Erik Bünger

Lecture-Performance, Hollywoodkino und Geheimgesellschaften

third_man_grimmuseum.jpg

The Third Man, 2010, Performance

The Third Man, 2010, Performance

Erik Bünger teilzunehmen, fühlt sich ein wenig an wie eine Rückkehr in die Hörsäle der Universität. Nur, dass der junge Professor Bünger von allerlei Abseitigem erzählt: von den Partituren auf dem Klavier seines Vaters, von Exorzismus und Okkultismus, der Geschichte der Phonographen, von Orson Welles und Céline Dion. Irgendwie gelingt es ihm dabei wie durch einen magischen Trick, den Mund zu schließen, während seine Stimme nicht aufhört, uns mit größter Seriosität physikalische und akustische Phänomene zu erklären.

Die Werke Büngers existieren stets in zweierlei Form: als unabhängiger Film – geschnitten aus Archivmaterial – und als Performance für die der Künstler die Bühne betritt, um diese Filme „live“ mit einem Kommentar zu versehen, und so mit den projizierten Bildern zu interagieren. Seit Greil Marcus’ Buch Lipstick Traces. A Secret History of the 20th Century (1989; Lipstick Traces. Von Dada bis Punk. Eine geheime Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, 1996) ist bekannt, dass literarische Avantgarden, Popmusik und Religionsgeschichte frank und frei miteinander vermischt werden können. Bünger, der Komposition und Philosophie studierte, folgt diesem Pfad der „fröh­lichen Wissenschaft“ (ohne direkten Verweis auf Nietzsches gleichnamiges Traktat aus dem Jahr 1882) im Gegensatz zur „falschen Wissenschaft“ (der Kritiker, die zu viel Philosophie zitieren, ohne sie zu verstehen). Er verkettet in seinen Filmen und vor allem den Kommentaren dazu Hollywood-Kino mit Wissenschaftsgeschichte und Popmusik und zieht dabei noch nicht da gewesene Verbindungslinien. Kurz, er produziert ein „künstlerisches Wissen“, frei vom universi­tären Rahmen.

Büngers Ästhetik und Vorgehensweise werden vor allem im Video Gospels (2006) deutlich, einem Werk, für das er im Grunde genommen langweilige Interviews benutzt, die man auf Bonus-DVDs großer Filmproduktionen findet. Aus diesem found-footage montiert er diejenigen Momente, in denen Menschen leidenschaftlich und voller Bewunderung über andere sprechen. Da aber durch die Montage deren Namen herausgeschnitten sind, schließen wir auf etwas Abwesendes oder gar Übersinnliches. A Lecture on Schizophonia (Ein Vortrag über Schizophonie, 2007–9) wiederum verfolgt, wie die menschliche Stimme im Verlauf des 20. Jahrhunderts buchstäblich aus dem Körper „heraustrat“, um aufgenommen und von Maschinen gespielt zu werden – ein Prozess, der dem Wunderglauben Tür und Tor geöffnet hatte. Hier ist der Vortrag noch frei von autobiografischen Referenzen. Dagegen vermittelt uns Büngers letztes Werk The Third Man (Der dritte Mann, 2010) seine Kindheitserinnerungen in Schweden, erzählt von der Entdeckung einer Spieluhr oder dem Weihnachtsabend im Kreis der Familie, begleitet vom Musicalfilm The Sound of Music (Der Klang der Musik, 1965) im Fernsehen.

Es sind vor allem die Ritornelle des 20. Jahrhunderts, die in Büngers Arbeiten inspiziert werden: kurze Filmusikmelodien aus M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) oder aus The Night of The Hunter (Die Nacht des Jägers, 1955), die sich an uns hängen, und die wir nur einmal hören müssen, um ewig von ihnen verfolgt zu werden. Bünger gelingt es, uns mittels Schneidetechnik und mit seinen Kommentaren zum Material derart zu verwirren, dass man tatsächlich glauben kann, Unterhaltung und Techno­logie würden von geheimen Gesellschaften kontrolliert. Sie halten die Welt und unsere Erinnerungen mit Songs und Bildern im Griff, die wir nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Momentan arbeitet Bünger an seiner Austellung im Weserburg Museum Bremen aus Anlass der Verleihung des _ars viva_-Preises 2011 sowie an einem dritten Vortrag, der die beiden vorangegangenen zu einer Trilogie über Stimme, Wörter und Gesang erweitern soll. Er wurde auch von Heiner Goebbels kontaktiert und daraufhin vom Frankfurter Ensemble Modern mit einer Komposition beauftragt, die Anfang 2013 uraufgeführt werden soll, – eine Rückkehr zu seiner Herkunft als Komponist, selbstverständlich unter Einbeziehung künstlerischer Ansätze und seiner Recherchen zur Sprache.

