Kalifornication

Von Deutschland in die südkalifornischen Wüsten und schließlich in die Gegenkultur der 1960er Jahre: Die ungewöhnliche Geschichte der LA Nature Boys und ihrer Ideen

William Pester vor seiner Hütte in Palm Canyon, Palm Springs California, 1917 (courtesy: Palm Springs Art Museum, Photograph: Stephen H. Willard)

Ein Foto, aufgenommen in Palm Springs, Kalifornien: darauf ein langhaariger, bärtiger Mann. Er sitzt auf einem Baumstumpf und spielt seine Slide-Gitarre. Um die Hüften trägt er ein lose geschwungenes Tuch. Er ist barfuß. Im Hintergrund erkennt man eine einfache, mit Palmwedeln gedeckte und sichtbar selbstgebaute Hütte. Der Mann heißt William Pester. Schon seit vielen Jahren lebt er in der Wüste, macht sich seine Sandalen selbst und ernährt sich vorwiegend von rohem Obst und Gemüse. Man möchte diese Fotografie auf das Jahr 1968 datieren. Doch weit gefehlt. Wir befinden uns im Jahr 1917. Und Pester ist Deutscher.

Pester, genannt der „Eremit von Palm Springs“, floh 1906 vor dem Wehrdienst aus Deutschland in die USA. Er ließ sich zunächst in Palm Canyon nieder, wenige Autostunden östlich von Los Angeles. Dort unternahm er lange einsame Wanderungen durch die versengten San Jacinto Mountains; am Straßenrand verkaufte er selbstgemachte Postkarten mit Gesundheitsratschlägen im Geiste der deutschen Lebensreform-Bewegung, die im späten 19. Jahrhundert die Rückkehr zur Natur durch vegetarisches Essen, Naturheilverfahren und Freikörperkultur propagierte.

In den 1930er Jahren begegnete Pester bei einer dieser Wanderungen im Tahquitz Canyon eden ahbez. Überzeugt, einen Geistesverwandten getroffen zu haben, nahm er sich als Mentor des Jüngeren an. ahbez, der sein Pseudonym stets klein schrieb, da er der Überzeugung war, nur die Wörter „Gott“ und „Unendlichkeit“ hätten es verdient, groß geschrieben zu werden, war in eine verarmte Großfamilie in Brooklyn hinein geboren worden. Dank einer Landverschickungs-Aktion der _Orphan-Train_-Bewegung landete er schließlich bei Pflegeeltern im Mittleren Westen. Bevor er sich in Kalifornien niederließ, war er bereits auf den Geschmack der Freiheit und eines ungewöhnlichen Lebensstils gekommen: Schon acht Mal hatte er zu diesem Zeitpunkt das Land zu Fuß durchquert – zumindest behauptete er das.

Neben den Prinzipien der Lebensreform-Bewegung fielen auch andere Ideen aus dem deutschsprachigen Raum im Süden Kaliforniens auf fruchtbaren Boden. Sexauer’s Natural Foods in Santa Barbara, der Laden des deutschen Einwanderers Hermann Sexauer, und das Eutropheon, eine von John und Vera Richter 1917 gegründete Rohkost-Cafeteria in Los Angeles, waren Orte, an denen radikale Ideen aus Europa in den USA Fuß fassen konnten. Die Szenen, die sich um solche Läden herum bildeten, teilten nicht nur Ernährungsgewohnheiten, sondern auch ein Interesse an alternativer Medizin und alternativen Lebensformen. Man las Bücher über Naturheilkunde und Heilpraktik von deutschen Autoren wie Arnold Ehret – der, bevor er 1914 nach Los Angeles gekommen war, das Sanatorium der Reformgemeinschaft im schweizerischen Monte Verità geleitet hatte –, Louis Kuhne, genannt der „Vater des Sitzreibebads“ (eine Form des Entgiftungsbades) oder Adolf Just, dem Begründer der Vegetarier- und Nudistenkolonie Jungborn und Autor von Publikationen wie Kehrt zur Natur zurück! Die wahre naturgemäße Heil- und Lebensweise. Wasser, Licht, Luft, Erde, Früchte und wirkliches Christentum (1895). All diese Autoren vertraten Ideale und Ideen, die über einen Zeitraum von fast hundert Jahren von Deutschland aus in die Wüsten und winzigen Naturkostläden Südkaliforniens wanderten. Am Ende sollten sie den Geist der Gegenkultur der 1960er Jahre entscheidend prägen.

