Florian Slotawa

Galerie Nordenhake Berlin

Florian Slotawa, Installationsansicht, 2015

Als Marcel Duchamp sich in den frühen 1910er Jahren gegen eine Laufbahn als Maler entschied, lag das in einer paradigmatisch ablehnenden Haltung gegenüber dem Aufzeichnen subjektiver Spuren begründet, wie es die Malerei ausmacht. An seine Stelle trat die Dokumentation von objektiven Kontexten im Readymade. Florian Slotawa dagegen versucht, mit seinen skulpturalen Installationen, dieses Readymade dem Subjekt zurückzugeben, indem er eine offene Skala von Übergängen eröffnet: zwischen dem Kunstwerk als Spur der Subjektivität auf der einen und dem fremden, vorgefundenen Material auf der anderen Seite. Slotawa hat sich in früheren Arbeiten bereits auf die Malerei bezogen, bislang aber nicht selbst in diesem Medium gearbeitet. Im Sprengel Museum Hannover breitete er 2007 seinen eigenen Besitzstand– Haushaltsgeräte, Möbelstücke – so in einem großen hölzernen Tableau aus, dass immer nur eine Seite die­ser Gegenstände zu sehen war. Sie wurden zu flachen Formen in einer formalistischen Komposition reduziert: ein Pseudogemälde. Die Tilgung des Persönlichen in der Abstraktion entsprach hier einer Reduktion: von der Dreidimensionalität der Gegenstände in die Zweidimensionalität der Bildfläche. Das Medium der Malerei mit seinem charakteristischen Handanlegen wurde hier umgekehrt mit der Eliminierung des Persönlichen assoziiert, mit der Reduzierung des Objekts um seine besitzanzeigende, somit das Selbst definierende Funktion.

In einer neuen Serie von Wandarbeiten, für die Slotawa vorgefundene Gegenstände mit bemalten Tafeln kombiniert, wird dieses Wechselspiel zwischen dem Gegebenen und dem Gemachten, zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, zwischen der ambivalenten Selbstbezogenheit der Malerei und der ambivalenten Fremdheit des gefundenen Gegenstands, in explizit dialektischen Formen ausgetragen. Man hat es hier mit den bislang wohl subtilsten und geheimnisvollsten Arbeiten Slotawas zu tun. Meist bestehen sie aus einem unverändert übernommenen, an die Wand montierten Objekt, das unmittelbar mit einer rechteckigen, industriell gespritzten Aluminiumtafel konfrontiert wird. Das Verhältnis zwischen der Größe des Objekts und der lackierten Tafel ist nicht offensichtlich festgelegt, tendiert aber zu einer Art Entsprechung: das „Gemälde“ als getilgte – und sich selbst tilgende – Beigabe zur offensicht­lichen Gefundenheit und Funktionalität des Gegenstands.

Florian Slotawa, Volkswagen C6T (Jadegrün met.)2015, Schutzbrille, Autolack, Aluminium, 26 × 43 cm

Die Subjektivierung des vorhandenen Gegenstands durch die Malerei wird von Slotawa umgehend konkretisiert, indem er die chromatische Spezifik an die kodifizierten Verfahren der Massenproduktion delegiert. Alle Werke tragen Titel nach Auto­modellen der 1980er und 90er Jahre, und die (im Titel erwähnte) eine Farbe eines jeden Werks entspricht je einer der Originalfarben dieser Modelle. Die Farbwahl wird an ein standardisiertes Farbregister delegiert – während dieser vermeintlichen Objektivität sofort wieder ein Zeichen für die Sub­jektivität des nostalgischen Rückbezugs untergeschoben wird: Es handelt sich um die Autos aus Slotawas Jugend. Das Gemälde als sublimierte Abstraktion der Alltäglichkeit eines Objekts. Und doch: Die Werte ver­kehren sich weiter. Chrysler PS4 (Bright Platinum met.) (alle Arbeiten 2015) platziert eine graue Plastikstapelkiste neben ein geringfügig größeres, in einem etwas helleren Grauton lackiertes Rechteck; doch es ist das Gittermuster des kreuzförmig unter­teilten Bodens der Kiste, das in diesem Kontext wie eine abstrakte Komposition anmutet. Das lackierte Blech dagegen – ihm kommt in dieser Paarung eigentlich die Rolle des „gemachten“ Kunstobjekts zu – wirkt im Vergleich wie ein Autoersatzteil im aktuell gängigen Farbton Grau Metallic. Der dreiteilige Lichtschalter bei Chrysler PJM (Light Silverfern met.) wiederum liefert zusammen mit einer schmalen grauen Tafel, die gut und gerne ein Teil der Raumausstattung der Galerie sein könnte, ein makelloses Beispiel für geometrischen Formalismus.

Kaum hat Slotawa dieses dialektische Konzept eingeführt, macht er sich aber schon wieder daran, es zu konterkarieren. Toyota 3B4 (Apricot met.) setzt die mono-chrome Platte neben die Verpackung einer Gesichtsreinigungsbürste. Die Zusammenstellung wirkt zunächst schräg – bis man bemerkt, dass die Haare des abgebildeten Modells in einem Braunton schimmern, der dem Farbton des Rechtecks nahekommt. Die Flexibilität, mit der Slotawa sein Muster der paarweisen Kombination handhabt, lässt aus einem Schema, das zunächst wie eine Studie in post-duchampscher Dynamik wirkt, ein Kommentar darüber werden, wie der Malerei standardmäßig die Rolle zugewiesen wird, für das zur Ware gewordene Kunstobjekt einzustehen. Mein liebstes Stück in dieser Ausstellung aber hat sich aus dieser dialektischen Funktion, aus dieser binären Struktur herausgearbeitet: Volkswagen C6T (Jadegrün met.) setzt ein grünes Rechteck neben eine grün gefärbte Schutzbrille. Die Kombination lebt von dem Umstand, dass der ungewöhnliche Grünton genau mit dem Grün der Brille übereinstimmt, ungeachtet der Unterschiede zwischen transparentem Plastik und glänzender Metalliclackierung. Eine vermeintlich vollkommen zufällige Fügung – bis einem klar wird, dass sich dieser farbliche Forma­lismus aus einer ganz einfachen funktio­-nalen Entsprechung ergibt: Die Brille könnte der Lackierer aufgehabt haben, als er mit der Spritzpistole das Aluminium grün spritzte.
Übersetzt von Michael Müller

Mark Prince ist Künstler und Autor. Er lebt in Berlin.

Ausgabe 22

First published in Ausgabe 22

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