Theorie als Praxis

Marxistische Argumente ziehen sich durch die Philosophie von Jacques Rancière – bis hinein in seine ästhetische Theorie

Jacques Rancière (rechts) mit Musikern auf dem Petit festival, Guimaëc, 2009 (Fotografie: Annette Bozorgan)

Jacques Rancière (rechts) mit Musikern auf dem Petit festival, Guimaëc, 2009 (Fotografie: Annette Bozorgan)

Die „Aufgabe der Revolutionäre“ sei es nicht, Ideologie mit Wissenschaft zu bekämpfen. Sie bestehe vielmehr darin, „den bürgerlichen Ideologien die proletarische Ideologie des Marxismus-Leninismus entgegenzustellen.“ Was sich hier liest wie eine Losung für Universitätskader der DDR, ist kein Lenin-Zitat und steht auch nicht in Maos Bibel, sondern stammt von Jacques Rancière. Gut, die Zeilen wurden vor mehr als 40 Jahren geschrieben, der Kategorie Jugendsünde sind sie dennoch nicht vollends zuzurechnen. Ihr Kontext erhellt vielmehr die theoretische Herkunft und die Strategien der intellektuellen Interventionen Rancières – bis heute.

Das zeigt sich vor allem in Althusser’s Lesson (Althussers Lektion, 2011; La Leçon d’Althusser, 1974), einer minutiösen und kurzweiligen Theoriegeschichte der französischen Post-68er Jahre, die jetzt in englischer Übersetzung vorliegt. Im fast zeitgleich auf Deutsch publizierten Moments politiques – Interventionen 1977–2009 (2011; Moments politiques : Interventions 1977–2009, 2009) hingegen, das Interviews mit und Zeitschriftenartikel von Rancière versammelt, findet sich der Marxismus zwar nur noch in Spurenelementen. Aber auch hier geht es um die gesellschaftliche Rolle der Theorie, ihr Verhältnis zur Praxis und zu den sozialen Kämpfen sowie den Mai 1968 als politischen wie theoretischen Bezugspunkt. Kurz nach diesem Ereignis – im Jahr 1969 – schrieb Rancière jenen Text, aus dem das Eingangszitat stammt: „Sur la théorie de l’idéologie: Politique d’Althusser“ erschien auf Französisch 1973, unter dem Titel „Zur Theorie der Ideologie. Die Politik Althussers“ 1975 auf Deutsch (in Wider den akademischen Marxismus) – und findet sich nun auf Englisch im Anhang von Althusser’s Lesson. Louis Althusser war Rancières Lehrer und wurde, wie Buch- und Aufsatztitel schon andeuten, seine große Abgrenzungsfigur. Allerdings findet hier weitaus Interessanteres statt als ein Vatermord auf hohem Niveau.

Althusser war für Rancière vor allem Träger seiner akademischen Produktionsverhältnisse und die exemplarische Verkörperung zweier ineinandergreifender Missstände: Der eine ist eine Theorieproduktion, die sich abdichtet gegen unvorhergesehene Entwicklungen außerhalb ihrer selbst, der andere der von der Theorie als Privileg akademischer Lehrer. Beide traten im Mai 1968 (und den darauf folgenden Jahren und Debatten) deutlich zutage. Statt sich der Studentenrevolte gegenüber politisch zu öffnen und theoretisch anzunähern, zog Althusser sich auf die Position der Kommunistischen Partei zurück, die in den Studenten nur kleinbürgerliche Delinquenz walten sah. Neben dieser politischen Distanz hielt er auch theoretisch Abstand, indem er die Theorie als von Straßenkampf und Tagespolitik unabhängige Wissenschaft proklamierte. Legitimes Wissen generierten ihm nach nur die akademisch dazu Befugten. Laut Rancière stand 1968
der „Status der Träger des Wissens“ auf dem Spiel, und Althusser gehörte zu deren gewieftesten Anwälten. Theorie wird in der Abwehr als doppelte Ordnungsmacht installiert: Sie unterscheidet zwischen relevanter und nicht erwähnenswerter Praxis, und sie hält die bestehende institutionelle Ordnung aufrecht.

