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Oscar Tuazon

Galerie Eva Presenhuber

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Oscar Tuazon, A Home, 2014, Installationsansicht

Oscar Tuazon, A Home, 2014, Installationsansicht

Die visionären Züge früher experimenteller ökologischer Architektur – in den 1960er Jahren etwa in der amerikanischen Kommune Drop City erprobt – gewinnen in Zeiten des Klimawandels erneut an Bedeutung. Oscar Tuazon, Künstler, Autor und Mitgründer des Kunstraums Castillo/Corrales in Paris, greift in seinen Arbeiten immer wieder auf solch alternative, auf ein einfaches, autarkes Leben ausgerichtete architektonische und soziale Experimente zurück, auf Stra­tegien der Do-it-yourself- oder Survival-Bewegung. An den Schnittstellen von Skulptur, Architektur und Design operierend, fordert er in brachialen Interventionen die Architektur von Ausstellungsorten genauso heraus wie die Belastungsgrenzen seiner bevorzugten Werkstoffe Beton, Holz oder Stahl.

In der knapp A Home betitelten Aus­stellung setzt Tuazon das mobile Isolationsverfahren Beadwall ein, das der Solar- und Architekturpionier Steve Baer in den 1970er Jahren entworfen hatte. Dafür wird der Zwischenraum von Doppelglasfenstern abends mit Styroporkügelchen gefüllt und morgens wieder entleert. Tuazon hat dieses Prinzip für sechs technoide Fensterstrukturen – beispielsweise Curtain Wall oder Problem Solver (2013) betitelt – zweckentfremdet: Behelfsmäßig auf Stahlfässern montierte Motoren haben über Schläuche Styroporkügelchen zwischen die Scheiben gepumpt, stehen inzwischen jedoch still. Ob die Technik noch funktioniert ist fraglich. Sowieso ist das Prinzip der Isolation innerhalb eines Raums sinnlos, und Ein- oder Ausblicke ermöglichen diese Fenster nur bedingt. In einer für Tuazon ungewohnt zurückhaltenden Installation säumen diese Fensterattrappen eine monumentale Plattform aus Grobspanplatten, die von einer massiven Gipswand unterteilt wird. Ihnen gegenüber wurden formal entsprechende quadratische Gipsgüsse auf Stahl­gittern an die Galeriewände gehängt, als wären es Tafelbilder. Hergestellt wurden sie auf der Fläche der ganz hinten im Raum platzierten Fensterskulptur Substitute (2013). In ihr ist der Styroporkreislauf durch den beigemischten Gips endgültig zum Stillstand gebracht worden. Die Titel der quasi tauto­logisch an den Galeriewänden angebrachten Platten – wie Another False Wall (2013) – verweisen auf die ihnen zugedachte Rolle als Surrogatwände. Denn bei A Home, schreibt der Künstler im Pressetext, handelt es sich um ein 1:1-Modell seines abgelegenen Hauses in den Wäldern bei Seattle. Die Strom- und Wasserversorgung dieses lediglich aus zwei Räumen bestehenden ehemaligen Lagerhauses wurde in Do-it-yourself-Manier angelegt, so dass es, zwar noch unfertig, im Sommer als Atelier taugt.

Als abstraktes Architekturmodell eröffnet A Home einen potenziellen Wohnraum im Galerieraum. Im Gegensatz zu früheren Interventionen, die bestehende Architektur konfrontativ angingen – 2010 besetzte Tuazon die Kunsthalle Bern mit einer Struktur aus rohen Holzbalken –, fügt es sich perfekt in den Ausstellungraum. Das Prinzip „Haus“ ist hier offen angelegt und wird im Weglassen von konstitutiven Elementen wie Wände und Dach sowie der ört­lichen Verankerung mehrfach unterlaufen. Privater und öffentlicher Raum greifen ineinander. Die Stärke von A Home liegt im Schwanken zwischen funktionaler Anlage und faktischem Versagen, zwischen materieller Präsenz und Leere sowie darin, dass Galeriewände und -decke an die Leerstellen dieses dysfunktionalen Heims treten. Es ist zudem eine Art Gegenentwurf zu Tuazons letzter Ausstellung in der Galerie, Manual Labor (2012). Damals folgte er dem Prinzip Wohnhaus lose mit Fokus auf die Innen­ausstattung. Die handwerkliche Arbeit und ad-hoc-Entscheidungen während des Aufbaus waren dabei als performative Ebene von Bedeutung. Dieses Mal wurden die Expo­-nate wie Bestandteile eines Fertighauses im Atelier konzipiert. Im Gegensatz zur Widerspenstigkeit und prekären Balance von Tuazons verkeilten Strukturen und improvisierten Konstruktionen wirkt diese Ausstellung doch etwas „domestiziert“.

Ausgabe 14

First published in Ausgabe 14

Mai 2014
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