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Anna-Sophie Berger

Auf der Haut

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Medium (Green), 2014, digital print on Dibond with performer at JTT, New York; Alle Bilder courtesy: die Künstlerin & JTT, New York

Medium (Green), 2014, digital print on Dibond with performer at JTT, New York; Alle Bilder courtesy: die Künstlerin & JTT, New York

Die Künstlerin Anna-Sophie Berger, Modedesign-Absolventin der Angewandten in Wien, bemerkte mir gegenüber einmal, dass sich Künstler, Kuratoren und Galeristen zu Mode hingezogen fühlten, weil Mode – in ihrer offenkundigen Kommerzialität – eine erstaunliche Authentizität besitze. Die Modebranche macht keinen Hehl aus Geld und Luxus, aus ihrer Wiederverwertungs- und Wegwerfkultur – das ist erfrischend. Vielleicht ist Mode einfach genau das, was sie ist: Design, Produkt, Werbung, Absatz.

Als Künstlerin stellt Berger hauptsächlich Mode aus. Obwohl sie im Wechsel von der einen in die andere Sparte mit den entsprechenden Unterschieden sorglos umgeht, hinterfragt sie sowohl in Kunst wie auch in Mode verschiedene Formen der Produktion, Distribution und Wertzuschreibung. Bergers Arbeiten bieten sich zum Transfer an, nicht zuletzt dank der Reduk­tion ihrer Kleidungsstücke auf einfachste Elemente. Arbeiten wie Square Window Tunic (2011) etwa bestehen aus wenig mehr als klaren Kanten und Stoff mit Gitter­muster. Die Ästhetik ihrer Arbeiten weist Ähnlichkeiten mit minimalistischen Skulpturen auf. Bergers could be a scarf (2014) erinnert an Robert Morris’ Filz-Skulpturen. Am nächsten aber sind ihre Gewänder den Formen und satten Farben der Textilarbeiten von Franz Erhard Walther. Zudem interessiert sie sich, wie Walther auch, für das Verhalten des Kunstobjekts, seine Tragbarkeit und seine Aktivierung durch den Körper.

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could be a scarf, 2014,Roter Seidensatin und Faden

could be a scarf, 2014,Roter Seidensatin und Faden

2013 produzierte Berger eine Serie von Lederpantoffeln, auf deren Oberseite in großen Zahlen die Schuhgröße zu lesen ist – je eine Ziffer pro Pantoffel: 39, 40, 41 (die Zahlen sind ebenfalls die Titel der jeweiligen Arbeiten). Die Objekte wurden 2013 bei HHDM in Wien und bei Clearing in Brüssel gezeigt, 2014 bei Tanya Leighton in Berlin und Off Vendome, Düsseldorf. Meist standen sie einfach in der Ecke oder lagen – wie Spuren einer Schlafzimmerszene – an der Wand. Berger erzählte mir von einem Seidenkleid mit Rastermuster aus ihrer Kollektion M-M2 (2011), das im ver­gangenen Jahr in der Gruppenausstellung Snout to Tail in der New Yorker Galerie JTT zu sehen war. Es wurde von einer Galeristin aus Downtown erworben, tauchte danach auf einem Modeblog auf und wurde schließlich auf einer Kunstmesse-Afterparty besudelt. Berger gefällt, dass ihre Arbeiten ein derart kontextübergreifendes Potential entfalten können.

In ihrer Einzelausstellung KE-17 JIGSAW KE-03 LARGE PINKING KE-24 SCALLOP KE-16 POSTAL bei JTT zu Beginn dieses Jahres stellte Berger zusätzlich zu vier Kleidungsstücken in vier Farben – Rot, Gelb, Blau und Grün – Fotografien derselben aus, aufgezogen auf Dibond oder auf Seide gedruckt. Die Textilien übernahmen die Rolle eines Prototyps: ein Rock, geformt wie das Schnittmuster eines Rocks. Auch wenn alles von Berger handgefertigt war, hatten die Objekte eine gewisse mechanische Glätte. Für die Vernissage wurden die Kleidungsstücke von jeweils einer Darstellerin für eine Version von Bergers Performance Tell Me What To Do (seit 2013) getragen. Neben den cleanen, beinahe standardisierten Formen der physischen Arbeiten thema­tisiert Berger hier die spezifische Beziehung von Material und Objekt zum Körper. Kleider werden letztendlich vor allem an der Haut getragen.

