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Benjamin Hirte

Scharnier und Schablone

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untitled (A), 2015, verschiedene Materialien, 103  × 150  × 3  cm

untitled (A), 2015, verschiedene Materialien, 103  × 150  × 3  cm

Über die Kunst Benjamin Hirtes habe ich vor zwei Jahren schon einmal geschrieben. Seinerzeit hatte ich versucht, Hirtes Werke (und die anderer Wiener Künstler) im Rahmen eines Textes mit dem sprechenden Titel Vienna Interiorism (frieze d/e Nr. 12, Winter 2013/14) in einer Art Heimo-Zobernig-Franz-West-Wiener-Werkstätten-Kontinuum zu verorten – dem langen Atem einer Lokalkunstgeschichte, die verbunden ist mit einem gesteigerten Interesse an Einrichtungsthemen und dem Prinzip des Angewandten. Arbeiten wie untitled (stool) (2010), ein aus zwei Stühlen mit zugeschnittener Ant-Chair-Sitzfläche zusammengebauter Hocker, schienen das für mich eindeutig zu belegen. Auch wenn das nicht völlig falsch war, so greift es, von heute aus gesehen – zumal mit Blick auf vieles, was Hirte seitdem gemacht hat – doch viel zu kurz. Vielleicht ist das in der Rückschau aber ja normal: Bedeutungen werden angeheftet und rutschen wieder ab, sie werden an Objekte gebunden und dann wieder losgeschnitten. Im Fall Hirtes aber geht das weiter.

Denn ein Großteil seines Outputs scheint einen radikal reflektierten Umgang mit dem Prinzip der Bedeutung (und besonders auch deren Entzug) selbst zu pflegen. Man könnte auch sagen: Die Beschäftigung mit Einrichtung und Angewandtem ist vom Möbelhaus in den Baumarkt abgewandert. Statt auf thematische oder stilistisch kohärent zusammenmontierte Bedeutungssysteme (gleich ob aus dem Register namens „Kunst“ oder dem des „Designs“) setzt Hirte hier auf einzelne, minimale, oftmals isolierte Elemente – Buchstaben und Zeichen, Fragmente und Bauteile. Vollständigkeit suggerierende Reihen werden nur bruchstückhaft in einzelnen Instanzen aus-geführt, beispielsweise bei den Wandarbeiten untitled (O), …(I) und …(A), alle 2015: unter Verwendung nur eines kreisrunden Lochs ausgestanzte und fast nicht dechiffrierbare Elemente eines Alphabets, Buchstaben aus Gummi, aufgezogen auf Aluminium­platten, die bedruckt sind mit langen Zahlen- und Buchstabenreihen, den Artefakten der Buchstabenschnittdatei. Oder aber: Simple Alltagsgegenstände werden ihrer ursprüng­lichen, zweckgebundenen Bedeutung entkleidet und in Form massiv vergrößerter Aluminiumversionen zu ebenso abstrakten wie fast schon verlorenen, comic-haften Gegenständen, etwa bei dem Schlüsselring untitled (circlip) (2015) oder dem riesen­-haften Öffnungsclip einer Getränkedose, den Hirte für seine kommende Ausstellung im MMK Zollamt in Frankfurt a.M. plant. Baumarkt ja, aber mit den Augen von Claes Oldenburg.

Auf der Materialebene wird auffällig oft mit standardisierten (nicht selten abgeformten oder rudimentär um-, aber eben nicht vollständig weiterverarbeiteten) Werkstoffen hantiert: doppelwandige Isolier­platten aus Aluminium mit schwarzer Gummi­füllung beispielsweise, die, zu so etwas wie halboffenen Boxen gebogen, 2014 als vermeintlich stapelbare, unbetitelte Kunstwerke in einer ebenfalls unbetitelten Einzelausstellung in der Wiener Galerie Emanuel Layr herumstanden; oder jenes supersimple Strap band, ein (hier riesengroß aus Aluminium geschnittenes) Metallband mit runden Löchern, durch das man für gewöhnlich Nägel oder Schrauben treibt, um Dinge, beispielsweise Möbel, an der Wand zu befestigen. 2015 wurde es – mit einem seltsamen Knick in der Mitte und seiner Funktion entbunden – selbst zu dem Gegenstand, der an der Wand von Picnic Picnic in Sheffield befestigt war.

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untitled (tags), 2014, Spannplatten, Zement, Maße variabel, Installationsansicht Galerie Emanuel Layr

untitled (tags), 2014, Spannplatten, Zement, Maße variabel, Installationsansicht Galerie Emanuel Layr

Dieses Strap band sagt viel über den Ansatz Hirtes: Objekte werden weniger eingehegt und eingefangen in Bedeutungen; sie funktionieren eher selbst wie eine Sprache – über Koppelungen, über Verbindungen. Gleichzeitig aber sind sie analog, gehorchen also nicht völlig der digitalen Struktur eines beliebig rekombinierbaren Sets abstrakter Elemente. Strap band signifiziert selbst Verbindbarkeit, die Möglichkeit einer Befestigung von etwas (Bedeutung) an etwas anderem (Träger). Die Möglichkeit, Dinge zusammenzubringen (und sie auch zusammenzuhalten). Aber dies geschieht um den Preis, dass sich die Elemente dazu in die Abstraktion eines seltsam verlorenen und gerade unverbundenen Elements verabschieden. Es ist dieser Zwiespalt, aus dem eine gewisse traurig-komische, stumpfe Einsamkeit dieser Objekte rührt.

Konkrete Vereinzelung und Übertreibung für sich genommen wenig aussage­kräftiger Gegenstände bei gleichzeitigem Hindeuten auf flexible, geradezu promiske Verbindbarkeit: Dieses Vexierspiel ist vielen Arbeiten Hirtes eigen. Zum Beispiel: die unglaublich simplen Objekte namens untitled (hinge series) (2014) – Scharniere, mit Alu­miniumplatten dran, aus denen dann und wann mal ein Loch ausgestanzt ist. Funktionale Objekte ohne Funktion, dafür aber mit Bedeutung: Das ist ein Scharnier. Gemeint ist ein Link. Oder aber, letztes Beispiel: die Arbeiten, die unter dem Titel untitled (tags) (2014) zusammengefasst sind – Platten, die an der Wand lehnen oder aus ihr herausstehen. Überall finden sich auf diesen mit Beton bestrichenen Sperrholzplatten seltsame cut outs, kleine Löcher, größere Ovale, manche von ihnen scheinen sich zu Comic-Gesichtern zusammenzusetzen. In Wahrheit handelt es sich bei diesen nicht leicht dechiffrierbaren (und seltsam zwischen Bild und Skulptur angesiedelten) Gegenständen um extrem vergrößerte „Tags“, also Schilder, genauer: um jene Kartonteile, auf die Waren gebunden werden. Normalerweise tragen diese Kartonagen die Produktinformationen, Anleitungen, Materialien (kurz: die „Werkangaben“ der Ware); gleichzeitig handelt es sich hier auch um eine Art Display. In Hirtes vergrößerten Versionen gibt es weder Informationen noch angeheftete Ware. Geblieben ist ein Resi­duum: mehrfach übercodiert, aber letztlich nutzlos. Eigentlich ein ziemlich gutes Bild für ein Kunstwerk.

Dominikus Müller ist freier Schriftsteller. Er lebt in Berlin.

Ausgabe 22

First published in Ausgabe 22

Dezember 2015 - Februar 2016
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