Natalie Czech

Galerie Kadel Willborn

Natalie Czech, A Critic’s Bouquet by Rachel Valinsky for Camille Henrot, 2015, zweiteilig, verschiedene Materialien

Immer wenn ich die Arbeiten von Natalie Czech sehe, fällt mir ein Gedicht des russischen Dichters Velimir Chlebnikov ein: „Babeobi sangen die Lippen / Veeomi sangen die Augen / Pieeo sangen die Brauen / Lieeej sang das Gesicht. Gsigsigseo sang die Kette, / so lebte auf der Leinwand irgend­welcher Entsprechungen / außerhalb der Umrisse – das Gesicht.“ Dieses Gedicht begleitete das Manifest Ohrfeige dem öffent­lichen Geschmack, das 1912 in Moskau ver­öffentlicht und auch von Kazimir Malewitsch unterschrieben wurde. Malewitsch war es auch, der drei Jahre später, 1915, das abstrakte Bild, auf das Chlebnikov anspielt, als einer der ersten ausstellte. In diesem Gedicht geht es um das Verhältnis von Bild, Text und Klang und eben um das, was sich nicht in konkrete Formen fassen lässt: das, was sich immer wieder zwischen das Bild und den Text schiebt.

Und auch Czech arbeitet sich am Verhältnis von Text und seiner visuellen Form ab. Seit 2003 beispielsweise in der Serie Poems by Repetition. Es geht ihr dabei um den Prozess der Wahrnehmung eines Kontextes auf der einen und des Visuellen auf der anderen Seite. Wie verhält es sich mit dem Lesen eines Textes, das auf den Inhalt aus ist, und dem Sehen, das der Form nachgeht? Betrachtet man eine beschriebene Seite unter formalen Aspekten, liest man den Text nicht, beginnt man aber zu lesen, verliert man das Formale aus den Augen und konzentriert sich auf die einzelnen Worte und Sätze. Bedeutet das nun, dass sich die Wahrnehmung des Kontexts von der des Visuellen unterscheidet? Wenn ja, wie? Und wie ist es mit dem, was sich „zwischen den Zeilen“ abspielt? Und überhaupt, welche Bedeutung hat der Klang?

In Czechs Düsseldorfer Ausstellung My Vocabulary Did This To Me sind einige Arbeiten aus dieser Serie Poems by Repetition zu sehen. Ein Dyptichon zeigt je einen Kopfhörer der Firma Urbanears nebst seiner jeweiligen Verpackung. Das Kabel des ersten Kopfhörers ragt ins andere Bild hinein, wie eingestöpselt in der dort abgebildeten Verpackung – eine Anspielung auf den sogenannten „Zound Plug“, mit dem die Urbanears-Kopfhörer zusammengeschlossen werden können. Auf den Verpackungen sind Beschreibungen zu lesen, einige Buchstaben sind mit weißem Stift nachgezeichnet. Man schärft den Blick auf die weiß gezeichneten Buchstaben und liest: „all of it /after all / but most of all / air“ – Zeilen aus einem Gedicht von Vsevolod Nekrasov (A poem by repetition by Vsevolod Nekrasov, 2015). Und plötzlich werden diese sachlichen Fotos, zu denen es scheinbar nichts hinzu­zufügen gab, mit Gedanken, Bildern und Klängen gefüllt – nicht zuletzt bedeutet das Wörtchen „air“ im Bereich der Musik ja auch „Melodie“.

Weiter werden zwei neue Serien gezeigt: A Critic’s Bouquet und to [icon] (beide 2015). Für die Serie A Critic’s Bouquet fragte Czech fünf Kritikerinnen und Kritiker, Besprechungen von Ausstellungen ihrer Wahl zu schreiben. Allerdings sollten sie in diesen Kritiken Schlagworte aus einem Lexikon der Blumen aus dem Viktorianischen Zeitalter verwenden, in dem einzelnen Blumen bestimmte Bedeutungen zugeschrieben wurden. Czech suchte dann entsprechend der verwendeten Schlagworte die jeweiligen Blumen zusammen, band sie zu Sträußen und fotografierte diese. Auf den fünf farbigen Fotos werden diese Sträuße an die Künstler „übergeben“. Die einzelnen Blumen sind dabei mit Nummern aus dem Lexikon gekennzeichnet und auf einem Zettel, der an dem Strauß hängt, kann man die dazuge­hörenden Schlagworte lesen: Ketten beständiger Codierung, De- und Recodierung. Auch visuell bieten diese Arbeiten einiges und nähern sich dem Verhältnis Wort und Bild noch einmal anders. Sie geben der Serie wieder neuen Schwung, denn einige der letzten Arbeiten der fortlaufenden Serie Poems by Repetition waren visuell nicht ganz frei von Eintönigkeit.

Aus der Serie to [icon] sind zwei Fotos zu sehen. Das eine zeigt ein Smokinghemd, so exakt und sachlich wie nur möglich. Czech aber zeichnet mit akkuraten und kräftigen Strichen einen Abschnitt des Hemdes und des Kragens derart nach, dass daraus ein anderes Zeichen entsteht, ein „Icon“: ein leeres Blatt mit geknickter Ecke, wie es in verschiedenen Computerprogrammen zum Einsatz kommt (und dort jedes Mal für etwas anderes steht: „Draft“, „Blank Page“ oder einfach „New“). Eine Aufschlüsselung findet sich, wie schon bei den Blumen, auf einem Zettel, der auf das Hemd geheftet zu sein scheint (Paperdraft, 2015). Czech meinte einmal in einem Interview, es gehe ihr um das Aufeinandertreffen „verschiedener Autoren (Designer, Text­autoren, Poeten, Illustratoren, Fotografen und anderen)“, darum, „wie ihre Erzeugnisse sich plötzlich zueinander verhalten und was passiert, wenn ihre Stimmen anfangen zu kommunizieren“. Wie das aussehen kann, zeigen diese neuen Serien auf eine poetisch-spielerische und eben doch überzeugende Art und Weise.

Ausgabe 21

First published in Ausgabe 21

August 2015

Latest Magazines

frieze magazine

September 2019

frieze magazine

October 2019

frieze magazine

November - December 2019