Männer unter sich

Neue Generation mit alten Problemen

PAUL TEASDALE Kürzlich brach auf Facebook ein Shitstorm los, es ging um das Problem der in der Kunstwelt anhaltenden Geschlechterungerechtigkeit. Auslöser war die Entscheidung des in Berlin lebenden Künstlers Daniel Keller, in seiner Ausstellung Liquid Autist in der Berliner Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler nur männliche Künstler zu zeigen (sich selbst eingeschlossen). Keller ist mit einer solchen Entscheidung nicht allein: In der Britannia-Street-Filiale der Gagosian Gallery in London werden in der aktuellen Ausstellung The Show is Over 35 abstrakte Maler präsentiert – 34 davon Männer. Dasselbe Szenario in der Neuen Nationalgalerie, Berlin: Udo Kittelmanns Beitrag zu Painting Forever! – eine Schau, die über vier Berliner Institutionen verteilt einen „Überblick“ über Malerei in Berlin liefern wollte – versammelte ausschließlich Arbeiten männlicher Künstler. Warum passiert so etwas immer noch?

ELVIA WILK Es ist nicht leicht, den richtigen Ansatz zu finden, um Gleichgewicht herzustellen. Viele Versuche werden schnell kontraproduktiv. Eine typische Reaktion auf eine geschlechter­ungleiche Ausstellung ist der Versuch „entgegenzusteuern“, indem man die Diskriminierung eins-zu-eins aufrechnet und nur Frauen präsentiert. Die Vier-Frauen-Ausstellung, die Kuratorin Eva Scharrer im Rahmen von Painting Forever! in der Deutsche Bank KunstHalle realisiert hat, stellt eine solche Antwort auf Kittelmanns Selektion dar. Leider aber wird dadurch dem Klischee von einer vermeint­lichen „Frauenkunst“ Vorschub geleistet, indem impliziert wird, Arbeiten von Frauen hätten per se etwas gemeinsam. Ein derartiger Ansatz, der ganz auf Geschlechterdualität setzt, reproduziert das Problem und bringt niemanden weiter.

PT Was wäre ein besserer Ansatz?

EW Keine Ahnung. Eine Möglichkeit, dem Missverhältnis zuvorzukommen, sind gezielte Fördermaßnahmen: eine Verpflichtung, Frauen und Männer gleichermaßen zu repräsentieren, durchgesetzt entweder von der Politik oder durch gesellschaftlichen Druck.

PT Aber impliziert ein Begriff wie „Fördermaßnahme“ nicht gerade, dass Künstlerinnen dann eben nicht aufgrund ihrer Leistungen gezeigt werden, sondern lediglich dabei sind, weil sie die Quote erfüllen? Schreibt ein solches Denken den Sexismus, den es bekämpfen will, nicht nur fort?

EW Mag sein – aber es gibt eben keine Geschlechter-Blindheit. Man kann das eigene Wissen um das Geschlecht eines Künstlers oder einer Künstlerin nicht vom Urteil über sein oder ihr Werk trennen – und man sollte auch nicht so tun müssen, als könne man das. Versteh mich nicht falsch: Ich denke ganz und gar nicht, dass Quoten der Weisheit letzter Schluss sind. Sie sind nur ein erster Schritt. Wir können nicht so tun, als wäre numerische Gleichstellung das Allheilmittel, denn sie würde nur die Einstellungen ver­tuschen, die dem Problem zugrunde liegen – man würde statt der Ursache nur die Symptome behandeln. Warum gehen wir zum Beispiel davon aus, dass Frauen nicht auch sexistisch sein können oder Männer nicht in der Lage sind, feministische Arbeiten zu machen? Wir müssen diese Einstellungen infrage stellen, und natürlich auch den Inhalt der Kunst selbst. Wer, außer den Kuratoren, ist dafür verantwortlich, dass sich Ungleichheiten fortsetzen?