Eine Gruppe ‘Nature Boys’ einschließlich eden ahbez (vordere Reihe, zweiter von links) und Gypsy Boots (hintere Reihe, ganz links), 1948 (courtesy: The Estate of Gypsy Boots)

Das Interesse an alternativen Lebensformen hatte Züge religiöser Eiferei. John Richter hielt im Eutropheon regelmäßig Vorträge über die Vorzüge von Rohkost und einer natürlichen Lebensweise, seine Frau Vera verfasste Kochbücher wie Mrs. Richter’s Cook-Less Book with Scientific Food Chart (1925), in denen sie den angeblich zu Gewalttätigkeit führenden Verzehr von gekochtem Tierfleisch verdammt und stattdessen über das Brotbacken an der Sonne und „Suppen für Zahnlose“ referiert. Auch eden abhez verkehrte im Eutropheon. Wenn er nicht gerade in der Wüste unterwegs war, arbeitete er dort von Zeit zu Zeit als Pianist – und lernte dabei eine Gruppe gleichgesinnter junger Männer kennen. Sie alle trugen wie er lange Haare und Bärte, waren Vegetarier und beschäftigten sich mit fernöstlicher Mystik. Sie verbrachten viel Zeit in der Natur, schliefen unter freiem Himmel und zogen halb nackt durch die Gegend, immer auf der Suche nach Essbarem. In der Stadt nannte man sie bald die „Nature Boys“.

Von dieser losen Gemeinschaft von Proto-Hippies ist nicht viel mehr zu finden als ein paar vage Andeutungen – Jack Kerouac beispielsweise erwähnt in On the Road von 1957, er habe „gelegentlich einen Heiligen der Nature Boys“ in Los Angeles gesehen – oder vereinzelte Fotos. Darauf sind einige der Nature Boys zu sehen, wie sie in einem Canyon Wassermelonen essen oder auf der Straße Musik machen, mit nacktem Oberkörper und großer Hingabe. ahbez aber kam schließlich auf ganz ungewöhnliche Weise zu einem gewissen Ruhm. Sein von Nat King Cole interpretierter Song Nature Boy stand 1948 für acht Wochen auf Platz eins der amerikanischen Charts. (ahbez soll die Noten Coles Manager gegeben haben, und dieser habe schließlich das Potenzial der ungewöhnlichen Melodie und des schwermütigen Texts erkannt – inzwischen ist der Song zu einem Jazz-Standard geworden.) Manche glauben, ahbez habe sich für den von ihm besungenen Nature Boy von seinem deutschen Freund, dem Wüsten­bewohner William Pester inspirieren lassen. Der Text beginnt mit den Versen: There was a boy / A very strange enchanted boy / They say he wandered very far, very far / Over land and sea / A little shy / And sad of eye / but very wise was he. Für die Medien war ahbez ein gefundenes Fressen. Zur Hochzeit des Erfolges seines Songs ließ er sich von landesweiten Zeitschriften interviewen und – mit Kutte und Sandalen Jesus gleich bekleidet – fotogra­fieren. Auch wenn er noch jahrelang als Musiker aktiv war und Platten aufnahm, verschwand er doch schnell wieder aus dem Rampenlicht und kehrte zu seinem einfachen Leben in den Bergen im Hinterland von Los Angeles zurück.

eden ahbez vor einem Poster für die Nat King Cole Version seines Songs Nature Boy, 1948 (courtesy: Time Life Pictures & Getty Images, fotografie: Peter Stackpole)

