Textilien

Hat der Trend zum Ausstellen von Textilien etwas mit der Bildschirmorientierung unseres Lebens zu tun?

Sophie Taeuber-Arp, Komposition Aubette , c.1928, Stickerei, 76 × 54 cm, Kunstmuseum Wolfsburg

Allein in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres gab es mindestens sechs Ausstellungen, die sich mit dem Thema „Textil“ beschäftigten. Wann hat das begonnen? Und warum? Der renommierte, im letzten Jahr unerwartet verstorbene Textilsammler Seth Siegelaub spielt für die Beantwortung dieser Frage eine zentrale Rolle: 1986 hatte er das Centre for Social Research on Old Texiles (CSROT) gegründet. Stuff Matters, eine Ausstellung mit historischen Textilien aus seiner Sammlung bei Raven Row in London, war 2012 ein Vorläufer der aktuellen Schwemme an thematischen Ausstellungen. Gleichzeitig nahm das Interesse an der Verwendung von Stoff aber auch in zeitgenössischen Kunstwerken deutlich zu. Kann man in dieser Tendenz, wie auch in der jüngst zu beobachtenden Hinwendung zur Keramik, einen haptischen Kontrapunkt zu einem Alltag erkennen, der in hohem Maße auf Bildschirme und den steten Strom digitaler Kommunikation fixiert ist? Oder findet hier eher ein Interesse an der Schnittstelle von Stoffproduktion und Abstraktion eine Fortsetzung, wie es seine Wurzeln im frühen 20. Jahrhundert hat?

Chiharu Shiota, In Silence, 2009, Schwarzes Holz, verbranntes Klavier und Stühle, Installationsansicht Kunstmuseum Wolfsburg

Drei Ausstellungen in deutschen Museen betrachten das Thema sowohl im Hinblick auf ihre Geschichte als auch auf zeitgenössische Arbeiten. Auch wenn jede dieser Ausstellungen einen etwas anderen Ansatz verfolgt, so gibt es doch zahlreiche Überschneidungen: in der Argumentation, aber auch was die Künstler und die gezeigten Werke anbelangt. Für Rike Frank und Grant Watson, die Kuratoren der Ausstellung Textiles: Open Letter. Abstraktionen, Textilien, Kunst im Museum Abteiberg, Mönchengladbach, sind Textilien zwischen „angewandter“ und „freier“ künstlerischer Praxis angesiedelt, sie „erinnern an die Arbeit von Frauen, an industrielle Arbeit, Warenproduktion und Handel“. Es ist dieser unstete Zustand der Offenheit, der die Beschäftigung mit Textilien zu einem derart weiten und schwer zu greifenden Feld macht. Die Ausstellung von Frank und Watson ging aus einem Forschungsprojekt hervor, ihr Titel ist einem Essay der Bauhaus-Weberin Anni Albers entlehnt. In der Beschränkung auf gewebte Strukturen ist ihnen eine Ausstellung gelungen, die – stringent in der Argumentation und überraschend wenig medienspezifisch – mit Büchern (aus der Sammlung Siegelaub), Fotografien, Videos und Zeichnungen etwas Erleichterung verschafft angesichts der überwältigenden haptischen Präsenz von Stoff. Auch wenn sie dabei die wesentlichen Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Medien herausarbeiten, so bleibt das Haptische doch der zentrale Aspekt. Das gilt für Beryl Korots Drei-Kanal-Video-Installation mit Aufnahmen von Jacquard-Webstühlen in Aktion ebenso wie für die Stoffe von Anni Albers (1927), für die skulpturalen Gehänge von Lenore Twaney (1962) oder die auf dem Boden liegenden gewebten Netze von Leonor Antunes (2011). Die Ausstellung stellt nur eine Facette einer anhaltenden Diskussion zum Thema dar, begleitet von einer Vortragsserie in Mönchengladbach und einem Symposium in Bilbao; ab September 2014 wird die Ausstellung in der Generali Foundation zu sehen sein; den Abschluss des Projekts bildet eine umfassende Publikation.