Schlussendlich gibt es bei Bünger eine weitere diskrete, aber essentielle Dimension: den Humor. Die Verbindungen, die er zwischen Kylie Minogue und Zombies, zwischen populären Melodien und dem Rattenfänger von Hameln herstellt, sind nicht nur überraschend neu, sondern vor allem auch von hintergründigem Witz. Angesichts von Büngers Lecture-Performances mag man sich an den Kunstkritiker Jean-Yves Jouannais erinnert fühlen, der seit einigen Jahren im Centre Georges Pompidou in Paris seine Encyclopédie des Guerres (Enzyklopädie des Krieges) in einer Reihe von Vorträgen auf- und weiter ausführt. Jouannais präsentiert dort mündlich die Einträge einer Enzyklopädie, die er zu schreiben im Begriff ist, von der er aber weiß, dass sie niemals veröffentlicht werden wird. Bünger nimmt eine ganz ähnliche Haltung ein. Auch er erneuert die Ästhetik der Performance, indem er sein Spiel mit dem universitären Kanon treibt – spektakulärer als eine PowerPoint-Präsentation und wohl weniger langweilig als eine übliche Vorlesung.

Thibaut de Ruyter ist Kritiker und Kurator. Er lebt in Berlin.

Ausgabe 5

First published in Ausgabe 5

Sommer 2012

Most Read

Royal bodies, the ‘incel’ mindset and those Childish Gambino hot-takes: what to read this weekend
In further news: women wearing rainbow badges beaten in Beijing’s 798; gallerists Georg Kargl and Richard Gray have...
‘Coping as a woman in France is a daily battle: the aggression can be subtle, and you always have to push harder to...
The rapper and artist have thoughts about originality in art; Melania Trump tries graphic design – all the latest...
The dilapidated Nissen hut from which Rachel Whiteread will take a cast
Yorkshire residents complain that the concrete sculpture of a ‘Nissen hut’ will attract excrement, vandalism and litter
Poul Erik Tøjner pays tribute to Denmark’s most important artist since Asger Jorn
Toyin Ojih Odutola’s portraits of a fictional aristocratic Nigerian family push toward an expanded definition...
Photographer Dragana Jurisic says her account was deactivated after she uploaded an artwork depicting a partially naked...
In further news: open letter protests all-male shortlist for BelgianArtPrize; Arts Council of Ireland issues...
From Sol Calero’s playful clichés of Latin America to an homage to British modernist architect Alison Smithson
Everybody’s favourite underpaid, over-educated, raven-haired art critic, Rhonda Lieberman, is as relevant as ever
‘Prize & Prejudice’ at London's UCL Art Museum is a bittersweet celebration of female talent
The curators want to rectify the biennale’s ‘failure to question the hetero-normative production of space’; ‘poppers...
A fragment of the brutalist Robin Hood Gardens will go on show at the Venice Architecture Biennale
‘Women's role in shaping the history of contemporary art is being reappraised’
Three shows in Ireland celebrate the legendary polymath, artist and author of Inside the White Cube
The legendary performance artists will partner up again to detail their tumultuous relationship in a new book
An open letter signed by over 100 leading artists including 15 Turner prize-winners says that new UK education policy...
Naturists triumph at art gallery; soothing students with colouring books; Kanye’s architectural firm: your dose of art...
Avengers: Infinity War confirms the domination of mass culture by the franchise: what ever happened to narrative...
The agency’s founder talks about warfare in the age of post truth, deconstructing images and holding states and...
From hobnobbing with Oprah to championing new art centres, millennial crown prince Mohammed bin Salman is following a...
A juror for the award last year, Dan Fox on why the Turner Prize is and always will be political (whatever that means)
The argument that ancestral connection offers a natural grasp of the complex histories and aesthetics of African art is...
One of most iconic and controversial writers of the past 40 years, Tom Wolfe discusses writing, art and intellectual...

Latest Magazines

frieze magazine

March 2018

frieze magazine

April 2018

frieze magazine

May 2018