Tiril Hasselknippe

DREI Köln

Tiril Hasselknippe, Phones (harp), 2015, Bronze, Gitarrensaiten und Stimm-Mechanik

Tiril Hasselknippe, Phones (harp), 2015, Bronze, Gitarrensaiten und Stimm-Mechanik

Bei Phones, dem Titel von Tiril Hasselknippes Ausstellung in der Kölner Galerie DREI, könnte man eine künstlerische Auseinandersetzung mit Telefonen erwarten. Aber Hasselknippe interessiert sich eher für den griechischen Stamm des Wortes, die Silbe „phon“, die ursprünglich Stimme, Laut oder Klang bedeutet. Im Pressetext der Galerie wird dazu auf frühe elektronische Ambient-Musik verwiesen. „Im Grunde ist sie eine sehr dichte, erfüllte Stille…“, so beschreibt sie der Autor dort – eine Formulierung, wie sie in der Tat auch auf die Handvoll verstreuter Werke in der Ausstellung zutrifft.

Die kleinste Arbeit sieht ein wenig wie ein Eierschneider aus (Phones (Xylophone), alle Arbeiten 2015): Aus vier fest mitei­nander verbundenen Dachlattenabschnitten geschnitzt, mit einer geschliffenen runden Vertiefung in der Mitte, wäre eine Bespielbarkeit als Xylophon denkbar, könnten die vier Stäbe nur getrennt voneinander schwingen. Wie ein kurz abgestellter fliegender Teppich liegt auf dem Boden eine an den Rändern ausfransende Glasfasermatte. Mit blauem Kunstharz unregelmäßig gesättigt, wirkt sie eher schorfig und rauh, in ihrer Farbigkeit aber gleichzeitig leicht (Phones (shield)). In früheren, ähnlichen Bodenarbeiten formte die Künstlerin Topografien der kalifornischen Wüste ab, hier aber verweist der Titel auf eine Windschutzscheibe (engl. „shield“): den Rahmen, durch den man die Landschaft erfährt, der aber auch vor Fahrtwind und dem Einfluss der Umgebung schützt. Durch eine absurde Applikation wird dieses Bild wieder verkompliziert: Vier silberne Harfensaiten sind an der Matte befestigt und liegen wie dekorative Schnörkel darauf.

Auch die drei größten Arbeiten, etwa bauchhoch und aus Beton (Phones (pillar)), haben Saiten, die wie einzelne lange Haare am kahlen Kopf eines alternden Hippies hängen. Sie sind nur an einer Seite befestigt, ohne Spannung und unstimmbar, die dazugehörigen Stimmbolzen liegen nutzlos daneben auf dem Boden. Diese drei Betonarbeiten lehnen an den Wänden und wirken fast wie Stützpfeiler an den Außenwänden einer gotischen Kathedrale – statisch absichernd und rhythmisch strukturierend. Hasselknippe hat sie vor Ort in mitgebrachte Metallformen gegossen, die sie mit rosa Pigment bestäubt hatte. So ergeben sich etwas improvisiert wirkende, klare aber auch komplexe Formen, die innen sanft gewellt, außen zackig sind, hinten roh und rauh, vorne rosa und glatt: eine biomorphe An­mutung von Körperlichkeit.

In einer weiteren Arbeit wird die Architektur wie eine konsequente Erweiterung des Instruments dargestellt: eine Harfe, die aus einer in Bronze abgegossenen geschnitzten Dachlatte besteht, wird von sieben Saiten an der Wand festgehalten und lehnt in den Raum hinein (Phones (harp)). Sie ist jedoch ebenso unspielbar wie alle anderen „Instrumente“, weist aber darauf hin, wo die Musik entstehen könnte: nämlich in der Spannung zwischen künst­lerischem Ein­griff und dem Bezug zum Ort.

„No strings attached“, sagt man auf Englisch, um auf die Unverbindlichkeit von etwas hinzuweisen. Im Umkehrschluss würden die Saiten, mit denen die Künstlerin ihre Arbeiten ausstattet, eine konkrete Verbindlichkeit nahe legen. Als relativ kleines Detail verändern sie die Wahrnehmung in Bezug auf die einzelnen Arbeiten und deren Beziehung zu ihrer Umgebung. Das Motiv des abwesenden Klangs eröffnet assoziative Denkräume für die Betrachter – und wirkt wie ein beinahe trotziges Beharren der Künstlerin auf dem poetischen Potential ihrer Kunst.

Andreas Schlaegel ist Künstler und Autor. Er lebt in Berlin.

Ausgabe 19

First published in Ausgabe 19

Mai 2015

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