Georgie Nettell

Lars Friedrich

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Georgie Nettell, 2014.10., 2014, Digitaldruck auf Leinwand, 38 × 55 cm

Georgie Nettell, 2014.10., 2014, Digitaldruck auf Leinwand, 38 × 55 cm

Am 10. Juni präsentierte das in Paris ansässige Google Cultural Institute der Öffentlichkeit sein neuestes Projekt: Google Street Art. Mit dieser Online-Plattform, die eine Erweiterung des eh schon umfangreichen Google Art Project ist, will das Unternehmen „dazu beizutragen, Street Art zu erhalten, damit die Menschen sie erkunden können, wo und wann es ihnen gefällt“. Die Presseinformation zum Projektstart beginnt mit den Worten „Heute da, morgen verschwunden“, beklagt also ironischerweise die zyklische Vergänglichkeit einer Kunstform, deren Wurzeln in genau den Prinzi­pien Unbeständigkeit und Repetition zu suchen sind. Das Google-Projekt widersetzt sich damit der Logik, die zur Verbreitung von Graffitis als rebellische und kompetitive Ausdrucksform geführt hat, und verflacht die Unmittelbarkeit, Originalität und Ortsbezogenheit der Werke zu bloßen Datenpunkten. Von den ebenfalls von Google bereitgestellten Werken im Louvre unterscheiden sich diese höchstens noch durch das Präfix „Street“. Googles demokratisierende Bestrebungen erscheinen hier wieder ein­-mal so unvermeidlich wie fadenscheinig.

Georgie Nettell reproduziert und kritisiert in ihren Arbeiten genau solche kultu­rellen Problemlagen. Ihre Einzelausstellung 2014 bei Lars Friedrich, die wenige Tage vor dem Launch der neuen Google-Ausstellungsplattform eröffnet wurde, umfasst eine Serie von kleinen, verhalten wirkenden Leinwänden, die um Themen wie Authentizität und Aneignung, Rebellion und Domestizierung kreisen. Bei den sieben Arbeiten (2014.1–2014.7, alle 2014) handelt es sich um Digitaldrucke auf Leinwand, die alle aus demselben JPEG mit geringer Auflösung ausgeschnitten wurden, einer Abbildung von Graffiti-Tags auf einer Wand. Das Bild stammt aus dem Internet, wurde dann mit Photoshop bearbeitet, der Kontrast hoch­gezogen und für die einzelnen Bilder jeweils unterschiedlich skaliert. Die Tags verlieren ihre Lesbarkeit und damit ihre ursprüngliche Bedeutung. Nettells „pro-urbane Abstrak­tionen“, wie sie in der Presseinformation genannt werden, kastrieren die Tags – denn das Wo, Wann und Von-Wem ist beim Tagging der eigentliche Inhalt – und ebnen das Wechselspiel der palimpsestartigen Schichten auf der Wand ein.

Natürlich ist die Authentizität durch Reproduktion und Aneignung nicht gänzlich auf der Strecke geblieben. Zwar wurde ihre Verwertung durch diese Verfahren erheb­-lich verkompliziert, doch lugt sie mit einiger Beharrlichkeit immer wieder durch die Ritzen der zeitgenössischen Kultur hervor. Googles Street Art Project versucht, das veraltete Prinzip der Authentizität in einer euphorisch verkündeten Erschließungslogik wieder hochzuhalten. Paradoxerweise führt dies dazu, dass den originalen Orten und Werken ihre Spezifik abhandenkommt, weil sie von einem gigantischen Netzwerk aufgesogen werden, während gleichzeitig durch Georeferenzierung und Zuschreibung ihre Einzigartigkeit postuliert wird. Nettells Arbeiten beziehen die entgegengesetzte Position: In ihrer Obskurität sind sie am Ende offener für die Intersektionalität ihrer Entstehung als Googles frei durchsuchbare Datenbank zusammengeklaubter Bilder.

Gerade hier liegt die Stärke dieser Ausstellung – in der zugleich geschlossenen und offenen Positionierung. Indem das Werk auf sich selbst verweist, demonstriert es die Verfahren, die es kritisiert. Doch was Nettell von anderen zeitgenössischen Künstlern unterscheidet, die von einem ähnlichen „postauthentischen“ Standpunkt aus operieren, ist, dass der inzwischen wohlvertraute ironic turn gegen die eigene Mitwirkung bei der Reproduktion des unersättlichen Konsumkapitalismus bei ihr nicht zu einer üblichen, sexy wirkenden, hochtourigen Coolness führt. Nettells Werk ist vielmehr geprägt von einer ästhetischen Entspre­chung der Problematik, um die es geht: die fast vollständig ausgebleichte Leblosig­keit einer abgepackten, wiederverwerteten Aufsässigkeit.
Übersetzt von Michael Müller

Ausgabe 16

First published in Ausgabe 16

September - November 2014

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