Manuel Graf

Kunstverein in Hamburg

Let music play?, 2012, Installation view

Die Video- und Rauminstallation Ils sont fous ces Domains! – Die spinnen, die Römer! – von Manuel Graf erschließt sich intuitiv, streut aber auch Ambivalenz. Und Letztere verflüchtigt sich im genaueren Schauen nicht, sondern wird weiter differenziert. Ob es Filme in scheinbar objektivierendem Dokumentar- oder Lehrfilmstil sind, eine kleine Sammlung vermeintlich historischer Objekte oder ein streng formales Diagramm komplexer Raumstrukturen: Die Exponate erweisen sich bald als mehrdeutig und hintergründig fiktional. Der quadratische, fensterlose Raum im unteren Teil des Kunstvereins ist komplett abgedunkelt, beleuchtet nur von Videobildern, die teils wechselnd, teils simultan aufflackern.

Der zweiteilige Film Let music play? (Lasst Musik spielen?, 2012) bildet so etwas wie das Kernstück der Installation. Im Dunkel ist kaum sichtbar, dass der Beamer inmitten eines flachen, quadratischen Wasserbeckens steht: Die Sequenzen spiegeln sich mit leichtem Zittern auf der Wasseroberfläche. Die Arbeit wirkt wie ein Architektur-Lehrfilm, ein englischer Sprecher doziert anhand animierter Grund- und Aufrissdarstellungen sachlich über historische Bauformen – den Längsbau, den konzentrischen Zentralbau sowie den Typus der allseitig unendlich fortsetzbaren Säulenhalle. Von dort wird zur Darstellung der „Vier-Iwan-Moschee“ übergeleitet, in der sich zuvor genannte Architekturtypen verbinden. Die alte persische Bauform des Iwans, einer dreiseitig geschlossenen, nach vorne offenen Halle, ist als Vierer-Variante so um einen rechteckigen Hof angeordnet, dass sich je zwei Gebäude gegenüberstehen – eine Architektur, die nicht eindeutig Außen- oder Innenraum ist. Graf interessiert diese Ambivalenz von Raum, seine Installation greift das Moment formal im quadratischen Wasserbecken und in den projizierten Bildern auf. In den Film sind überraschend immer wieder auch assoziative Sequenzen geschnitten, die die Kontinuität des sachlichen Diskurses umspielen und unterminieren. Zudem entfaltet der Film ein merkwürdiges Zusammenspiel von Differenz und Wiederholung: Nach zehn Minuten setzt er in fast identischen Bildern erneut am Anfang an, wird nun aber nicht von einem Sprecher, sondern einem sogartigen Soundtrack begleitet, der die scheinbar objektiven Bilder in ganz andere, offenere Deutungen überführt.

Eine dezent ausgeleuchtete Glasvitrine, Teil der Arbeit Neolithic Memory Stick (Neolitischer Memory-Stick, 2012), ist mit offenkundig handgemachten, archaisch wirkenden Keramiken ausgestattet – darunter Schalen, Krüge, Vasen, Perlenschmuck. Sie erscheint als in sich ruhendes Gegenbild zum Fluss der virtuellen Animationen und Filmsequenzen. Graf kombiniert die Stücke mit einem 5:30-minütigen Video, das dieselben Objekte zeigt und nur von der Rückseite der Vitrine aus einsehbar ist: Man hat also nie beides zugleich, das eine ist immer Erinnerungsprojektion auf das andere. Die vage exotisch anmutenden Stücke lassen eher an Leihgaben eines Museums für Völkerkunde denken als an zeitgenössische Skulptur. Dem widersprechen aber auf den zweiten Blick die Textfragmente, die in die Glasur eingebrannt sind. Und während man so noch über die Herkunft der Objekte rätselt – der Titel spielt auf das Neolithikum, also die Jungsteinzeit an –, liest man etwa auf einer der Schalen den sich spiralförmig nach innen windenden, mitten im Wort abbrechenden Satz „The Blackberry is more of a work phone, and the i-Phone is a pleasu“, also „Das Blackberry ist mehr ein Arbeitsgerät, das iPhone Vergnü…“ – eine beinahe satirische Verknüpfung, die eine temporale Verortung der Objekte vollends ins Fiktionale rückt. Dem antwortet der rückseitig gezeigte Film: Die in der Vitrine ausgestellten Keramiken werden der Reihe nach einzeln eingeblendet, langsam, in animiertem, leicht bewegtem Wellengang und unter Einblendung der Textfragmente in Untertiteln – alles in traumgleicher Langsamkeit, wie eine archaische Visualisierung von Erinnerung.

Im Video La Mediterraneé (Der Mittelmeerraum, 2010) verknüpft Graf filmische Standards wie Dokumentation und Musik­video und entfaltet inhaltlich eine kurze Geschichte der Besiedlung des Mittelmeerraums. Thema und zugleich Konstruktionsprinzip der filmischen Collage ist die Auffassung des Historikers Fernand Braudel, Geschichte nicht im Modus von Ereignis‑kontinuität zu fassen, sondern in längerfristige historische Rhythmen hinein aufzulösen. Eine Idee von Differenz und Wiederholung, wie sie Graf in seiner mehrdeutig musealen Inszenierung auch insgesamt durchspielt: Arbeit an der Entgrenzung eines linearen Sehens, Denkens, Wissens.

Ausgabe 7

First published in Ausgabe 7

Winter 2012

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