Anita Leisz

Meyer Kainer, Wien

Anita Leisz, Untitled (installation view), 2016. Foto: Tina Herzl. Courtesy: Galerie Meyer Kainer, Wien. 

Anita Leisz, Untitled (installation view), 2016. Foto: Tina Herzl. Courtesy: Galerie Meyer Kainer, Wien

Die Arbeiten von Anita Leisz zu beschreiben, ist kein leichtes Unterfangen. Ihre mini­malistisch anmutenden Skulpturen und Bildobjekte wirken unzugänglich und hermetisch, ja, man könnte ihren Ansatz aufgrund bestimmter formaler Setzungen – die ­„Reinheit der Form“ beispielsweise – und Referenzen an Werke der klassischen Minimal Art und der Konkreten Kunst für unzeitgemäß halten. Lediglich neun Arbeiten – alle Ohne Titel, 2016 – sind bei Meyer Kainer zu sehen: allesamt scheinbar einfach konstruierte, an der Wand angebrachte Objekte, von denen fünf aufgrund ihrer Formate und der Art ihrer Präsentation mehr oder weniger stark an „Bilder” erinnern. Sie bestehen hauptsächlich aus grauweißen, industriell hergestellten Gipsfaserplatten, deren monochrome, an Beton erinnernde Oberflächen Spuren von Bearbeitung aufweisen: Kratzer, Schlieren, kleine Kerben; an einer Stelle ist der Abdruck eines Schuhs zu sehen.

Im fensterlosen White Cube des Hauptausstellungsraums sind neben einer großen, aus vier länglichen Plattenteilen zusammengesetzten Arbeit zwei dieser „Bild“-Objekte und zwei weitere, an einfache Wandregale erinnernde Arbeiten jeweils leicht versetzt zueinander an allen vier Wänden angebracht. Die beiden Regalobjekte wirken auf den ersten Blick beinahe identisch, unterscheiden sich jedoch – ebenso wie die zwei weiteren, die im Boltensternraum im Obergeschoss installiert sind – minimal im Format. Zwei weitere Arbeiten im Eingangsbereich und im Mezzanin wirken im Vergleich dazu fast bildhaft verspielt: Bei beiden ist an der Vorderseite eine Glasplatte angebracht; während auf die eine zwei schwarze Punkte aufgesprüht sind, ist in die Oberfläche der anderen in der Mitte eine dünne, V-förmige Zinnstange eingelassen, die wie eine Antenne schräg über den oberen Rand hinausragt.

 

Anita Leisz, Untitled (installation view), 2016. Foto: Tina Herzl. Courtesy: Meyer Kainer, Wien.

Anita Leisz, Untitled (installation view), 2016. Foto: Tina Herzl. Courtesy: Meyer Kainer, Wien

In ihrer Offenheit bieten Leisz’ Werke die perfekte Projektionsfläche: Man schreibt allen Details – Proportionen, Formaten, ­Produktionsspuren usw. – eine Bedeutung zu. Eben einfach deshalb, weil da sonst nicht viel ist. Mal erinnern die Werke an Fertigbaumodule, Architekturelemente oder Möbelteile, aber auch an monochrome Malerei und – eher entfernt – an zeitgenössische Bildhauerei, an Arbeiten von Manfred Pernice beispielsweise, von Heimo Zobernig oder Michael Dean. Gleicht man Leisz’ ­Praxis – naheliegender Referenzpunkt – mit der Minimal Art ab, so zeigt sie sich im Detail geradezu als Summe der Abweichungen jenes Ansatzes, den Donald Judd in dem kanonischem Text Specific Objects (1965) beschreibt: Die Objekte sehen zwar ein ­bisschen so aus wie bei Judd, sind aber eben gerade nicht industriell angefertigt, sondern aufwändig und von Hand aus vorpro­duzierten Materialien gebaut. Diese Art Umkehrung der damaligen Prinzipien vermag es heute sicherlich, einen spezifischen Appeal zu erzeugen. Wäre das aber schon alles, so hätte man es nur mit einer Art „Manufactum-Effekt” zu tun. Im Gegensatz zur programmatischen Abgrenzung von Skulptur und Malerei, die Judd in seinem Essay behauptet, verbinden Leisz’ Objekte zudem beide Disziplinen und oszillieren je nach Perspektive zwischen ihnen. Auch die Bedeutung von Proportion in Bezug auf Mensch, Raum, Skulptur (bzw. „Object“) kann beim Umgang mit Leisz’ Arbeiten bzw. den jeweils spezifischen Raum- oder Aus­stellungssituationen nicht mehr in dieser Form als Maßstab gelten.

Leisz’ Objekte mögen in ihrem Vokabular also durchaus vertraut wirken – dennoch aber ist auffällig, wie fremd sie gerade in ­dieser Vertrautheit doch erscheinen: bekannt in Formensprache, Aufbau und Anordnung, aber eben trotzdem um eine schwer zu fassende Konsequenz und Ernsthaftigkeit ­reicher, die sie von den meisten zeitgenössischen Minimal-Variationen abhebt. Daher rührt auch die getragene, beinahe sakrale Stimmung, die in der Ausstellung herrscht. 

Beim Betrachter treten spätestens hier aber ganz andere Fragen in den Vordergrund: Warum macht man heute so etwas auf diese Art? Und wer macht das? Wie ist die drauf? Dabei operiert man dann aber ein­deutig mit einer zeitgenössischen, pop-geprägten Wahrnehmung, die mit den Ideen von Konzeptkunst und Minimal Art zu ­Autorin und Werk nicht mehr zur Deckung zu bringen ist. Leisz selbst benutzt in einem Interview von 1998 in Bezug auf eine frühe Arbeit den Ausdruck „eine Geschichte bauen“. Auch die Objekte bei Meyer Kainer sind sehr „gebaut“ – ganz so, als könnte man aus Gipsfaserplatten nicht nur eine Form bauen, sondern durch entschiedene Bear­beitung und formale Präzision auch eine Aufladung mit Intensität, Persönlichkeit und Widersprüchlichkeit mit „einbauen“ – eine extremistische Variante Konkreter Kunst.

Issue 24

First published in Issue 24

Summer 2016

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