Welcome to this Situation: Tino Sehgal in Amsterdam

Keine Gegenstände, keine Dokumentationen, nur „Situationen“: Tino Sehgals Werk ist 2015 gleich in zwei großen Überblicksausstellungen in Amsterdam und Berlin zu sehen. Zwei Annäherungen vor Ort

Das Licht löst ein anderes Bewusstsein aus als die Dunkelheit. Die Welt, die man sieht, ist anders als die Welt, die man hört, riecht und spürt. Neulich aß ich bei vollkommener Finsternis in einem sogenannten Dunkel­restaurant zu Abend, wo Blinde und Sehbehinderte bedienten. Das war eine Sache des Vertrauens, weil ich nicht sah, was ich mir in den Mund steckte. Meine Sinne waren aufs Äußerste geschärft. Ich hatte keine Ahnung, dass meine Geschmackspapillen dreidimensional schmecken konnten. Ich versuchte, mit den Ohren zu schauen, versuchte, mit Hilfe der Stimmen den Menschen um mich herum Gestalt zu verleihen. Ich stellte fest, dass man keine Augen braucht, um haarscharf sehen zu können.

Ich erinnere mich, als ich das erste Mal nachts in den Park ging, um Männern zu folgen. Ich war neugierig, wohin sie gingen. Zuerst lösten sie sich im Dunkeln auf, doch nach einer Weile zeichneten sich ihre Gestalten wieder ab. Sie standen still, folgten einander, zündeten sich eine Zigarette an. So stellte ich mir das Fegefeuer vor, eine Welt der suchenden Seelen, die Grenze zwischen Leben und Tod vage.

Im Stedelijk Museum von Amsterdam, einem Tempel, der vor allem dem Sehen gewidmet ist, betrat ich im Juni ein weiteres Mal die Finsternis. Diesmal, um mir This Variation (2012) von Tino Sehgal anzusehen, gezeigt zur Halbzeit einer ganzjährigen Werkschau Sehgals im Museum.

Beim Eintreten löste sich mein Körper Schritt für Schritt im grenzenlosen Schwarz auf. Der Raum zerfiel, die Zeit auch. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis ich die Konturen der anderen Körper erkennen konnte. Zehn Minuten vielleicht, eine halbe Stunde? Es war, als ob es langsam Tag wurde. Ein neuer Tag in einer neuen Welt.

Gestalten saßen auf dem Boden, standen mitten im Raum, lehnten an der Wand. Doch welche von ihnen waren die Ausführenden des Kunstwerks und welche die Besucher?

Aus der Stille stieg ein Summen auf, das in Brummen und vokale Perkussionen überging. Eine human beatbox. Laute von Lippen und Atmen. Das Herzklopfen der Welt. Immer wieder erstarb es und kehrte zurück. Es war eine Zeremonie. Eine schamanistische Seance. Ein dadaistisches Treffen. Flüsternd, anschwellend, geschrien.

Ich hatte This Variation bereits auf der Documenta 13 betreten. In den ersten Tagen in Kassel war ich mir überall wie ein Besucher vorgekommen, doch Sehgals Werk nahm mich auf wie einen Eingeweihten. Plötzlich spürte ich, wie viel mir bei der bildenden Kunst bisher entgangen war.

Ich erinnere mich daran, wie mich ein Mann an der Hand nahm und mir ins Ohr flüsterte: „I’m pickin’ up good vibrations, she’s giving me excitations (oom bop bop), I’m pickin’ up good vibrations (good vibrations, oom bop bop), she’s giving me excitations (excitations, oom bop bop), good, good, good, good vibrations (oom bop bop), she’s giving me excitations (excitations, oom bop bop), good, good, good, good vibrations (oom bop bop), she’s giving me excitations (excitations).“ Dann kamen andere Stimmen dazu, ein Chor, ein Ringelreihen, das Ganze schwoll an, wurde immer unbändiger. Ich hatte das Gefühl, dass eine neue Zeit anbrach. Ich hatte noch nie ein Kunstwerk erlebt, das so voller Seele war. Beseelt von der Energie der Darsteller, aber auch von der Energie der Zuschauer, die dasselbe erlebten wie ich.

