Olga Balema

Zwischen den Körpern

How it feels I and II, 2013, Plastikbox, Stahl, Schlauch, Wasserpumpe and Textil (courtesy: die Künstlerin & Galerie Fons Welters, Amsterdam; Fotografie: Gert Jan van Rooij)

Her Curves. Warm Bodies. Body of Work. What Enters … – Hängt man die Titel von vier neueren Ausstellungen Olga Balemas aneinander, zeichnet sich ein kontinuier­liches Interesse deutlich ab: der Körper als eine zugleich in sich geschlossene und durchlässige Einheit. Anders gesagt: Es geht um die Einsicht, dass der menschliche Geist und das Selbst klar abgegrenzt sind, auch wenn Körper porös sind und in dauerndem Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Und so setzt sich die in der Ukraine geborene, in Berlin und Amsterdam lebende Künstlerin mit der Spannung zwischen materieller Widerstandsfähigkeit und Zerbrechlichkeit auseinander. Dieses Anliegen manifestiert sich beispielsweise in formalen Erkundungen der Membran – einer, wenn auch sehr zarten, Schnittstelle zwischen Innen und Außen.

Zu ihren vielleicht bislang bekanntes­ten Werken zählt eine Serie von unbetitelten platten Plastikbeuteln, die an riesige Infu­sionsbeutel erinnern und mit Wasser und unterschiedlichen Objekten prall gefüllt sind. Die erstmals 2013 in What Enters in der Den Haager Galerie 1646 und jüngst auf der New Museum Triennial von 2015 gezeigten Werke sind faszinierend in ihrer Fra­gilität – man meint, sie könnten jeden Moment bersten – und ergreifend in ihrer Kombination eingepferchter Alltagsmate­rialien: etwa rostende Metallteile, zerfa­serter Stoff, Gartendekorationen, Kiesel und Chilischoten – jede Arbeit beinhaltet etwas anderes. Man könnte diese wie versteinert im Wasser liegenden Dinge, von denen sich viele im Verfallstadium befinden, als Sinn­bild für all die Schadstoffe begreifen, die wir sowohl in unsere Körper aufnehmen als auch selbst in die Umwelt einbringen. Langsam vor sich hin rottend aber lösen sich diese Fremdkörper allmählich in ihrem Wirt auf. Die Objekte, die wie Fossilien in ihren Plastikbehältern liegen, erscheinen selbst wie Wesen mit einem Leben und Nachleben.

Auch andere Werke Balemas widmen sich den Transformationen, die Gegenstände mit der Zeit durchlaufen. In der Ausstel­lung Body of Work (2013) bei Fons Welters in Amsterdam rosteten Blecheimer – in die über ein dünnes Röhrchen permanent Wasser rann – langsam vor sich hin. T-Shirts und Leggins, bedruckt mit schlecht aus dem Chinesischen ins Englische übersetzten Texten, lagen in den Eimern oder waren über diese gespannt. Sie saugten sich stetig mit rostigem Wasser voll. Dieser langsame Prozess – eine Art Ruinierung durch Ver­färbung – war eher melancholisch als spektakulär. Die Kleidungsstücke zeigten nicht nur, wie nutzlos sie ohne einen Körper sind, der sie lebendig werden lässt, sie ließen auch daran denken, wie der sterbende Körper wieder zu den Grundstoffen zerfällt, aus denen er besteht.

Ebenfalls in Body of Work zeigte Balema drei handgefertigte farbige Latexhandschuhe an überlangen Ärmeln, von denen einer am Boden lag und zwei von der Decke baumelten – wie bei den T-Shirts schlaffe, leere Hüllen für offenkundig fehlende Glieder. Es gibt, würde Judith Butler sagen, keinen Körper ohne Genderbezug, und in Balemas Werk, mit seinen Bezügen zur Schönheitskultur und den Ängsten vor dem Älterwerden, kann man viele Arbeiten als Beschäftigung mit der weiblichen Körperlichkeit und ihrer Subjektivierung verstehen. Und doch ist das nur eine Facette eines breiter angelegten Interesses für die Interaktion des Körpers mit seiner Umwelt. Balemas Arbeiten sind, insofern sie den Körper in seinen genderspezifischen Aspekten behan­deln, ohne seine Bedeutung darauf fest­zulegen, mit den Werken einiger ihrer Zeitgenossinnen (übrigens ebenfalls in Berlin ansässig) vergleichbar: Die _Puddle_-Serie von Marlie Mul, unansehnliche, auf dem Boden arrangierte künstliche Pfützen aus Sand, Stein und Kunstharz; die zu reliefhaften weiblichen Torsi geformten Plastikmembranen von Juliette Bonneviot; oder die drahtigen tragikomischen, quasianthropomorphen Skulpturen von Kasia Fudakowski.

