Doppelte Ökonomien

Halle 14

Reinhard Mende, Leipziger Messe Rundgang Pressevertreter, 1976

Eine Ausstellung, die sich mit der jüngeren Geschichte auseinandersetzt, kann beim Betrachter eine ganz unterschiedliche Wirkung erzielen, wenn diese Geschichte einem anderem gehört. Als ich Doppelte Ökonomien besuchte – eine Ausstellung, bei der es um die Archivbestände des verstorbenen Reinhard Mende, eines kommerziell in der DDR arbeitenden Fotografen ging –, hatte ich aus eigener Erfahrung keine Kenntnis des Gegenstandes. Aus dieser unklaren Position betrachtet, ließ sich der dokumentarische Wert besser abschätzen als die historische Genauigkeit. Dokumentation und Geschichtsdarstellung sind sonst eher in ethnografischen Museen zu finden als in Kunstinstitutionen, doch schien die Ausstellung beide musealen Erfahrungsformen aufzurufen, wodurch auch die letzten Überreste der Grenzziehung zwischen Ethnografie und Kunst verwischt werden.

Von 1967 bis zu seinem Tod im Jahr 1990 hat Mende die Leipziger Messe fotografiert, das Schaufenster sozialistischer Industrieprodukte für Besucher aus dem westlichen Ausland, Schweden etwa, oder aus revolu­tionären Bruderländern wie Mosambik. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf die Verdopplung kapitalistischer und sozialistischer Ökonomien. Die Kuratoren Estelle Blaschke, Armin Linke und Doreen Mende (die Tochter des Fotografen) hatten eine Auswahl aus Mendes Fotoarchiv zusammengestellt und Beiträge von 13 Künstlern ausgewählt, eigenständige Arbeiten ebenso wie Werke, die sich auf sein Archiv beziehen. Eine weitere Abteilung mit historischen Materialien umfasste Filmaufnahmen von Interviews und Druckerzeugnisse zur Dokumentation der Messe. Die Ausstellung war in ihrer Größe und ihrem Anspruch überwältigend, und doch so konzipiert, dass zwischen den verschiedenen Formaten differenziert werden konnte, und es den Besuchern möglich war, sich problemlos darin zurechtzufinden.

Reinhard Mende, Leipziger Messe, Rundgang Pressevertreter, 1976

Die Fotografien zeigen neben Darstellungen von Fertigungstechniken in den Volkseigenen Betrieben (VEB) sowohl Ansichten von Messeständen als auch Nahaufnahmen von Produkten. Allerdings spielen die Menschen, insbesondere die Arbeiter, eine wichtigere Rolle als die Waren. Den Wert der Produkte verortete man anscheinend nicht in ihrem Potenzial, die Nachfrage von Konsumenten zu befriedigen; man vermutete ihn eher im gemeinsamen sozialen Einsatz, der zu ihrer Produktion vonnöten war. Auf vielen Bildern sieht man Arbeiter, die Waren in den Händen halten, sie polieren oder benutzen; oder aber sie dokumentieren die für die Herstellung benötigten Maschinen sowie die aufwändigen Displays zur Präsentation; die Funktion des jeweiligen Erzeugnisses wird nicht immer gleich klar. Mende wollte anscheinend hervorheben, dass es bei der Messe nicht um die ausgestellten Dinge ging, sondern um das, was diese Dinge möglich werden ließ.

Wahrscheinlich kommt es auch aufgrund der von den Kuratoren getätigten Auswahl zu einer solchen Interpretation: Gezeigt werden lediglich etwa 100 Fotografien aus einem Gesamtbestand von mehreren Tausend. Und doch vermochten sie die Schwierigkeiten und Uneindeutigkeiten offenzulegen, die bei solchen kuratorischen Entscheidungen unvermeidlich auftreten. Eine ganze Wand war dem kontaktbogenartigen Ausdruck einer weitaus größeren Bildauswahl gewidmet, wodurch die Geschichte des kuratorischen Arbeitsprozesses erkennbar wurde. Die Besucher konnten außerdem auf einer in der Ausstellung zugänglichen Website das gesamte Archiv durchstöbern. Durch diese Kontextualisierungsgeste verlor die in der Ausstellung präsentierte Teilauswahl jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit und bot ihrem Publikum stattdessen einen Einblick in die heikle Aufgabe, aus einem riesigen Berg an Bilddaten eine aussagefähige raumgroße Installation zu entwickeln.

Die Beiträge der neben diesen reichhaltigen Materialien ausstellenden Künstler ließen ein wenig an Tiefe vermissen. Besser funktionierte das Konzept bei jenen Arbeiten, die das Problem der Darstellung eines Archivs behandelten, etwa Olaf Nicolais Girlfriends (Freundinnen, 2012), eine lockere Zusammenstellung von Bildern merkwürdig liebenswerter Arbeiterinnen. Katrin Mayers If I put my glasses in the vitrine, they will never break, but will they still be considered glasses? Or: screening an archive (Wenn ich meine Brille in die Vitrine lege, wird sie zwar nie kaputtgehen, aber wäre sie dann immer noch eine Brille? Oder: Ein Archiv vorführen, 2012) zeigt dem Archiv entnommene, hinter leicht durchscheinenden Schirmen ausgestellte Fotografien, die an jene Wahrnehmungsfilter denken lassen, durch die man gemeinhin historische Materialien betrachtet. Andere Werke erschienen in weniger schmeichelhaftem Licht. Bettina Allamodas modernistisch anmutende Skulpturen büßten in der direkten Gegenüberstellung mit den grafischen Gestaltungen, die ihnen als Inspirationsquelle dienten, den ostdeutschen Prospekten und Katalogen im Dokumentationsteil der Ausstellung, einiges von ihrer Schlagkraft ein. Die Videoarbeit von The Otolith Group, Communists Like Us (Kommunisten wie wir, 2006), wirkte im Vergleich zu Mendes Fotografien und der Direktheit der historischen Interviews recht verworren. Letztlich werfen künstlerische Arbeiten über Archive oft die Frage auf, ob das Archiv nicht gut genug war, um für sich allein gezeigt zu werden.
Übersetzt von Clemens Krümmel

Vincenzo Latronico lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Mailand. Sein letzter Roman La cospirazione delle colombe (Die Verschwörung der Tauben) erschien in Italien 2011 bei Bompiani. Zur Zeit arbeitet er an einer neuen italienischen Übersetzung von F. Scott Fitzgeralds Tender is the Night (1934; Zärtlich ist die Nacht, 1952).

Ausgabe 6

First published in Ausgabe 6

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