PT Alle Entscheidungsträger in der Kunstwelt: Kuratoren, Galeristen, Museumsdirektoren, Redakteure. Im _frieze d/e_-Redaktionsteam gibt es derzeit nur eine Frau – aber vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass im Magazin seit seiner Gründung mehr weibliche als männliche Künstler porträtiert wurden. Würden mehr Frauen in Führungspositionen dafür sorgen, dass die Karten gerechter verteilt würden?

EW Nicht automatisch, aber es wäre zu hoffen. Der Kunstmarkt liebt nun mal männliche Künstler, sowohl in kultureller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht, das lässt sich nicht so einfach umdrehen. Frauen in Machtpositionen merken häufig, dass sie sich dem herrschenden System anpassen müssen, um Autorität zu erlangen und zu behalten.

PT Stimmt. Es gibt heute mehr Galeristinnen denn je, und man würde annehmen, dass damit auch die Zahl der Künstlerinnen steigt, die von Galerien vertreten werden – aber das ist ja gerade das Dilemma. Fakt ist: Männliche Künstler verkaufen mehr und ihre Arbeiten sind teurer. Deswegen müssen die öffentlichen Institutionen mehr Einfluss nehmen.

EW Es wäre toll, mehr Statistiken über die demografischen Verhältnisse in der Kunstwelt zu haben. Und zwar nicht nur die üblichen Erhebungen über Geschlecht oder Rasse, sondern auch solche, die den Inhalt von Arbeiten erfassen und die Art von Ausstellungen. Ich finde immer wieder alarmierend, wie notorisch männerlastig beispielsweise Ausstellungen zu technologischen Themen sind. Ich frage mich, wie viele Künstlerinnen sich darüber definieren, dass sie mit neuen Medien arbeiten – und wie viele von ihnen es dann tatsächlich in Ausstellungen schaffen.

PT Die Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2013 im Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt beispielsweise Frauen und Männer in einem Verhältnis drei zu eins, aber der einzige Künstler, der mit „zukunftsweisenden“ Technologien arbeitet, ist der Mann: Simon Denny. Man bekommt das Problem nicht nur darüber zu fassen, dass man die repräsentierten Frauen abzählt – es geht auch darum, dass Künstlerinnen häufig instrumentalisiert werden, um eine bestimmte Rolle zu erfüllen.

EW Genau. Und das hängt damit zusammen, in welchen Kontext man ihre Arbeiten stellt, einschließlich der Rhetorik, die Kuratoren und Kritiker verwenden. Wenn eine Frau Kunst macht, die Technologie thematisiert oder verwendet, sagen wir dann, dass sie „sich in einem männlichen Feld bewegt“? Oder wenn sie minimalistische oder mathematische Arbeiten schafft, sprechen wir dann von einer „maskulinen“ Ästhetik?

PT Das Traurige an der Debatte ist, dass wir diese dröge Frauenfeindlichkeit eigentlich schon längst überwunden haben sollten. Eine neue Generation bekräftigt sie jetzt aber von neuem. Im Feld der Digitalen oder „Post-Internet“ genannten Kunst gründen die Vorurteile beispielsweise eher auf atavistischen „philosophischen Ideen“ – etwa einem bestimmten Verständnis evolutionärer Theorie – als auf offen sexistischen Behauptungen. Das macht sie aber nur noch tückischer und beunruhigender.

EW Richtig, es wird heute von jedem erwartet, über Sexismus hinweg zu sein – weshalb man sich stattdessen eben auf umfassenden rationalen Determinismus verlagert und entsprechende Theorien bemüht. Ich gehe bei einer reinen Männer-Ausstellung zwar nicht sofort davon aus, dass sie sexistisch ist. Aber wenn es sich um eine reine Männer-Ausstellung handelt, in deren Pressemitteilung nur von Autismus, Libertarismus, Mathematik und Entwicklungs­psychologie die Rede ist – wie im Falle von Liquid Autist –, dann werde ich misstrauisch. Ich glaube, ein gewisses Maß an Misstrauen ist nur gesund ­– und in diesem Fall auch produktiv.
Übersetzt von Christine Richter-Nilsson

Paul Teasdale is editor of frieze.com. He is based in London.

Ausgabe 12

First published in Ausgabe 12

Dezember 2013 - Februar 2014

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