Melanie Gilligan

Galerie Max Mayer

Melanie Gilligan, 7. 4 × exchange/ abstraction (detail), 2013, Vier Flachbildschirme auf Ständer und HD Video, Dimensionen variabel

Die Themen, die Melanie Gilligan verhandelt, sind aktuell, brisant und politisch: Globalisierung, Kapitalismuskritik, krisenhafte Subjektivität. Ihre jüngste Ausstellung, 4 x exchange/abstraction in der Galerie Max Mayer, macht mit ihrem theoretischen, kapitalismuskritischen Unterbau da keine Ausnahme. Über vier im Raum verteilte Flatscreens hinweg entwickelt sich eine Spielhandlung. Ein Film zeigt zwei Frauen, die am Rande einer belebten Autobahn Waren austauschen: eine Schere, einen Ball, aber auch Putzmittelbehälter, auf denen in Großbuchstaben „Toxic“ steht. Später sieht man beide Frauen, wie sie die Gegenstände in einer Badewanne wie Gummi­entchen zum Schwimmen bringen. Die realen Spielszenen wechseln sich mit Computeranimationen ab: Eine geballte Faust hoppelt durch die Wüste, findet eine Pflanze, gießt diese erst und verspeist sie dann, bevor sie in Konflikt mit anderen Fäusten gerät, die selbst ihre Pflanzen bewachen. Gilligan bebildert ihre Thesen unmiss­verständlich plakativ: Verdrängung und das Recht des Stärkeren, die Mechanismen des Warenaustausches, die Absurdität des zeitgenössischen, neoliberalen Kapitalismus.

Die Bildästhetik, derer sie sich hier bedient, ist gerade sehr in Mode: die Nutzung wenig spezifischer Bilder, das Sampling von Bildsprachen aus Reality-TV und Teleshopping-Kanälen, das Verwenden von Preset-Schnitteffekten. Ein Künstler wie Simon Denny beispielsweise führt in seinen installativen, medienkritischen Displays die Ästhetik moderner Gebrauchselektronik und Netzkultur sowie die Strategien digitalen Konsums auf intelligente Weise ad absurdum. Er treibt diese soweit, dass zwischen Produkt, Werbung und Werk nicht mehr zu unterscheiden ist. Genau ein solches Auf-die-Spitze-Treiben vermisst man jedoch bei Gilligan. 4 x exchange/abstraction möchte Dinge vereinen, die sich gegenseitig ausschalten: Die Künstlerin setzt zum einen auf eine offene, nur angedeutete Spielhandlung und droht dann doch wieder mit der Faust der Didaktik – gerade wenn man sich als Betrachter auf die Ästhetik des Kippenden, Vagen und scheinbar Oberflächlichen eingelassen hat; ganz so, als dürfe man eben doch nicht selbst entscheiden, was man von all dem hält, was die Künstlerin hier zu kritisieren sucht. Gilligans digitale Spielereien verstärken diesen Eindruck noch: Immer wieder kollabieren die Bilder plötzlich dramatisch, zerfransen in ihre elektronischen Bestandteile und verschwimmen zu abstrakten Schlieren. Es scheint, als ob Gilligan selbst der Wirkung ihrer auf Vagheit angelegten Spielhandlung misstraut. Doch auch der dramatische Kollaps der Bilder taugt kaum als wirksamer Verweis auf den dunklen kapitalistischen Albtraum – den Kollaps der Kreisläufe aus Waren und Geld.

Gilligans frühere filmische Episoden-Dramen Crisis in the Credit System (2008) oder Popular Unrest (2010) haben die Prägnanz, die dieser Ausstellung fehlt: In absurden Spielszenen, die ebenso viel mit Bertolt Brechts epischem Theater gemein haben wie mit Scripted-Reality-Formaten, lässt Gilligan ihre Schauspieler in rasendem Tempo hintersinnige Dialoge sprechen, die Größenwahn und Paranoia eines von jeder Realität entkoppelten Finanzsystems desavouieren. Dabei schaltet sie sich kurz, aber konsequent in die ästhetischen und linguistischen Codes jener Systeme ein, die sie kritisiert: vom leicht konsumierbaren TV-Drama über Börsensprech und Corporate Slang bis hin zum Motivationstraining für Manager. In der Galerie jedoch scheinen sich die unterschiedlichen Register von Affirmation und Kritik selbst kurzzuschließen und jeden Erkenntnisgewinn zu ver­hindern: Weder greift die pseudo-affirmative Huldigung des Warenfetischs noch der holzschnitthafte Verweis auf die Absurdität und Brutalität kapitalistischer Kreisläufe. Und plötzlich wirken Gilligans aufwendig produzierte, bewegte und stille Kippbilder in dieser Schau wie ein Produkt eben jener Strategien, die sie in früheren Arbeiten so nachhaltig kritisiert und die sowohl den globalen Kapitalismus als auch den Kunstmarkt beherrschen.

Ausgabe 14

First published in Ausgabe 14

Mai 2014

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