Wie im Fall von ahbez und seinem Mentor Pester hatte auch Gypsy Boots, ein weiterer bekannter Nature Boy, von der Begegnung mit einem deutschen Einwanderer profitiert: Maximilian Sikinger. Sikinger war 1935 in die USA gekommen und hatte sich als Eisenbahn-Tramp bis nach Kalifornien durchgeschlagen. Bereits in Deutschland hatte er sich mit Naturheilkunde, Ernährungsfragen und dem Leben in freier Natur beschäftigt. Sikinger und Boots (mit bürgerlichem Namen Robert Bootzin) lernten sich in San Francisco kennen. Der ältere Sickinger nahm den Jüngeren unter seine Fittiche und lehrte ihm so manche Weisheit der Lebensreform-Bewegung. In den 1940er Jahren schlossen die beiden sich den lose organisierten Nature Boys an. Zu dieser Zeit erschien auch ein Pamphlet Sikingers für Rohkost und Meditation, das eine Auflage von mehreren Tausend erreichte. 1958 schließlich eröffnete Boots, der später zum bekanntesten Nature Boy avancieren sollte, die erfolgreiche Health Hut in Hollywood. Noch zu Beginn der 1960er war Boots regelmäßig in der Fernsehsendung The Steve Allen Show zu sehen. Er schwang sich an einem Seil auf die Bühne, schluckte Biosäfte und machte mit dem Showmaster Gymnastikübungen. Gegen Ende des Jahrzehnts war der beliebte Exzentriker schließlich zu einem allseits bekannten „Ur-Hippie“ geworden, der sich mit weit mehr als einer psychedelischen Band auf die Bühne stellte und den Staffelstab an eine neue Generation weitergab – eine Generation, die sich ebenfalls auf die Suche nach neuen Lebensformen begeben hatte.

Es ist kein Wunder, dass gerade Süd­kalifornien frühe Anhänger der Rohkost und eines Lebens unter freiem Himmel anzog – wo hätte man Freikörperkultur und Sonnenkult besser praktizieren und sich noch dazu das ganze Jahr über von frischem Obst und Gemüse ernähren können? Bereits ab den 1870er Jahren war die Gegend bekannt für ihr gesundes, trockenes Klima. Damals kamen die ersten Tuberkulosepatienten, um sich Sonnen- und Mineralwasserkuren zu unterziehen. Als westlichster und so weit wie möglich von Europa entfernter Punkt war Kalifornien lange Zeit ein mythischer Ort für alle, die verknöcherten Traditionen entkommen und ein neues Leben beginnen wollten.

Rudolf von Laban und seine Tänzerinnen Ascona, 1914 (courtesy: © 2013 Kunsthaus Zürich, Nachlass Suzanne Perrottet, fotografie: Johann Adam Meisenbach)

Doch warum und wie hatten die alternativen Lebensentwürfe besagter Einwanderer gerade in Deutschland einen derartigen Erfolg? Die Forderung „Zurück zur Natur!“ wurde im 19. Jahrhundert von vielen vertreten (etwa Henry David Thoreau, Walt Whitman, Leo Tolstoi oder George Bernhard Shaw), doch es war in Deutschland – jenem Land, in dem die Industrialisierung und Verstädterung im europäischen Vergleich am extremsten verlaufen war –, wo dieser Gedanke zu besonderer Prominenz gelangen sollte. Um 1910 gab es in Deutschland mehr Großstädte als im gesamten Rest Europas zusammen. „Der eiserne Käfig wog in Deutschland am schwersten“, schreibt der Historiker Michael Green, „und so war dort auch der Kampf dagegen am heftigsten.“1 Diese Auflehnung konnte ganz verschiedene Formen annehmen und wurde von unterschiedlichsten Akteuren vorangetrieben. Doch es waren ganz bestimmte, besonders auffällige Strömungen, Orte oder Personen, die für die Übertragung dieser Ideen in den Süden Kaliforniens eine besondere Bedeutung erlangen sollten.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wuchs die Lebensreform-Bewegung in Deutschland rapide. Ihre Anhänger, so der Historiker Michael Hau, „waren der Auffassung, die moderne Zivilisation, Verstädterung und Industrialisierung habe die Menschen ihrer ‚natürlichen‘ Lebensbedingungen entfremdet und zu einem Prozess des fortschreitenden Verfalls geführt, der nur durch ein Leben in Einklang mit der Natur des Menschen umgekehrt werden konnte.“2

