Don’t Be Yourself!

Josef Dabernigs unermüdliche Arbeit an der Autonomie

Corinthians clube social, 2009, einer von drei C-prints, 33 × 45 cm (Courtesy: der Künstler & Galerie Andreas Huber, Vienna)

Corinthians clube social, 2009, einer von drei C-prints, 33 × 45 cm (Courtesy: der Künstler & Galerie Andreas Huber, Vienna)

Kärnten, Sommer 1977. Der 21-jährige Künstler sitzt an einem Gebirgsbach und schreibt. Er verfasst keine romantischen Gedichte, gibt sich auch nicht dem selbst­erhöhenden Gefühl einer Tagebuchauf­zeichnung hin, sondern quält sich mit dem, was von Originalität und Authentizität am weitesten entfernt ist: Er kopiert. Josef Dabernig schreibt ein Buch ab, und zwar keinen Text, mit dem sich ein junger Künstler in den Jahren der Punk-Revolte brüsten könnte. Er kopiert ein Buch des Arztes Franz X. Mayr, Seite um Seite, Wort für Wort. Es heißt Schönheit und Verdauung oder die Verjüngung des Menschen durch sachge­mäße Wartung des Darmes (1920).

Schönheit und Verdauung oder die Verjüngung des Menschen durch sachgemäße Wartung des Darmes, 1977, Manuskript Kopie, S.100, Kugelschreiber auf Papier (Courtesy: der Künstler & Galerie Andreas Huber, Vienna)

Schönheit und Verdauung oder die Verjüngung des Menschen durch sachgemäße Wartung des Darmes, 1977, Manuskript Kopie, S.100, Kugelschreiber auf Papier (Courtesy: der Künstler & Galerie Andreas Huber, Vienna)

Das Abschreiben von Büchern, und auch das von Dabernig praktizierte akribische Vermessen von Körpern und Landschaften, hebt sich von einer Ende der 1970er Jahre reüssierenden, auf Expression bedachten Kunstpraxis – wie sie sich etwa bei den Neuen Wilden findet – deutlich ab. Dabernig beginnt damit, sich Barrieren in den Weg zu legen. Selbstdisziplinierung und kleine Erlösungsmomente werden seine Karriere fortan bestimmen. Er fängt an, seinen täg­lichen Zigarettenkonsum zu notieren, der in 31 Jahren nur zweimal die Höchstmenge von vier Zigaretten überschreiten wird. Dieses Prüfungsritual passt so gar nicht zum damals dominierenden Zeitgeist. Dabernigs innerer Zensor ordnet eine bis zur Obsession gesteigerte Mäßigung an. On Discipline wird eine Installation in der Galerie Wilfried Lentz in Rotterdam 2011 heißen, in der Dabernig die Aufzeichnung seines täglichen Zigarettenverbrauchs vom 23.9.1979 bis zum 22.9.1980 „re-inszeniert“: In einer Art Schreibstube sind Dabernigs Sündenregister ausgestellt.

Daily Cigarette Consumption 23.09.1979 until 22.09.1980, 1979–80, Kugelschreiber auf Papier, 21 × 11 cm (Courtesy: der Künstler & Galerie Andreas Huber, Vienna)

Daily Cigarette Consumption 23.09.1979 until 22.09.1980, 1979–80, Kugelschreiber auf Papier, 21 × 11 cm (Courtesy: der Künstler & Galerie Andreas Huber, Vienna)

„Ich wollte vom Handwerklichen, dem Materiellen, wegkommen“, erinnert sich der Künstler im Gespräch an seine Anfänge während des Studiums an der Wiener Akademie der bildenden Künste (1976–81). Er lehnte das im Unterricht vorgeschriebene Modellieren ab und beschränkte sich stattdessen auf das Zeichnen der entsprechenden dreidimensionalen Phänomene. Er trug die Werte seiner Messungen in Tabellen ein. „Ich habe immer gemessen. Messen war mein Kreuz“, sagt Dabernig. Mithilfe einer einfachen mathematischen Formel verfremdete er die Aufzeichnungen zusätzlich, sodass abstrakte, an wissenschaftliche Visualisierungen erinnernde Diagramme entstanden. Einige dieser Grafiken verwandelte er in dreidimensionale, wie futuristische Büsche wirkende Stahl­objekte (Torvaianica, 1982–84).

