

Was bisher geschah, (Detail), 2013, Inkjet Druck, 60 × 300 cm, Courtesy: der Künstler und Galerie Conradi, Hamburg

Zu den gern gebrauchten Kampfbegriffen der britischen Konservativen zählt die sogenannte „something-for-nothing society“. Prägend für dieses Bild einer imaginären Gesellschaft derer, die fürs Nichtstun Geld bekämen, war der konservative Minister für Sozialversicherung Peter Lilley, der 1992 den Delegierten eines Tory-Parteitages entgegenrief: „I’m closing down the something-for-nothing society“. Im Stile eines Songs aus der in England populären Savoy-Oper The Mikado (1885) zog Lilley anschließend genüsslich und singend über sozial Schwache her, etwa junge Mütter, die nur schwanger würden, um sich eine Sozialwohnung zu erschleichen.

Das im Netz kursierende Video von Lilleys berühmter Schmährede bildet einen der erzählerischen Ausgangspunkte für Steffen Zilligs Installation Was bisher geschah … (2013), die in diesem Winter in der Hamburger Galerie Conradi zu sehen war. Es handelt sich um ein Werk, das sich im Rahmen einer multiperspektivischen, nonlinearen und multimedialen Erzählung mit genau jenen Kindern beschäftigt, deren Mütter von den Konservativen damals verhöhnt wurden. In seinen Materialmontagen untersucht Zillig, wie neoliberale Leistungs- und Kreativitätsimperative über TV-Castingformate verbreitet werden oder wie sich soziale Ungerechtigkeiten in Vorstadt-Riots entladen. Neben einem Comicstrip, der eine Endzeit-Science-Fiction-Geschichte erzählt, indem er neue Sprechblasen invorgefundene Panels hineinmontiert, sowie einer Reihe von Fotografien, die geheimnisvolle DIY-Serverräume zeigen, waren an einer Wand sechs synchronisierte Videoloops von je 30 Minuten Länge zu sehen. Die Videospuren, die sich aus Material unterschiedlicher Herkunft und Machart zusammensetzen, scheinen einer hintergründigen Choreografie zu folgen und verdichten sich schließlich zu einem dramatischen Finale: Clips aus der Rudi Carrell Show, Dieter-Bohlen-Footage aus Deutschland sucht den Superstar, Ultraschallaufnahmen eines ungeborenen Babys, Sims-Avatar-Video-Tutorials, Aufnahmen von Junggesellen- und Junggesellinnenabschieds-Entgleisungen aus sozialen Netzwerken, Plünderungsszenen von den London Riots 2011, Szenen eines Audition-Pornos oder Ausschnitte aus dem Schulungsvideo einer „Managementtrainerin“ mit guten Ratschlägen fürs Einstellungsgespräch.

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Was bisher geschah…, 2013, Installationsansicht, Galerie Conradi, Berlin, Courtesy: der Künstler und Galerie Conradi, Hamburg

Was bisher geschah…, 2013, Installationsansicht, Galerie Conradi, Berlin, Courtesy: der Künstler und Galerie Conradi, Hamburg

Was bisher geschah … stellt auf einer diffus gehaltenen Ebene Bezüge zwischen Politik, Gesellschaft und Zeitgeist her: Carrell taucht als Repräsentant der Ära Kohl neben der Trash-TV-Gestalt Bohlen auf, die die neoliberale Selbstoptimierungs-Ideologie seit den Schröder-Jahren in ein populäres Showformat schmiedet; die Bilder aus dem Audition-Porno weisen eine unheimliche Parallelität zum Bewerbungstrainingsvideo auf. In seiner barocken Fülle von Quellen und Verweisen strahlt das Werk jedoch keinerlei Kulturpessimismus oder Weltekel aus. Im Gegenteil: Die Beklemmung, die aus der Nähe zur Realität resultiert, wird immer wieder mit Hilfe des Fantastischen durchbrochen. Doch wo die Slickness einer Post-Internet-Ästhetik anderswo in psychedelischen Farbverläufen schimmert, hält Zillig an sprödem, knarzigem Politkunst-Wollen fest. Irgendwann poppt im Bilderstrom eine Guy-Fawkes-Maske auf: „We are Anonymous. We are legion. Expect us.“

Die Kinder der 1980er und 90er Jahre, die in London die sogenannten „BlackBerry Riots“ anzettelten, in Duisburg die letzte tragische Love Parade feierten und Tag und Nacht die sozialen Netzwerke vollschreiben, finden sich schon in älteren Arbeiten Zilligs: etwa in der Multimedia-Installation Pessimismus Organisieren (2012), in welcher die „alte“, hierarchische Popkultur von Fan und Star – vertreten durch den dahinsiechenden Michael Jackson – gegen eine „neue“, gesichtslose Netz-Popkultur gestellt wird, hier repräsentiert von der Webseite 4chan, einem unmoderierten, extrem populären Imageboard, auf dem sich täglich hundertausende Teenager mit obskuren und nicht selten pornografischen Postings austoben. Zillig installierte einen Livestream, der sowohl die willkürliche Bilderflut der Posts als auch die dazugehörigen Kommentare zum Teil seiner Arbeit machte. Auf der Tonspur war hingegen eine Aufnahme zu hören, die Jacksons Hausarzt wenige Tage vor dem Tod des schwer angeschlagenen Entertainers machte: Der unter Medikamenteneinfluss stehende „King of Pop“ fantasiert mit schwacher, leiernder Stimme über den Erfolg seiner geplanten Konzertreihe und die Gründung einer nach ihm benannten Kinderklinik. Doch die alten Heldenerzählungen des Pop funktionieren nicht mehr. Das dunkle Herz gegenwärtiger Teen-Kultur schlägt im Netz.

Was das Suchen, Finden und Verwenden von vorgefundenem Material betrifft, sind auch Zilligs Installationen von einem „internet state of mind“ durchdrungen, wie es der Kurator Carson Chan einmal nannte, also einer am Netz und seinen Mechanismen geschulten Art des Denkens und Verknüpfens. Zugleich widersprechen sie aber allem Modischen, der reinen Tech-Faszination und ungebrochenen Freude am Zeitgenössischen. „Das ästhetisch Neue“, so Zillig in einem jüngst in Kultur & Gespenster publizierten Text, „ist selbst schon korrumpiert, es hat sich als ultimativer Beschleuniger mit der herrschenden Ökonomie verschwistert.“ Auch Zilligs Werk erzählt vom Herein-brechen des Digitalen in die physische Welt. Sein Weltinteresse aber bleibt auch da ein politisches, wo es scheinbar „nur“ um ästhetische Fragen geht.

Kito Nedo arbeitet als freier Journalist für verschiedene Magazine und Tageszeitungen. Er lebt in Berlin.

Ausgabe 13

First published in Ausgabe 13

März – April 2014
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