Wolfgang Breuer

Kunsthalle Bern

Wolfgang Breuer, Milka Ritter Sport (installation view), Kunsthalle Bern, 2016. Photo: Wolfgang Breuer. 

Wolfgang Breuer, Milka Ritter Sport (installation view), Kunsthalle Bern, 2016. Photo: Wolfgang Breuer

Wolfgang Breuer ist bekannt für launige Unzugänglichkeit. Die Ausstellung „Milka Ritter Sport“ in der Kunsthalle Bern setzt diesbezüglich jedoch noch mal einen drauf. An die 50 DIN-A4-Drucke auf handelsüblichen, pastellfarbenem Druckerpapier finden sich in sämtlichen Räumen der Kunsthalle – luftig gehängt, hochkant, sauber passepartouriert und holzgerahmt. Jedes dieser Bilder folgt einem standardisierten Bildaufbau: In der unteren Bildhälfte findet sich jeweils eine schematisch reduzierte, mit dem ­Zeichenprogramm Microsoft Paint erstellte Wiedergabe eines Referenzwerks (etwa Albert Oehlens Born to be late, 2001, Hans Hofmanns Magnum Opus, 1962, oder Western Air, 1946–47, von Robert Motherwell), das mit vier „Klebestreifen“, ebenfalls in Paint erstellt, auf das mandarin-, minz-, schlumpf-, sand- oder pinkfarbene Papier „geklebt“ ist. Den oberen Bildteil füllen die entsprechenden Werkangaben, also Künstler, Titel und Jahr des betreffenden Referenzwerks, geschrieben in schwer leserlichen bubble ­style-Lettern, wie sie Breuer bereits in verschiedensten Kontexten verwendet hat. Ihr sattes Schwarz und der zeichentheoretisch mehr als schwammige Zustand einer Schrift, die den Anspruch hat, auch Bild zu sein, zeitigen den eigenartigen Effekt, dass der im Grunde schriftliche Kommentar das eigentliche Bild übertrumpft. Nicht zuletzt, weil die stark schematisiert dargestellten Werke im Pastell des Untergrunds leicht absaufen. 

Neben diesen gerahmten Werken ­finden sich dann auf einer Art „Plakette“ (die nun mit tatsächlichen Klebestreifen an der Wand befestigt ist) die eigentlichen Titel von Breuers eigenen Werken, aufgebaut nach dem immer gleichen Schema. Um noch einmal die Oehlen-Arbeit heranzuziehen: Oben links Milka und unten rechts ­Ritter Sport. Albert Oehlen. Born to be late, 2001 (alle undatiert). „Milka“ steht im breuerschen Zeichensystem für rechteckige Bild­inhalte (der in Versen verfasste Pressetext spricht von „Party-Inhalten“), „Ritter Sport“ für quadratische. Beide, nun ja, Kategorien gehen zurück auf Kippenbergers Bild Keine braune Schokolade (1994) hier ebenfalls „nachgemalt“ und von Breuer als Oben links Milka und unten rechts Ritter Sport. Martin Kippenberger. Political Corect III, Keine braune Schokolade beschrieben. Ist die Bildbe­schreibung in diesem (Meta-)Fall zutreffend, malte Kippenberger doch tatsächlich Schoko­ladentafeln, sind in anderen Fällen weder im schematischen „Painting“ noch im entsprechenden Original die behaupteten Quadrate oder Rechtecke zu finden. 

Wolfgang Breuer, Milka Ritter Sport (installation view), Kunsthalle Bern, 2016. Photo: Wolfgang Breuer. 

Wolfgang Breuer, Milka Ritter Sport (installation view), Kunsthalle Bern, 2016. Photo: Wolfgang Breuer

Dennoch: Viele Bilder von Kippen­berger, Robert Ryman, Julian Schnabel oder Blinky Palermo konnte Breuer in diesem Stile ordentlich verschubladen. Dabei dient die verspielte Anwendung willkürlicher Beschreibungselemente – neben den zwei Schokoformen gibt es noch die Kategorien „Becher“, einen aus einer Wasserturmfotografie von Bernd und Hilla Becher extra­hierten Kringel, und „Begrüßung des Publikums“, eine Flockenform, die aus einem nicht näher zu identifizierenden Bild Oehlens hervorging – eher einem Austesten möglicher Beschreibungsbestecke, mithilfe derer Bilder lesbar gemacht werden, statt einer zielführenden Bilderfassungspolitik. Zudem liegt Breuer offensichtlich – siehe das bereits genannte Beispiel Oehlen – nicht viel an Zugänglichkeit, sondern eher daran, in der Auseinandersetzung mit seinem Privatkanon (Oehlen, Kippenberger, die Bechers, Michael Krebber usf.) ein geschlossenes Kategoriensystem zu entwickeln, um dessen Unzulänglichkeiten und Unsinn produktiv zu machen. Der permanente Abgleich von Beschreibung und Bild, Bild und Referenzbild jedenfalls macht ziemlich Spaß, hat Breuer doch durch Weglassen, Verändern und Missverstehen zahlreiche Kalauer ein­gebaut: Die kleinen Flocken („Begrüßung des Publikums“) etwa sitzen nicht lange im Schema des Referenzbilds, sondern wandern in den ganzen Bildraum hinein. 

Im Untergeschoss ersetzt Breuer die Paint-Schemata der Referenzwerke durch Abbildungen von Blumenstillleben seit dem 17. Jahrhundert, denen er mit seinem Begriffsinstrumentarium zu Leibe rückt. Und gerade weil eine Auflösung in Quadrate und Rechtecke (oder eine der Schrift entlehnte Leserichtung von „links oben“ nach „rechts unten“) wie in Oben links Ritter Sport und unten rechts Ritter Sport. Jacob van ­Walscapelle. Flowers in a Glass Vase, um 1670 nicht greift, macht Breuer damit ostentativ Leseverfahren von Bildern zum Thema. Schließlich stellt die Bubble-Schrift die Frage nach Lesbarkeit ebenso wie das Cover der dritten Ausgabe des Eye Magazine, welches als einziges Nicht-Kunstwerk als Referenzmaterial für einen der Drucke herangezogen wurde (Begrenzung. Eye, No. 3, Vol. 1, Spring 1991). Kleiner Onlineabgleich: Die besagte Ausgabe dieses Magazins enthält eine Streitschrift, in der das Lesbarkeitsdogma funk­tionalistischer Typografie als unzeitgemäß verworfen wird – eindeutig die Blaupause für Breuers Zerlesen seines Kanons mittels Schokosystematik, welche ihre Referenz­bilder vermeintlich lesbar macht, während die schriftliche Bildinformation sich bis zur Unleserlichkeit aufbläst und ins Bild abrutscht. Wobei hinter dem elaborierten Witz vor allem eine grundsätzliche Aus­einandersetzung mit den kommunikativen Kanälen rund um Kunstwerke (Titelschild, Pressetext, Präsentation, Kommentar, ­Hermeneutik) durchblitzt, die hier eher Thema sind denn flankierendes Moment. 

Moritz Scheper is a writer and curator based in Essen, Germany, where he works as artistic director at Neuer Essener Kunstverein.

Issue 24

First published in Issue 24

Summer 2016

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