Stephen G. Rhodes

Eden Eden, Berlin, Germany

Stephen G. Rhodes, Vile Assumption, 2015, installation view. All images courtesy: the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin; photographs: Henry Trumble

Stephen G. Rhodes, Vile Assumption, 2015, installation view. All images courtesy: the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin; photographs: Henry Trumble

Sie halten es kaum aus, wenn Sie sich die Welt ansehen? Schauen Sie sich um, schauen Sie, wo Sie gerade sitzen; oder von was Sie sich abschirmen; wo Sie kauern oder treiben; schauen Sie sich selbst an. Das ist die Welt – ein Irrenhaus; leckendes Floß oder Anus; kaputtes Schiff; eine von kopfüber hängenden, weißnasigen Fledermäusen trockengesaugte Grotte; uterale Jauchegrube; verpesteter Gestank; Lagerhaus für diesen großartigen Furz, den wir „Kunst“ nennen; bar jeder Menschlichkeit, dieses fiese, verschwitzte Dreckloch, in dem wir uns fortpflanzen.

Ätzende, unverdaute Weltfetzen knallt uns Stephen G. Rhodes in seiner Ausstellung „Sweethaven Assumption: Or The Propertylessness, Preparedness, and Pals“ wutschnaubend vor die Füße. Es fällt mir schwer hinzugucken und noch schwerer, darüber zu berichten. Eine großformatige Installa­tion aus Skulpturen, Bretterbuden, Hollywood-Repliken, ineinander verschlungenen, verschmutzten Narrativen, ölig-­düsteren Gemälden und Videos – das Ganze thematisch befeuert von kapitalistischen Vorstellungswelten, nationalistischer Galligkeit und humanitärem wie geografischem ­Niedergang. In der Tat: die Welt heute, wie sie ist. Warum also nicht einfach vor die Tür treten und beobachten, was „da draußen“ momentan los ist? Aber was dann? Und würde das nicht überhaupt erst einmal ein „hier drinnen“ voraussetzen? 

Stephen G. Rhodes, ‘SWEETHAVEN ASSUMPTION: Or The Propertylessness Preparedness And Pals’, exhibition view, Eden Eden, Berlin

Stephen G. Rhodes, ‘SWEETHAVEN ASSUMPTION: Or The Propertylessness Preparedness And Pals’, exhibition view, Eden Eden, Berlin

Rhodes’ Ausstellung geht weder vom einen noch vom anderen aus. Vielmehr schleudert sie uns höchst verstörende, ­konspirative Fiktionen von Wirklichkeit vor die Füße. Man sieht in Clips aus dem US-Fernsehen, wie Kindern ohne jeden Skrupel jene Lebensmittel verfüttert werden, die der Sponsor des Fernsehsenders produziert (Vile Assumption, 2015). Man sieht: eine ­Pegida-Demo in Dresden, auf der Rhodes mit einem Schild just diese Lebensmittel anprangert; dann wieder trägt er eine ­Frankenstein-Maske. Man sieht: Bilder, die zeigen, wie Häuser geräumt werden; und dann, dort unten im Keller von Eden Eden, stolpert man plötzlich über ein vulvaartiges Schlauchboot. Jemand hat es aufrecht ­hingestellt, wollüstig und mit voller Wucht bumst ein laut hin und her schwingendes Spielzeuggefährt dagegen (von der Art, wie man es vor Vorstadt-Supermärkten findet): die fröhliche Metapher des Künstlers für eine Welt, die vor die Hunde gegangen ist, „gefrackt“ von der ganzen kapitalistischen Fantasiewelt, mit der wir ständig gefüttert werden und mit der wir wiederum unsere Zukunft füttern. Und nachdem wir brav genuckelt haben und schön fett geworden sind, nachdem wir die Welt mit ihrem Durcheinander gefrackt und ruiniert haben? Zahlen wir jetzt halt den Preis, mit geborgter Zeit und auf Pump.

Stephen G. Rhodes, ‘SWEETHAVEN ASSUMPTION: Or The Propertylessness Preparedness And Pals’, exhibition view, Eden Eden, Berlin

Stephen G. Rhodes, ‘SWEETHAVEN ASSUMPTION: Or The Propertylessness Preparedness And Pals’, exhibition view, Eden Eden, Berlin