Sophie Taeuber-Arp, Komposition Aubette , c.1928, Stickerei, 76 × 54 cm, Kunstmuseum Wolfsburg

Zur Eröffnung der Ausstellung Kunst & Textil. Stoff als Material und Idee in der Moderne von Klimt bis heute im Kunstmuseum Wolfsburg erschien im vergangenen Oktober ein voluminöser Katalog. Mit dem Materialreichtum der Ausstellung selbst kann er aber nicht mithalten. Die ambitionierte, essayistisch konzipierte Schau bietet ein pralles Spektrum an Werken – ein umfassender Blick auf die Geschichte der Beziehung zwischen Textilien, Kunst und Alltagsleben, der die ganze Breite der Einflüsse zeigt, die Textilien auf die Kunst hatten. Zwischen historischen Textilfragmenten aus dem alten Ägypten, China des 9., Peru des 15. oder dem Kongo des 19. Jahrhunderts sind frühe Stoffmuster von William Morris, kleine kostbare Gemälde dekorierter Interieurs von Éduard Vuillard, eine Nachbildung des 1927 von Mies van der Rohe und Lilly Reich gestalteten Café Samt & Seide ebenso präsentiert wie eine gewaltige hängende Sisalplastik von Magdalena Abakanowicz sowie Gerhard Richters Nachbildung eines abstrakten Gemäldes als im Digitalverfahren gewebter Stoff. Frauen sind in der Ausstellung gut vertreten, und das glücklicherweise nicht nur in der Abteilung „Feministische Kunst“ (unter dem peinlichen Titel „Spiderwomen“). Es werden Verbindungslinien gezogen, zwischen dem Interesse, das Lucio Fontana oder Blinky Palermo in den 1960er Jahren für die Leinwand als Rohmaterial entwickelten, und heutigen Auseinandersetzungen mit der Leinwand bei Künstlern wie Sergej Jensen. Die gelehrte Begeisterung des Kurators Markus Brüderlin ist ansteckend – wenn man einmal von der letzten Abteilung absieht, für die der Videokünstler Peter Kogler in einer aufgeblasenen Installation versucht, das „World Wide Web“ als „eine Art Webstuhl des Internetzeitalters“ darzustellen. Die zweifelsohne vorhandenen Parallelen ließen sich wohl überzeugender von Künstlern vermitteln, die der Internet-Generation angehören, Nick Relph etwa, der in der Chisenhale Gallery kürzlich einen Raum voll handgewebter Tafeln präsentierte, gleichsam Synonyme für die digitalen Bildschirme, die unser aller Leben bestimmen.

Sheela Gowda, Behold (Schaue) , 2009, Mixed media, Installationsansicht Museum Abteiberg

Rosemarie Trockel, Alghiero e Boetti, Palermo, Polke, Fontana und Jensen – die alle in der Wolfsburger Ausstellung zu sehen sind –, tauchen schließlich noch einmal in der Ausstellung To Open Eyes der Kunsthalle Bielefeld auf. Diesmal stammt der Titel von Josef Albers. Mit Ausnahme von Trockel, deren Arbeiten man in einen Anbau gesteckt hat, werden die Werke in den zentralen Ausstellungsräumen im ersten Stock der Kunsthalle in einer Reihe rein männlicher Künstler präsentiert – in sonderbarem Widerspruch zur Argumentation ein Stockwerk darüber, nach der die Werke von Künstlerinnen im frühen und mittleren 20. Jahrhundert an den Rand gedrängt worden seien. Hier, im zweiten Obergeschoss, ist eine visuell höchst beeindruckende vielfarbige Jacquard-Webarbeit der Bauhauskünstlerin Gunta Stölzl neben einer selten gezeigten Web­arbeit von Albers zu sehen. Konfrontiert wird sie mit einer wundervollen Gruppe kleinformatiger Webstücke, die die amerikanische Künstlerin Sheila Hicks seit den 1960er Jahren geschaffen hat. Dieser generationenübergreifende Sprung zwischen den Werken der 1920er und der 60er Jahre ist allerdings kaum wahrnehmbar – sympto­matisch für eine Ausstellung, die ein breites Spektrum an Materialien weitestgehend unkommentiert versammelt.

Gerade die sich über Generationen hinziehende Offenheit ist es, die das Textil­thema so reicht macht – und gerade angesichts dieses Umstandes ist es für eine Ausstellung zum Thema unabdingbar, eine Argumentation zu entwickeln und diese auch zu vermitteln. Zuviel ist an politischer Geschichte, Genderpolitik und sozialen Aspekten im Spiel, als dass man derartige Verbindungen einfach übergehen könnte. Es gibt, wie Siegelaub es ausgedrückt hat, eine enge Beziehung zwischen Textilien und Gesellschaft, und das macht sie zu einem so außerordentlich faszinierenden und beständigen Medium.
Übersetzt von Michael Müller

Kirsty Bell ist Autorin und Contributing Editor von frieze und frieze d/e. Ihr Buch The Artist’s House. From Workplace to Artwork (2013) ist bei Sternberg Press erschienen.

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First published in Ausgabe 13

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