Wiener Gruppe I: Wienzeilen

Experimente zwischen Sprache und Kunst: Repliken auf die Wiener Gruppe der 1950er Jahre

Gerhard Rühm, Untitled, aus dem Projekt Concrete Poetry; Scharf, 1955, Collage, Zeitungsausschnitte auf Pappe 32 × 22 cm (courtesy: Christine König Galerie, Vienna)

Mit der „Wiener Gruppe“ entstand im Wien der Nachkriegszeit ein Zusammenschluss von Künstlern, die informell, aber höchst produktiv kollaborierten, darunter der Architekt Friedrich Achleitner, Hans Carl (H. C.) Artmann, Konrad Bayer, der Musiker und Künstler Gerhard Rühm sowie der Jazzmusiker Oswald Wiener. Sie alle verstanden sich zugleich als Dichter. Die Gruppe formierte sich um 1952 herum in der Nachfolge des „Art Club“ und übte mit ihrer experi-mentellen Literatur, ihren visuellen und performativen Arbeiten nicht zuletzt Kritik am repressiven Geist der Wiener Bourgeoisie.

Laut Rühm arbeitete die Gruppe an einer subjektiven Rekonstruktion jener Literatur- und Kunstbewegungen, die während der Nazi-Zeit als „entartet“ denunziert worden waren und nach dem Zweiten Weltkrieg nur langsam wiederentdeckt wurden. Man stückelte sich seine ästhetische Vorgeschichte sozusagen selbst zusammen, in Gedichten, Soundarbeiten, Theaterstücken und Konkreter Poesie, unter Zuhilfenahme von illustrativen Cut-outs, Collagen und grafisch-verbalen Assemblagen. All dies wurde – häufig sarkastisch – gegen Volksmärchen, Alltagssprache, austriakische Witze, Wienerischen Dialekt und kulturelle Klischees ausgespielt, appropriiert wie Readymades aus Werbung oder Nachrichten. Das Sprachverständnis der Wiener Gruppe war seiner Zeit weit voraus: Sprache war Material, Wörter waren Klang und Bild. Die damaligen Zeitungen, Kreuzworträtsel und Nachrufe boten Futter für eine Kulturkritik, die sich als engagierter Widerstand verstand. 1953 erklärte Artmann, „dass man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben“. Mit programmatischem Ton erweiterte er damit den Raum für „poetische Akte“. Konrad Bayer zufolge war die „selbst-‑aus-löschung des autors zugunsten der zusammenarbeit“ ein entscheidendes Merkmal der Gruppe. Friedericke Mayröcker (deren Prosa-gedicht über Martha Jungwirth an anderer Stelle in dieser Aus-gabe zu lesen ist) stand der Gruppe ebenso nahe wie Ernst Jandl als selbst-ernannter „Onkel“ der Gruppe. Man unterhielt enge Beziehungen zur Wiener Kunstszene der damaligen Zeit, etwa zur „Hundsgruppe“ der 1950er Jahre mit ihren Mitgliedern Ernst Fuchs, Maria Lassnig und Arnulf Rainer. Später stand die Wiener Gruppe den Transgressionen der Wiener Aktionisten der 1960er Jahre nahe.

Vor diesem Hintergrund haben wir Gerhard Rühm, Wiener-Gruppe-Mitglied der ersten Stunde, gebeten, seine Kunst und ihren historischen Kontext zu kommentieren. Der Künstler und Autor Theo Altenberg erinnert sich in einem zweiteiligen Beitrag an den früh verstorbenen Konrad Bayer – mit einem Gedicht, das poetische Formen Bayers aufgreift. Schließlich beleuchten Ann Cotten und Kerstin Cmelka in Text und Bildern gemeinsam die blinden Flecken der Wiener Gruppe.
Übersetzt von der Redaktion

Pablo Larios ist leitender Redakteur von frieze. Er lebt in Berlin.

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