Dagegen, und nicht nur gegen die bürgerliche Ideologie, richtete sich die für Rancière damals als Produkt von selbstbestimmten „Kampfesbewegungen“ begriffene „proletarische Ideologie“. Blendet man die leninistische Diktion für einen Moment aus und stellt den groben Dualismus probeweise unscharf, zeigt sich hier schon Rancières spätere Parteinahme für das Dynamische und Überraschende. Darüber hinaus schlummert in der Ideologieproblematik bereits seine Theorie der Ästhetik und sein zentrales politisches Credo: Denn Ideologie, so der frühe Rancière, beschreibe nicht das Verhältnis der Leute zur Wahrheit, sondern jenes zur Macht und zum Wissen, das sie selbst (theoretisch) durchschauen und (praktisch) durchkreuzen können. Auch ohne Lehrer und Partei greifen sie demnach in die Aufteilung „des Sichtbaren, des Denkbaren und des Möglichen“ ein – in das also, was Rancière später als das Ästhetische beschreibt.

Diese in den frühen Anti-Althusser-Arbeiten modellierte Haltung zieht sich durch das gesamte Schaffen Rancières. Die enge Verknüpfung von politischem Anliegen und ästhetischer Theorie findet sich später auch in seiner Abgrenzung gegenüber der Soziologie Pierre Bourdieus. Ähnlich wie Platon, Karl Marx und Jean-Paul Sartre warf Rancière Bourdieu in Le philosophe et ses pauvres (1983; Der Philosoph und seine Armen, 2010) vor, die unteren Klassen stets dazu benutzt zu haben, ihr eigenes Geschäft – das Reden über und vor allem für die Armen – zu sichern. Niemand habe so gründlich dazu beigetragen, dass das Sprichwort „Schuster bleib bei deinen Leisten“ Realität wurde, wie die Interpretatoren der aufständischen Handwerker. Das bezieht Rancière explizit nicht nur auf das Denken und die politische Praxis, sondern auch auf ästhetische Erfahrungen. Ähnlich vehement wie früher gegen Althusser argumentiert er daher auch gegen Bourdieu: Mit seinen Untersuchungen zur Klassendifferenz im Geschmack und im Zugang zu Kunstinstitutionen habe dieser den Armen die Defizite erst zugeschrieben, die er als „feine Unterschiede“ zu beschreiben vorgegeben habe. Dass den unteren Schichten das Bildungskapital für den angemessenen Kunstkonsum fehle und sie ihre strukturelle Benachteiligung oft nur schwer durchschauen könnten, liest Rancière nicht als Bourdieus Beschreibung von Herrschaftseffekten. Stattdessen sieht er darin einen Effekt der Soziologie selbst, die damit erst herstellt, was sie angeblich aufdeckt: soziale Ordnung.

Von hier führt eine direkte Linie in Rancières eigene Philosophie der Gleichheit. Die Gleichheit ist darin Ausgangspunkt – nicht Ziel – aller sinnlichen Erfahrung ebenso wie jeder Politik. Bourdieus Soziologie tut genau das nicht. Sie geht von Differenzen aus. Dass gerade Bourdieu diese Gefahr performativer Effekte, die jeder sozialwissenschaftlichen Arbeit innewohnt, wie kaum ein anderer systematisch reflektiert hat, lässt Rancière nicht gelten. Bourdieu jedenfalls hätte auch politisch nichts dagegen gehabt, wenn Schuster und die anderen Marginalisierten aller Länder ins Museum strömen würden – er hielt es aus empirischen Gründen nur für unwahrscheinlich.

Aus seiner konstanten Aversion gegen abgedichtete Theorieproduktion, Theorie als Lehrerprivileg und ihre ordnungspolitischen Folgen hat Rancière seine Schlüsse gezogen. Bei aller Eingebundenheit in die marxistische Tradition ist sein Bruch mit Althusser schließlich auch der Beginn einer Abkehr von diesem theoretischen Bezugsrahmen. „Wer von der Ungleichheit ausgeht“, resümiert Rancière gegen Bourdieu ebenso wie letztlich gegen Marx, „ist sicher, sie am Ende wiederzufinden.“ Was seine eigene Position der Gleichheit allerdings gegen die Dilemmata und Fallstricke all der anderen absichern soll, darüber erfährt man erstaunlich wenig. Schließlich teilen sie doch dieselben Produktions­verhältnisse.

Dr. Jens Kastner unterrichtet Ästhetik und Kultursoziologie an der Akademie der bildenden Künste Wien.

Ausgabe 4

First published in Ausgabe 4

Frühjahr 2012

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