Eine der berühmtesten Reform-Kolonien, die diese Ideen vertraten, lag auf dem Monte Verità in der Nähe des Schweizer Lago Maggiore. Im losen Zusammenschluss aus Anarchisten, Tänzern, Künstlern, asketischen Anhängern Tolstois, Wanderern, Heilern und Schriftstellern hielt man sich dort eine Zeitlang auf, begrüßte morgens nackt die Sonne, lauschte theosophischen Vorträgen oder lebte einfach nur in einer Hütte im Wald. Der Monte Verità zog viele Neugierige an und unter den Gästen befand sich auch eine Reihe bekannter Persönlichkeiten, Isadora Duncan beispielsweise, C. G. Jung, Alexej Jawlensky oder H. G. Wells. Eines der Gründungsmitglieder, der 1879 im siebenbürgischen Kronstadt geborene Gusto Gräser, zog bärtig und frohgemut mit seiner Familie in einem mit philosophischen Sprüchen bemalten Wohnwagen durch Europa, verbreitete seine Lehren und verschenkte Gedichte oder Grashalme. Immer wieder wurde er wegen der Verbreitung gefährlichen Gedankenguts inhaftiert. Hermann Hesse traf Gräser auf dem Monte Verità und fand in ihm eine spirituelle Leit­figur. Man kann davon ausgehen, dass Hesse einige seiner Romanfiguren anhand von Gräsers recht unkonventionellen Vorstellungen entworfen hat. Die Schriften Hesses sind ein weiteres Bindeglied, das Deutschland mit der amerikanischen Gegenkultur der 1960er Jahre verbindet. Seine Suche nach Alternativen zur Kultur westlicher Prägung führte ihn bis nach Indien – Erfahrungen, die Eingang in seinen Roman Siddhartha (1922) finden sollten, ein Buch, das mehr als vier Jahrzehnte später zur Pflichtlektüre der Hippie-Generation avancierte.

Gypsy Boots einen Elefanten reitend, nicht datiert (courtesy: Los Angeles Public Library Photo Collection)

Zeitgleich mit der Ausbreitung der Lebensreform-Bewegung entstand in Deutschland der Wandervogel. Ins Leben gerufen Ende des 19. Jahrhunderts und als Verein 1901 von einer kleinen Gruppe von Jugendlichen gegründet, die begonnen hatte, Naturwanderungen und Bergtouren zu organisieren, zählte die Bewegung nach nur 13 Jahren bereits 50.000 Mitglieder – vorwiegend Schüler aus ganz Deutschland. Sie entwickelten eine Kultur, die in deut­lichem Widerspruch zum steifen Habitus ihrer Eltern stand. Die Wandervögel trugen zerschlissene, lockere Kleider, Umhänge, romantische Krägen und bunte Tücher; aus Wanderungen wurden oft lange Fahrten mit Übernachtungen, bei denen sie in „Nestern“ genannten Vereinsheimen unterkommen konnten. Die Wandervögel musizierten am Lagerfeuer, erzählten sich Geschichten aus dem Mittelalter und verabscheuten die Erwachsenenwelt von Schulpflicht und Plackerei. In einem 1913 erschienenen Artikel in der Zeitschrift Wandervogel heißt es: „Unser Volk brauch ganze Menschen, keine Bruchstücke wie Notare, Parteigänger, Gelehrte, Beamte und Höflinge.“3

Wie und wo die Auffassungen der Wandervogel-Bewegung und all der zahlreichen ähnlichen Gruppen, die damals in Deutschland aktiv waren, in den anti-bürgerlichen Bewegungen der 1960er Jahre ihren Widerhall fanden, ist relativ klar zu erkennen. Doch ihr Wirken zeitigte noch in einer ganz anderen Richtung Effekte. Die Nazis waren sich der Stärke und Popularität dieser Jugendbewegung wohl bewusst. Sie verboten den Wandervogel 1933 mit dem Ziel, die gesamte deutsche Jugend unter die Fahne der Hitlerjugend zu versammeln. Nach nur wenigen Jahren waren an die Stelle des gemeinschaftlichen Wanderns militärische Lager und Märsche getreten.

Teile der Lebensreform-Bewegung arbeiteten der rassistischen Ausrichtung des Nationalsozialismus zu. Einige Lebensreformer sahen in der Gesundheit des individuellen Körpers die Voraussetzung für Volksgesundheit und die Stärke der Nation. Der Historiker Christian Adam hat gezeigt, dass beispielsweise Hans Suréns Mensch und Sonne – Arisch-olympischer Geist (1936) – ein Fotoband mit nackten Menschen in freier Natur, begleitet von Texten, in denen für Nacktwandern, Schlammbäder und Yoga geworben wird – im Dritten Reich eines der erfolgreichsten Bücher war.4 In Bildern wie den dort abgebildeten stecke, so Adam, nicht nur „das Versprechen von Befreiung. Sondern immer auch der Zuchtgedanke: der Körper als Zuchtmaterial, der richtig trainiert und gefüttert werden muss, wie zum Beispiel ein Reitpferd auch“.5 Zuvor hatte schon Richard Ungewitter, ein Vorkämpfer der FKK-Bewegung, die Rückkehr der deutschen Kultur zur primitiven Einfachheit des vorchristlichen Stammeslebens gefordert und in hitzigen, weit verbreiteten Traktaten für Freikörperkultur, vegetarische Ernährung und rassische Reinheit geworben. Für den Verlust der arischen Vorherrschaft machte er den Kapitalismus, den Sozialismus und das unnötige Tragen von Kleidung verantwortlich.

