Maya Schweizer

Kunstverein Langenhagen

Die Auseinandersetzung mit Identität, Biografie, Politik, Geschichte und Erinnerung sind wiederkehrende Leitthemen in den Foto- und Videoarbeiten von Maya Schweizer. Schon im Titel dieser Einzelausstellung, Edith Seeshow’s Notes, findet sich ihre Vorgehensweise auf verklausulierte Art zusammengefasst: Im Namen „Edith Seeshow“ verstecken sich die Verben „edit“, „see“ und „show“, also „bearbeiten“, „sehen“ und „zeigen“. Diese fiktive Person mag im Verlauf der Ausstellung keine weitere Rolle spielen, das permanente Beobachten, Sammeln, Sortieren und Montieren von Bildern aber ist in allen fünf Werken aus den Jahren 2007 bis 12 präsent.

Für die Auswahl der Arbeiten war zudem ein thematischer Schwerpunkt ausschlaggebend: die filmische Erforschung öffentlicher Räume und von Architektur, in der Geschichte repräsentiert wird. Die erste Videoarbeit Passing Down, frame one (2007) wirkt demgegenüber wie ein inhaltlicher Kontrapunkt und rückt zunächst einmal Schweizers Familiengeschichte ins Zentrum. Die Künstlerin rekonstruiert die fragmen­tarischen Erinnerungen ihrer jüdischen Großmutter, die 1944 in Lyon nur dank eines Missverständnisses der Deportation entkam. Der Film bewegt sich räumlich zwischen Frankreich und Deutschland, zeitlich zwischen den 1940er Jahren und SchweizersAlltag heute. Diese gegenläufige Pendel­bewegung bestimmt auch die Bild-Text-Sound-Struktur des Films: Auf der Bildebene löst sich der geografische Raum zwischen Aix-en-Provence, Berlin und Lyon auf, und auf der Tonebene erzählt die Großmutter von ihrer Vergangenheit. Die eingeblendeten Textblöcke bilden eine verbindende Meta-Erzählung und einen dokumentarischen Familienbericht.

Die Drei-Kanal-Videoarbeit Au dos de la carte postale (Auf der Rückseite der Postkarte, 2010) steigt dann tiefer in die Frage nach dem öffentlichen Raum und der Rolle von Architektur ein. Sie widmet sich dem Eiffelturm als dem Pariser Wahrzeichen und zentralem Schauplatz des touristischen Lebens der Stadt. Hierfür verbindet Schweizer dokumentarisches Foto- und Filmmaterial, unter anderem von der Pariser Weltausstellung 1889 in Paris sowie damals populärer Völkerschauen, mit dem heutigen Alltag von illegalen Straßenhändlern, französischen Polizisten, sowie den Touristenattraktionen rund um den Turm. In der vielschichtigen Montage werden hier beispielsweise Analogien zwischen den Menschenzoos und der prekären Situation der Straßenhändler, die aus den ehemaligen französischen Kolonien stammen, sichtbar. Dabei macht Schweizer nicht nur die Wiederholung von (postkolo­nialer) Geschichte deutlich, sondern erforscht in der Gegenüberstellung auch die Konstruktionsmodi von historischen und gegenwärtigen Bildern.

Der in einer Blackbox präsentierte Film A Memorial, a Synagogue, a Bridge and a Church (2012) untersucht ganz ohne Textinserts und in stark kontrastierenden Schwarzweiß-Aufnahmen die städtebau­lichen Veränderungen rund um den Rybné námestie (Fischplatz) im slowakischen Bratislava. Während des Baus der Neuen Brücke über die Donau in den Jahren 1967 bis 72 kam es angesichts des eigentlich nicht notwendigen Abrisses des alten jüdischen Stadtviertels und der Synagoge zu politischem Widerstand in der Bevölkerung. Im Gegensatz zu den anderen Videoarbeiten überwiegt hier eine statische Kameraführung. Die architektonischen Körper des Platzes werden fragmentarisch abgetastet. Die Kombination mit beiläufig wirkenden Aufnahmen der Stadtbewohner auf deren alltäglichen Wegen stellt hier die Frage nach einer kollektiven Erinnerungskultur und der politisch-gesellschaftlichen Verantwortung jedes Einzelnen für den öffentlichen Raum.

Inhaltlich knüpft hier Which story would you prefer not to recall? (2009) an, die einzige Fotoarbeit der Ausstellung. Aus ihrer Bildsammlung hat Schweizer Pressebilder, historische Aufnahmen (etwa vom Eichmann-Prozess 1961) und Porträts von bekannten Persönlichkeiten (z.B. Barack Obama) ausgewählt und einige mit farbigen Post-its beklebt, auf denen handschriftlich notierte Sätze stehen. Auf einem schwarzweißen Zeitungsbild ist beispielsweise ein in Richtung Gaza-Gebiet fahrender Wagen zu erkennen, kommentiert wird dies mit der appellativen Frage „What would you prefer not to see?“, also: „Was würden Sie lieber nicht sehen?“. Im Gesamtbild dieser Installation generiert die Künstlerin so ein unvollständiges Tableau kollektiver Erinnerung und hinterfragt bildgewordene Geschichte. Auch die Ausstellung im Ganzen funktioniert ein wenig wie ein vielschichtig montiertes Bild-Text-Sound-Album mit fünf einzelnen Tracks. Die Aufmerksamkeit des Betrachters steigt immer dann, wenn sich in Schweizers Werken Privates und Öffentliches, Geschichte und Gegenwart, Reales und Symbolisches überlagern – denn dann deuten ihre Erzählmodi und das, was zwischen den Bildern passiert, über das Einzelwerk hinaus und knüpfen an eigene Erfahrungen an.

Ausgabe 9

First published in Ausgabe 9

April - Mai 2013

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