In Amsterdam machte ich mit This Variation jedoch eine ganz andere, neue Erfahrung. Vielleicht, weil sich das Werk in der Zwischenzeit entwickelt hatte, oder ich jetzt ein anderer war. Ich blieb länger. Eine Stunde. Mehrere Stunden. Die Stimmen waren Insekten in einer reizempfindlichen Welt. Die Dschungelwelt des Zöllners Henri Rousseau, wo jeder Quadratzentimeter voller Leben ist. Alles war angespannt, physisch, nah. Man erzählte sich Geschichten, von Unrecht, und per­sönliche Bekenntnisse der Unsicherheit. „The income derived from producing things of slight consequence is of great consequence.“ Die Ausführenden des Kunstwerks wiederholten die Sätze, drehten sie um, hinterfragten sie. Es entstand eine Diskussion über Dinge von lesser and greater consequence. Ein junger Mann erzählte, dass er bei jedem neuen Versuch zu flirten sehr unsicher sei. In der Stille danach entfernten wir uns von den Worten, die noch kurz nachwirkten, bevor sie verschwan­den. Allmählich nahmen die Ausführenden ihre Tätigkeiten wieder auf, erst einer, dann mehrere, schließlich alle. Anschwellend, von mühselig bis ekstatisch. Immer wieder von Neuem.

Von der Stille bis zum Headbangen. Manchmal eine Berührung. Ab und zu ging das Licht kurz an. Eine junge Frau neben mir hielt den Blick zunächst gesenkt und richtete dann plötzlich die Augen auf mich. Wie die allererste Begegnung in einer neuen Welt. Dann flüsterte sie: „Give it to me“. Auf einmal riefen alle „Give it to me“ und sangen mehrere Male den Refrain von Madonnas Song. Ich fühlte mich dazu aufgefordert, ebenfalls zu geben, großzügig zu sein. Schließlich nannte einer der Ausführenden den Titel der Arbeit und das Jahr der Entstehung, danach brach wieder ein neuer Zyklus aus Schweigen und anschwellender Tätigkeit an.

Nach dem Darkroom kam der Lightroom. Auge in Auge stand ich Barnett Newmans riesigem Cathedra von 1951 gegenüber. Das Werk ist deshalb so intensiv, weil Newman das Blau in sechs Schichten mit jeweils anderem Farbton auftrug. So schuf er eine tiefe, vielgestaltige Farbfläche mit einer räumlichen Wirkung. Nach meinem Erlebnis in This Variation war ich fähig, das Gemälde wie ein grenzenloses Blau zu betreten.

Newman spielte mit seinem Werk auf das Alte Testament an: Das Blau ist das Blau des Himmels und das Blau von Gottes Thron. Der spirituelle Künstler fühlte sich während der Arbeit mit dem Höheren und dem Mysterium des Lebens verbunden. Ähnliches trifft auch auf Sehgal zu. Sein Werk beeinflusst die Wirklichkeitswahrnehmung. Man wird sensibler und aufmerksamer dadurch, wird ein neuer Mensch. Die Arbeit muss an andere Menschen weitergegeben werden, damit sie weiterexistiert. So bleibt sie jung, am Leben, im Hier und Jetzt. Stets verbunden mit dem Engagement und dem Glauben des Ausführenden, ständig genährt von dessen Lebensenergie.
Übersetzt von Ira Wilhelm

Oscar van den Boogaard ist ein holländischer Schriftsteller, der in Gent, Brüssel und Berlin lebt. In deutscher Übersetzung liegt u. a. sein Roman Liebestod vor (S. Fischer, 2001). Er ist künstlerischer Leiter des Higher Institute for Fine Arts in Gent.

Ausgabe 21

First published in Ausgabe 21

August 2015

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