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Just feel, 2014, Klebetattoo, C-Print auf Pappe und Zellophan

Just feel, 2014, Klebetattoo, C-Print auf Pappe und Zellophan

Die Idee für Tell Me What To Do kam Berger während eines Jobs als kommerzielle Fotografin: Sie sprach ihre Anweisungen für Posen auf Band und spielte sie den Models während der Shootings vor. Dabei fiel ihr auf, wie zwischen Anweisung und Ausführung eine erstaunliche Verletzlichkeit entstand. Diese Interaktionen übersetzte sie in Performances, in denen sie einer unterschiedlichen Anzahl von Teilnehmern simple körperliche Anweisungen gab. In jüngeren Aufführungen reduziert sich das Ganze zu einer Art Zweipersonenstück, in dem Berger und ein Performer ständig die Rollen tauschen. In der Reduktion von Kommunikation auf Kommando – „Sag meinen Namen, steh auf, klatsch in die Hände“ – entwickelt sich aus der Verletzlichkeit einen seltsame Form von Zärtlichkeit. Das Resultat ist eine Art „prozessbasierte Intimität“, in der die Direktheit der Form die Spezifika zwischenmenschlicher Erfahrung greifbar werden lässt.

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Just feel, 2014, Klebetattoo

Just feel, 2014, Klebetattoo

In Tattoo (2014), einer Sammlung ablösbarer Tattoos, die vergangenen September bei Steve Turner Contemporary in Los Angeles gezeigt wurde, nähert sich Berger dem Zusammenhang von Produktion, Affekt, Branding und Körper. Die Tattoos zeigen einen Markennamen, den Berger auf dem Label von Unterwäsche aus einem Ramsch­laden fand. Es handelt sich um eine Marke ohne Markenidentität, ohne Wert, Made in China; ein verschwindend kleines Zeichen aus den komplexen Verkettungen, die unsere Konsumlandschaft bilden und die vom Autor und Theoretiker Bruce Robbins als „Sweatshop Sublime“ bezeichnet werden. Just feel, „Fühl’s einfach“, heißt die Marke. Eine merkwürdige Anweisung, anstößig und süß, glanzlos und wohlklingend zugleich. Berger vervielfältigte Tattoo-Versionen des Labels in der absurden Auflage von 5000 Exemplaren und erinnert damit an die Überfülle, in der die Unterwäsche mutmaßlich produziert wird. Das Ergebnis funktioniert zugleich als Verbreitung wie als Spur spezifischer Erfahrung – es erzählt davon, wie sich massen­produzierte Güter im Persönlichen und Intimen brechen. Berger sagt, ihre Arbeiten funktionierten dann am besten, wenn man sie gleichzeitig als warm und kalt begreife.

Warm/kalt, Masse/Spezifik, prozessual/intim: Bergers Praxis, die wie beiläufig Kontexte überschreitet, funktioniert als Performance von Ambivalenz. Bekannt wurde sie zuerst mit einer fortlaufenden Serie von billig hergestellten schwarzen T-Shirts. Sie trugen in weißen Lettern die Aufschrift „FASHION IS FAST“, darunter die Zahlen des jeweiligen Herstellungsjahres. Diese Zahlen werden jährlich aktualisiert, der vorherige Zyklus wird also entwertet – und gleichzeitig die fortlaufende Aktualität des Projekts angekündigt. Es stimmt: Mode ist schnell. Kunst auch.
Übersetzt von Christine Richter-Nilsson und Bo Magnus Nilsson

Ausgabe 17

First published in Ausgabe 17

Dezember 2014 – Februar 2015
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