Die beiden real-fiktionalen Protagonisten dieser Ausstellung sind das sogenannte Sweethaven Village, eine Bretterbuden-Stadt, die Robert Altman in Malta für die Dreharbeiten zu Popeye (1980) hatte bauen lassen, und Assumption Parish, ein Landkreis in Louisiana, in dem es aufgrund aggressiven Frackings durch Großunter­nehmen (wie Texas Brine) 2012 zu einer großflächigen Bodensenkung kam und zum Austritt von Schadstoffen. Eine ganze Stadt musste damals evakuiert werden. „Another community gone“ – wieder eine Gemeinde verschwunden, so steht es auf einem Aufkleber an einer der Latten, die in dieser Bretterbuden-Ausstellung überall herumliegen. Ist das nun der Protestspruch von Kommunitaristen, die nur ein imaginäres Innen bewahren wollen – oder einfach nur Rassismus und Fremdenfeindlichkeit? Hier verbockt es die Industrie und Land verschwindet in einem Erdloch; dort zerfällt eine Vorstellungswelt, treibt aber über die Ränder des Geografischen hinaus. Auch kulturelle Bilder verrotten, oder sind von Anfang an absurd wie eben Popeyes Dorf, das noch heute in Malta steht, während das Leben auf der Insel weitergeht.

​Stephen G. Rhodes, ‘SWEETHAVEN ASSUMPTION: Or The Propertylessness Preparedness And Pals’, exhibition view, Eden Eden, Berlin

Stephen G. Rhodes, ‘SWEETHAVEN ASSUMPTION: Or The Propertylessness Preparedness And Pals’, exhibition view, Eden Eden, Berlin

In den Ausstellungsraum gelangt man durch ein transparentes Plastikzelt. Drinnen dann: ein Bereich der Kontamination oder der Quarantäne, eine graue, uneben erhöhte Plattform. Eine Zimmerpflanze scheint gelbe Pisse auszuscheiden – oder ist das Olivenöl, das vom erhöhten Boden hinunterrinnt? Von der Plattform hängt eine schiffbrüchige Familie von „Flüchtlingen“, von „Aliens“ in E.T.-Form, von deren einst leuchtenden ­Fingerspitzen es herabtropft. Daneben findet sich eine große, disneyeske „Vater-Zeit“-Figur ebenso wie die skalpierten kahlen Schädel von Minnie-Mouse-Puppen. Wie ausgepustete Laternen hängen sie von der Decke. Rhodes spielt beileibe nicht – er zieht den Dingen die Haut ab („Wenn die Natchez-Indianer einen Skalp haben wollten, mussten sie sexuell enthaltsam sein“, schreibt er im Booklet zur Ausstellung). Er will die fragmen­tierten Bruchlinien der in den letzten Jahrzehnten entstandenen Projekte kenntlich machen. Sie künden von einer Folge miteinander verknüpfter Krisen – von der sogenannten Flüchtlingskrise bis zu den Verwüstungen ganzer Landstriche –, für die alle nur eines gilt: Sie zeugen vom Scheitern. 

Stephen G. Rhodes, Quarantined Continuum: The Home and the Phone, 2016, mixed media, installation view

Stephen G. Rhodes, Quarantined Continuum: The Home and the Phone, 2016, mixed media, installation view

Runter von meinem Grund und Boden! Ob es der eigene Vorgarten ist, Europa oder eine überflutete Erde, ob es eine gentrifizierte Stadt ist, die Ölindustrie oder eine pharmazeutische Gewohnheit. Öl erweist sich hier als das alles bestimmende schwarze Gold und Gift: Olive Oyl (ein Charakter aus Popeye), Castor (-öl), Wachs als Erdöl, Öl als Gemälde (Vacant Portrait: hominoid inheritor, 2016), Öl als Benzin, Öl als Industrie, Malerei als (Kunst-) Industrie, Öl als Schmiermittel. Oder wie Rhodes schreibt und wie der Subtext der Ausstellung entlang der Linien von Kunstproduktion und Überbevölkerung ­lautet (auf einem Makrolevel globaler Bevölkerungspolitik wie auf einem Mikrolevel von „Kunst“-Überbevölkerung in Berlin, einer Stadt, die sich selbst als Motor künstlerischer „Visionen“ sieht, in der aber so viele Keime nicht aufgegangen sind): „Natürlich Kritik an der Überbevölkerung, stop making art.“ Wir wissen doch seit Thomas Malthus (dessen Buch An Essay on the Principle of Population von 1798 in der Ausstellung verbaut ist), dass wir keine Kinder mehr bekommen sollten, dass die Welt sie nicht mehr aufnehmen kann. Aber wir bekommen sie trotzdem. Wir wissen doch, dass Kunst die Welt nicht verändern wird oder kann und wohl auch nicht sollte – und machen sie trotzdem. Macht Kunst! In diesem Fall ganz hervorragende Kunst, die ohne moralische Überheblichkeit auskommt, und ihre Stimme doch unbestreitbar mit der Kraft und dem fundierten Recht des Wütenden erhebt.

Übersetzt von Michael Müller

Pablo Larios ist leitender Redakteur von frieze. Er lebt in Berlin.

Issue 24

First published in Issue 24

Summer 2016

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