Gerhard Riebicke 5 Männer mit Medizinball, c.1925 (courtesy: © Bodo Niemann, Berlin & picture perfect GbR)

ahbez’ erfolgreicher Song Nature Boy wurde 1948 zum zentralen Lied des Soundtracks für den pazifistischen Film The Boy with the Green Hair. Der Film erzählt die Geschichte eines Jungen, der auf mysteriöse Art und Weise grasgrüne Haare bekommt, als er davon erfährt, dass er Kriegswaise ist. Verstoßen von den engstirnigen Bewohnern seiner amerikanischen Heimatstadt, trifft er in einer Vision eine Gruppe von anderen Kriegswaisen im Wald. Seine grünen Haare, so erklären sie ihm, seien ein Symbol für die menschlichen Kosten, die der Krieg fordert. Tatsächlich kündigte sich 1948 bereits der nächste Krieg an, diesmal verbunden mit der Angst vor atomarer Verwüstung. Die leidenschaftlichen Schlussverse von abhez’ Song: the greatest thing you’ll ever learn / is just to love and be loved in return, also „das Größte, was du lernen wirst / ist einfach nur zu lieben und geliebt zu werden“, stellen dem Krieg die Liebe gegenüber – eine fast naiv anmutende Dichotomie, die in den 1960er Jahren als Bekenntnis der Antikriegsbewegung wieder auftauchen sollte.

Der Film kam zu einer Zeit heraus, zu der in den USA die Unterstützung des Kalten Krieges und die paranoide Angst vor vermeintlichen Sympathisanten des Kommunismus wuchsen. RKO Pictures kaufte, noch bevor der Film in die Kinos kam, die Rechte an The Boy with Green Hair. Die Firma wollte bestimmte Passagen der Dialoge dahingehend ändern, dass sie – statt den Krieg zu verurteilen – viel eher auf ihn vorbereiten sollten. Die Veränderungen am Drehbuch hätten allerdings so stark in die Handlung eingegriffen, dass man am Ende darauf verzichtete. Der Regisseur des Films aber, Joseph Losey, geriet nur wenig später auf die Schwarze Liste vermeintlicher Kommunisten.

Dass man das Eintreten für Frieden und Toleranz als „unamerikanisch“ brandmarken konnte – ähnlich wie ein gutes Jahrzehnt zuvor das Streben nach einem natürlichen Leben von den deutschen Faschisten verfälscht worden war – zeigt wieder einmal deutlich, wie Idealismus verbogen wird, um den aktuellen Macht­interessen zu dienen. Und so entwickelten sich die in beiden Ländern – Deutschland wie den USA – gehegten Wünsche nach einem einfachen, gesunden Leben im Einklang mit der Natur in ganz unter­schiedliche Richtungen.
Übersetzt von Michael Müller

Lyra Kilston ist Schriftstellerin. Sie lebt in Los Angeles.

1 Martin Green, Mountain of Truth: The Counterculture Begins, Ascona, 1900-1920, Boston, Tufts University, University Press of New England Hanover and London, 1986, S. 59
2 Michael Hau, The Cult of Health and Beauty in Germany: A Social History, 1890–1930, Chicago, University of Chicago Press, 2003
3 Richard Miller, Bohemia: The Protoculture Then and Now, Chicago: Nelson Hall, 1977, S. 148, eigene Hervorhebung
4 Surén trat 1933 in die NSDAP ein. Er überarbeitete sein Buch mehrfach, um es stärker in Einklang mit der Ideologie des Dritten Reiches zu bringen. Siehe Karl Toepfer, Empire of Ecstasy: Nudity and Movement in German Body Culture 1910-1935, Berkeley, University of California Press, 1997, S. 33
5 Interview mit Christian Adam, Körperschau mit Nacktmodellen, spiegel.de, 14. Juni 2011

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