Beide Arbeiten: Untitled, 2014, mixed media, Ausstellungsansicht, nature after nature, Kunsthalle Fridericianum Kassel, 2014 (courtesy: Croy Nielsen, Berlin, High Art, Paris & Galerie Fons Welters Amsterdam)

Balemas am stärksten gestische und abstrakte Werke gehen über das Prinzip einer Membran als Umgrenzung hinaus: gewundene, teilweise mit Latex in kräftigen Farben beschichtete Schaumstoffplatten, die mit dünnen Stahlstäben an Wänden und Decken befestigt sind – flottierende Scheiben, wie Gewebeproben für die Laboranalyse. Jede trägt den Basistitel Interior bio­morphic attachment, der durch Nummern oder spe­zielle Hinzufügungen in Klammern ergänzt wird, etwa (looking at a beloved, (Sunset) oder (The return). Arbeiten aus dieser Serie waren 2014 in der Gruppenausstellung Puddle, Pothole, Portal im New Yorker SculptureCenter, in Balemas Einzelausstellung Her Curves bei High Art in Paris sowie der Gemeinschaftsausstellung Warm Bodies mit Jonathan Baldock in der Kunstvereniging Diepenheim zu sehen.

In der Ausstellung von Balema und Anne de Vries bei Michael Thibault in Los Angeles war das Körperinnere nach außen gestülpt, die Eingeweide lagen auf eine fast schon komische Weise offen. Eine Ansammlung von langen Innereien aus Latex (die an die langen Ärmel der Handschuhe in Body of Work erinnerten) stand für das Innenleben des Körpers, das hier keine Hülle hatte. Im Gespräch erzählte Balema, die Rede vom Bauch als Metapher für Gefühle habe sie fasziniert: „Spuck schon aus“, „dem Bauchgefühl trauen“, „Schmetterlinge im Bauch“ – Ausdrücke, in denen die Metaphorik den physischen Aspekt in den Vordergrund rückt. Der Körper steht immer dann im Mittelpunkt, wenn von Emotionen die Rede ist, die man anders vielleicht gar nicht zum Ausdruck bringen kann. Viele von Balemas Arbeiten beziehen Textfragmente mit ein, wiederum ein Verweis auf die Unzulänglichkeiten der Sprache, etwa in einer Serie von Drucken auf Leinwand mit Plattitüden über Liebe und Gefühl – der Text des Country-Songs You Are My Sunshine beispielsweise (You Are My Sunshine, 2013).

Bei solchen Texten mag man an die vergeblichen Bemühungen denken, angesichts der vorgeschriebenen oder klischeehaften Ausdrucksformen für Emo­tionen mit anderen Menschen – körper­lich oder sprachlich – in Verbindung zu treten: Schnulzen oder Liebesgedichte. Wie kann man Traurigkeit zum Aus­druck bringen, ohne dabei schmalzig oder abgedroschen zu klingen? Balema sucht nach ernsthafter materieller Bedeutung in einer Zeit der Überfülle und der Weg­werfartikel, und sie versucht, innige emo­tionale Verbindungen darzustellen, während Gefühle selbst zu einem stra­tegisch erzeugten Produkt geworden sind. Es ist letztlich die Membran zwischen Ernsthaftigkeit und Sentimentalität, die ihr ebenso empfindsames wie reflek­tiertes Werk zusammenhält.
Übersetzt von Michael Müller

Elvia Wilk lebt als Autorin in Berlin. Sie ist Contributing Editor der Zeitschriften uncube und Rhizome.

Ausgabe 19

First published in Ausgabe 19

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