Anfang der 1990er Jahre lösten orthogonale Aluminiumraster diese Überbleibsel gegenständlicher Figuren ab und abstrahierten sie weiter (etwa Ohne Titel, 1992). Dabernig betont, wie wichtig der meditative Charakter des Vermessens und Zeichnens für ihn war, auch jener des Metallschweißens. So wollte er einen essentiellen Zustand der Katharsis erreichen, einhergehend mit der Vermeidung subjektiven Empfindens. „Ich habe meinen Gefühlen mit Überzeugung misstraut“, sagt er. Empfindungen codierte er stets in Zahlen, wodurch das Subjektive eine abstrakte Form bekam. Systematisch filterte Dabernig in diesen frühen Arbeiten alles Sinnliche aus seinen Darstellungen heraus. Bis zu seinem Film Timau (1998), in dem er zum ersten Mal ein Familienmitglied als Schauspieler engagierte, vermied er auch jede private Bezugnahme.1

Josef Dabernig & Markus Scherer, Timau, 1998, 16 mm film still (Courtesy: der Künstler & Galerie Andreas Huber, Vienna)

Josef Dabernig & Markus Scherer, Timau, 1998, 16 mm film still (Courtesy: der Künstler & Galerie Andreas Huber, Vienna)

Seit 1989 fotografiert Dabernig für ein Langzeitprojekt leere Fußballstadien überall auf der Welt. Zuletzt waren diese „Panoramen“ genannten Arbeiten 2013 in einer Einzelausstellung im Kunsthaus und in der Neuen Galerie in Graz zu sehen, 2012 wurden sie auf der 9. Gwangju Biennale gezeigt. Dabernig sucht sich für diese Werke einen Standpunkt in der Mitte des Fußballfeldes und fotografiert die Architektur in sechs Segmenten, drei Aufnahmen links, drei rechts. Das eigentliche Zentrum, der Rasen mit den Spielern, bleibt leer. Sportarenen sind Bühnen kollektiver Leidenschaft; Dabernigs strenge Fotos hingegen zeigen lediglich das (unspektakuläre) Skelett des Spektakels.

Die neuere Kunstgeschichte kennt zahlreiche Versuche, die Objektwelt in Zeichen – Diagramme und Zahlenreihen – aufzulösen, etwa Hanne Darbovens Schreibzeit (1975–80). Anders als bei Darboven knüpften Dabernigs Arbeiten zum Zeitpunkt ihres Entstehens jedoch nicht an jeweils aktuelle Kunstdebatten an. Er selbst sieht in ihnen den „Versuch einer Sublimierung des kleinbürgerlich-katholischen Erziehungs­modells“. Jenseits des Ansatzes der klassischen Konzeptkunst, die Ausführung eines Kunstwerks von seinem Autor zu lösen und dessen vermeintliche Einzigartigkeit zu entmystifizieren, stehen Dabernigs Übungen auch in einer monastischen Tradition, deren Überreste er in seinen Schuljahren in einem katholischen österreichischen Internat kennenlernte. Die christlichen exercitationes spirituales, seit der Spätantike hinweg als Verbindung aus Leibesübung und der Evaluation von Frömmigkeit entwickelt, überlebten in den europäischen Gymnasien der Nachkriegszeit als Zwang zu blindem Gehorsam.

Dabernig suchte – anders als andere junge Menschen seiner Generation – nicht in indischen Ashrams oder ländlichen Kommunen nach Erweckungserlebnissen. Sein sich über Jahrzehnte hinziehender Trainingsplan sorgt nur für minimale Höhenflüge, etwa die Beherrschung der Nikotinabhängigkeit und die Ekstase vervollständigter Zahlenreihen. Ein Pedant, der die Traumata seiner Erziehung abarbeitet? Ein Disziplinierungsfakir mit der Neigung zu Zwangshandlungen? Dabernig schützt sich vor dieser naheliegenden Interpretation mit der Ironie, die aus dem Kontrast zwischen behauptetem Ordnungsanspruch und realer Nichtperfektion resultiert. So bedient sich der Künstler zwar des herrschaftlichen Genres Panorama, allerdings in Form zusammengestückelter Bildreihen. Der von ihm ausgewählte Gebäudetypus des Stadions erinnert an die gestählten Körper und kollektiven Erlebnisse der neo-olympischen Moderne. Der Künstler zeigt die Arenen des Fortschritts indes von ihrer hässlichen Seite: halbverfallene Sportstätten an der Peripherie.

In dem Rückgriff auf die palaestra, die Turnhalle antiker Selbstformung, bezieht Dabernig den Sport auch in seine Raum­installationen mit ein. In überraschend fröh­licher Buntheit etwa führte er in der Ausstellung Excursus on Fitness (2010) in der Wiener MAK-Galerie die Gymnastik als entspiritualisierte Askese vor. Im Ausstellungsraum lagen Turnmatten und Gymnastikbälle bereit. Ein aus Lautsprechern ertönendes Ambientgedudel sorgte dafür, dass der Charakter eines Fitnessstudios erhalten blieb und die Geräte nicht als erhabene Skulpturen interpretiert wurden.

Excursus on Fitness, Installationsansicht, MAK, Vienna, 2010 (Fotografie: © Wolfgang Woessner/ MAK, Vienna)

Excursus on Fitness, Installationsansicht, MAK, Vienna, 2010 (Fotografie: © Wolfgang Woessner/ MAK, Vienna)

Als Filmemacher begann Dabernig 1996 eine zweite künstlerische Karriere – und auch hier spielen Sport und Leistung eine zentrale Rolle. So wandte er sich 1996 für seinen ersten, in Krakau gedrehten Kurzfilm Wisla erneut dem Fussball zu. Der Verhaltenscode von Fußballtrainern ist einfach. Manche gestikulieren wild und brüllen die Spieler an. Der andere Typus verfolgt mit unbewegter Miene das Geschehen, unterdrückt seinen Jubel, wenn ein Tor fällt. Josef Dabernig entschied sich für den Schweiger. Ein Fußballtrainer und sein Assistent betreten ein Fußballstadion, setzen sich auf die Bank am Rande des Spielfelds und beobachten das Spiel. Anweisungen an seine Mannschaft gibt Dabernigs Trainer mit einer minimalen Bewegung der Arme: „Decken!“ Viel mehr passiert nicht.

Bereits in Wisla folgt Dabernig jenem Bauplan, der auch die Mehrzahl seiner weiteren, bislang 14 Filme strukturiert: Bild- und Tonebene stimmen nicht überein; alltägliche Ansichten von Autofahrten gehen mit Belcanto-Arien einher; die eine Liveübertragung andeutenden Hintergrund­geräusche im polnischen Stadion stammen aus der italienischen Meisterschaft. Die strikte Anwendung formaler Vorgaben, etwa das Vermeiden „dramatischer“ Schwenks, erinnert an das antiillusionistische Programm des strukturalistischen Films mit seiner Rhetorik der medialen Transparenz. Die Elemente des Films – Schnitt, Ton, Material, Montage – sollen nicht verborgen bleiben. In den Filmen überwindet Dabernig die Barriere des Konstruktivismus; er wird vom Zähler zum Erzähler.

Die Figuren in Dabernigs Filmen sind durchwegs stoischer Natur, mehr indolent als leidenschaftlich, mehr Prototyp als Individuum. Auch ihre Kleider – typisch sind die Arbeitskittel von Telefontechnikern, Reinigungspersonal oder Kellnerinnen – suggerieren eine fast sozialistische Indifferenz gegenüber dem an Selbstausdruck und Kreativität ausgerichteten Wettbewerb einer gegenwärtigen Arbeitswelt. Charakteristisch für die Filme ist darüber hinaus die Vorliebe für Räume, die von der modernen Massen­gesell­schaft hervorgebracht wurden, neben Fußballstadien etwa Schwimmbäder (Aquarena, 2007) oder Speisewagen (WARS, 2001). Dabernig dokumentiert sie im Moment ihres Verfalls. Die funktionalis­tischen Oberflächen der Fassaden und Innenräume wirken seltsam aus der Zeit gefallen. Andererseits sind sie zu schäbig, um dem Klischee einer schicken Retromoderne zu entsprechen. So wie die Landschaften und Menschen in Dabernigs Filmen vermitteln sie die Stimmung einer Randlage, die irgendwann von einer Fortschrittsdynamik erfasst wurde, die inzwischen aber längst wieder erkaltet ist.

Dabernigs jüngster Film Hypercrisis (2011), der im Herbst 2013 auch auf der Bergen Assembly gezeigt wurde, spielt in einem ehemaligen sowjetischen Erholungsheim. Hier rückt er zum ersten Mal eine Künstlerfigur in den Mittelpunkt. Unter den Erholung suchenden Literaten befindet sich auch eine Nachwuchshoffnung aus der Zeit der Perestroika, Boris Martow. Während seine Kollegen gemütlich bei der Jause sitzen, steckt der nicht mehr ganz so junge Kollege in einer Schaffenskrise und stapft Manuskripte lesend durch den Schnee: die Karikatur eines genialen Kreativen, der gegen eine Mauer stoischer Ambitionslosigkeit anrennt.

Hypercrisis, 2011, 35 mm film still (Courtesy: Galerie Andreas Huber, Vienna & Wilfried Lentz, Rotterdam)

Hypercrisis, 2011, 35 mm film still (Courtesy: Galerie Andreas Huber, Vienna & Wilfried Lentz, Rotterdam)

Der Mythos künstlerischer Autonomie beruht nicht zuletzt auf der Befreiung der Formen und Gefühle. Dabernig setzt dem dialektisch Disziplin und Verzicht entgegen. Ist das vielleicht ein geeignetes Rezept, um das Karriereziel Unabhängigkeit zu erreichen? Immerhin, auch wenn Dabernigs Materie stets Spuren des Verfalls zeigt und seine Protagonisten immer eher Niederlagen als Siege zu verdauen haben, haftet diesen Orten und ihren Menschen etwas Aufrechtes, vor Mitleid und Selbstmitleid Gefeites an. Ganz so, als hätte sie langes Training stark und gelassen gemacht.

Matthias Dusini ist Autor und Redakteur der Zeitschrift Falter. Er lebt in Wien. Zuletzt erschien das gemeinsam mit Thomas Edlinger verfasste Buch In Anführungszeichen –
Glanz und Elend der Political Correctness
(Suhrkamp, 2012).

1Dabernigs inkomplett querschnittsgelähmter Bruder Wolfgang, Paralympics-Silbermedaillengewinner im Radsport, spielte bereits in fünf Filmen des Künstlers mit.

Ausgabe 12

First published in Ausgabe 12

Dezember 2013 - Februar 2014

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